Katastrophen-Übung in London Vorgeschmack des Terrors
London - Die Hölle soll am 23. März losbrechen. In einem Londoner U-Bahnhof, der seit einem Unfall im Januar stillgelegt ist, wird ein Angriff mit Chemiewaffen, einer atomaren "schmutzigen Bombe" oder Pockenviren simuliert. 100 Statisten mimen Tote und Verletzte. Polizei, Feuerwehr und Sicherheitsbeamte riegeln die Innenstadt ab, versorgen die Opfer und bringen Menschen aus der Gefahrenzone.
Das britische Innenministerium ließ keinen Zweifel an den Auswirkungen der Aktion. Das öffentliche Leben werde weitgehend zum Erliegen kommen, kündigte ein Sprecher an. "Es wird eine echte Übung sein, die nicht nur auf dem Papier stattfindet." Innenminister David Blunkett glaubt, die Übung werde "sicherstellen, dass wir so weit wie möglich auf einen Angriff mit chemischen, biologischen und nuklearen Waffen vorbereitet sind".
In der "Heißen Zone", heißt es nach Informationen des "Daily Telegraph" in einem 39-seitigen Memorandum der Regierung, würden Polizei, Rettungskräfte und das Militär zum Einsatz kommen. Die Entseuchung der Opfer werde in einer "Warmen Zone" rund um den Anschlagsort stattfinden, während die Einsatzleitung in der "Kalten Zone" positioniert sein solle.
Zudem wurden Pläne bekannt, die Regierung nach einem Terror-Anschlag an einen sicheren Ort zu bringen. Nach Berichten britischer Zeitungen soll das Kabinett aus Whitehall in einen von drei Atombunkern außerhalb Londons gebracht werden, sollte die Hauptstadt angegriffen werden.
Brian Ward, Vorsitzender der Emergency Planning Society, die für die Koordination der Notdienste zuständig ist, sprach gegenüber der Tageszeitung "The Independent" von Plänen der Regierung für eine Massenevakuierung der Londoner Innenstadt im Fall eines Terror-Angriffs. In die Pläne seien auch das Straßennetz rund um die Sieben-Millionen-Stadt sowie die Einrichtung von Aufnahmezentren für die Opfer eines Anschlags einbezogen. Ähnliche Übungen wie die in London sollen den Angaben zufolge künftig auch in anderen britischen Großstädten abgehalten werden.
Die britische Regierung war zuletzt kritisiert worden, die Öffentlichkeit nicht genügend über die Terror-Gefahr zu informieren und keine ausreichenden Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Unzufriedenheit macht sich offenbar auch in Whitehall selbst breit. Der "Daily Telegraph" zitierte einen hochrangigen Regierungsberater mit den Worten, er sei "unglücklich" über die Tatsache, dass im Fall einer Pockenviren-Attacke keine ausreichenden Mengen an Impfstoffen verfügbar seien. Die Regierung habe nur 20 Millionen Dosen eingekauft, während die USA und Deutschland die gesamte Bevölkerung immunisieren könnten.
Prompt versuchte Innenminister Blunkett, die Bevölkerung mit einer Geste der Aufopferung zu beruhigen: "Politiker, mich selbst eingeschlossen, haben und werden keine Impfstoffe bekommen, ehe sie nicht der gesamten Bevölkerung zur Verfügung stehen."
Der Grund für die ministerielle Zuversicht könnte die Tatsache sein, dass selbst die Regierung derzeit freimütig einräumt, keine unmittelbare Gefahr eines Terror-Anschlags zu sehen. Auch die Mammut-Übung in der Londoner City sei keine Reaktion auf eine Bedrohung, hieß es.
Es ist nicht das erste Mal in den vergangenen Wochen, dass die britische Regierung auf drastische Art vor Terror-Anschlägen warnt und wenig später die Entwarnung nachschiebt. Erst im vergangenen Monat warnte John Reid, Chef der regierenden Labour-Partei, vor Anschlägen auf London, die Tausende Todesopfer fordern könnten. Am Flughafen Heathrow brachte die Armee auf Geheiß von Premierminister Tony Blair gar Panzer in Stellung. Keine 24 Stunden später zog Reid seinen "11.-September-Vergleich" zurück: Er habe lediglich vor der "allgemeine Bedrohung durch den internationalen Terrorismus" warnen wollen. Hinweise auf bevorstehende Anschläge gebe es nicht.