Katastrophenhelfer Schlafstörungen, Angstzustände, Depressionen
Hannover - Die Erfahrungen in der Katastrophenregion in Südasien sind nicht nur für Betroffene schwer zu verarbeiten. Auch für die Helfer ist es schmerzlich, mit dem Erlebten fertig zu werden. "Unsere Leute haben furchtbare traumatische Eindrücke mitgebracht. Sie haben Dinge erlebt, die man sich hier einfach nicht vorstellen kann", sagt TUI-Sprecher Robin Zimmermann.
20 Männer und Frauen des so genannten Care-Teams des größten deutschen Reiseveranstalters waren direkt nach der Flutkatastrophe nach Phuket in Thailand geflogen, um deutschen Urlaubern zu helfen. Nach ihrer Rückkehr brauchen sie jetzt selbst Hilfe. Ein Hannoveraner Psychologenteam soll dafür sorgen, dass sie ihre grausamen Erlebnisse besser verarbeiten können.
"Eine Helferin hat fassungslos erzählt, dass sie jetzt wisse, wie der Tod riecht", schildert Psychologe Andreas Herter die ersten Gesprächseindrücke. Die TUI-Mitarbeiter hätten Bilder vor Augen und Geschichten im Kopf, die sie hier im Alltag nicht einordnen könnten. "Dem einen geht ein bestimmtes totes Kind nicht aus dem Sinn, das er gefunden hat. Es kommt ihm vor, als ob er es schon ewig gekannt hätte", erzählt Herter. Andere rangen mit der Erinnerung an Opfer, die sich im Todeskampf aneinander geklammert und so auf der Straße gelegen hätten.
Ein großes Problem seien auch irrationale und falsche Selbstvorwürfe, die sich die Helfer machten. "Sie reden sich ein, dass sie zu wenig getan hätten im Vergleich zu anderen. Deshalb plagt sie ein schlechtes Gewissen", sagt der Psychologe. Zu erklären sei das Verhalten damit, dass sie aus einer bizarren Welt kämen. "Sie selbst waren in Luxushotels untergebracht und 50 Meter weiter türmten sich die Leichen- und Trümmerberge", sagt Herter.
Posttraumatische Belastungsstörung heißt der Zustand in der Expertensprache. "Wichtig ist jetzt, dass die Leute reden und reden und offen über ihre Empfindungen sprechen. Das fällt vielen nicht leicht", erklärt der Experte. Mit Einzel- und Gruppengesprächen, aber auch Rollenspielen über Alltagssituationen versuchen die Psychologen zu helfen. Denn die Langzeitfolgen können schwerwiegend sein. Schlafstörungen, Angstzustände, Selbstzweifel und Depressionen seien keine Seltenheit.
Aber nicht nur die TUI versucht ihren Mitarbeitern zu helfen. Auch das Technische Hilfswerk (THW) bietet seinen heimkehrenden Spezialisten psychologische Betreuung an. "Die erste Gesprächsrunde mit Experten beginnt direkt am Flughafen nach der Landung, noch bevor unsere Mitarbeiter zu ihren Angehörigen gehen", sagt THW-Sprecher Nicolas Hefner. Ziel sei es, eine erste Einschätzung über den Zustand und den weiteren Betreuungsbedarf der Menschen zu bekommen.
Nach 48 Stunden bietet das THW den Betroffenen ein gezieltes und ausführliches sogenanntes Einsatznachgespräch an. Auf eigenen Wunsch können die Rückkehrer mit der Hilfe von Psychologen über ihre Probleme sprechen. "Über 90 Prozent aller Helfer verarbeiten ihre Erlebnisse gut und brauchen keine längerfristige Hilfe", betont Hefner.
Michael Nicolay