Kate und William: Dies einzigartige Briten-Ding - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
SPIEGEL ONLINE

Kate und William Dies einzigartige Briten-Ding

London versinkt im Fahnenmeer, Monarchiefans zelten vor der Abbey und dem Palast: Die britische Hauptstadt ist bereit für die Hochzeit des Jahres, die eine neue Generation von Royalisten schaffen soll. Nur die Wettervorhersage trübt die Stimmung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vor der Westminster Abbey ist schon am Donnerstag kein Durchkommen mehr. "Jesus Christ", schimpft ein Mann im Nadelstreifenanzug, als ihm schon wieder ein Tourist direkt in die Arme läuft. "Zehn Meter in einer halben Stunde", klagt ein anderer, der auf dem Weg zur Arbeit ist.

Der Bürgersteig vor der Kirche, aus der Kate und William am Freitagmittag nach ihrer Trauung auftauchen sollen, ist der beste Platz für das Ereignis des Jahres. Dementsprechend groß ist der Andrang. Margaret Kittle aus Kanada zeltet schon seit Dienstag hier. Die 76-Jährige sagt, sie komme seit 40 Jahren zu jedem Familienereignis des britischen Königshauses - egal ob Hochzeit, Beerdigung oder Thronjubiläum. Die beste Beerdigung, sagt sie, sei die von der Queen Mum gewesen, die beste Hochzeit die von Prinzessin Anne. Ihre Prognose zu William und Kate: "Mal sehen."

Es sind die härtesten Monarchie-Groupies, die hier ausharren - eingeklemmt zwischen dem Dauerstau auf der Straße, der sie rund um die Uhr mit Abgasen eindeckt, und dem Spalier der Kameraleute und Reporter, die rund um die Uhr die gleichen Fragen stellen. Und das alles für einen Platz in der ersten Reihe.

Fotostrecke

William und Kate: Ein Lächeln für ein Königreich

Foto: POOL/ REUTERS

Etwas ruhiger geht es am Buckingham-Palast zu. In Sichtweite des Balkons, wo Kate und William sich um 14.25 Uhr (deutscher Zeit) küssen sollen, zelten drei Studentinnen, die den ganzen Medientrubel unheimlich aufregend finden. "Wir wurden schon vom deutschen, kanadischen, amerikanischen und spanischen Fernsehen interviewt", erzählt Alberi Hansen stolz. Die 20-jährige Amerikanerin aus Los Angeles studiert seit Januar Schauspiel in Wales. Sie ist zusammen mit ihren Kommilitoninnen Stefani Johnson, 19, ebenfalls aus LA, und Caroline Beasley, 20, aus dem englischen Peterborough gekommen.

"Meine Mutter und meine Tante haben zur Hochzeit von Charles und Diana hier gezeltet", sagt Beasley. "Jetzt bin ich dran." Die Geschichten, die ihre Mutter von den Abenteuern vor dem Palast erzählt hat, zählten zu ihren liebsten Kindheitserinnerungen. "Meine Tante hat damals Platzangst bekommen, und sie sind in den Brunnen vor dem Palast gesprungen", sagt sie lachend. Diesmal sei es wohl ein bisschen zu kalt dafür.

Amerikaner lieben die Royals

Die drei frieren, sie haben keine Schlafsäcke, nur Decken. Auf die Frage, warum ihnen der Blick auf die Parade so wichtig ist, sagt Johnson: "Die britischen Royals sind die ultimativen Promis, deshalb lieben wir sie in Amerika." Es sei eben dieses einzigartige Briten-Ding, ergänzt Hansen.

Auch Pamela Steppan kann es kaum erwarten. "Am Tag, als sie die Verlobung bekanntgegeben haben, habe ich die Tickets gebucht", erzählt die 37-jährige Kanadierin aus Edmonton. Sie ist zum ersten Mal in London und lässt sich gerade von ihrer achtjährigen Tochter Isabelle vor dem Palast fotografieren. Steppan erinnert sich noch, welchen Eindruck die Hochzeit von Diana damals auf sie hinterlassen hat. Das Gleiche soll ihre Tochter nun live erleben. "Es ist ihr Prinzessinnen-Trip", sagt Steppan. "Sie hat ihn zum Geburtstag bekommen."

Die Trauung von Prinz William und Kate Middleton, so scheint es, ist die Prinzenhochzeit für die nächste Generation. Während es auch zahllose eingefleischte Royalisten mit grauen Haaren an der Strecke gibt, springen auch viele Jüngere auf das Spektakel an. "Ich glaube, das Königshaus ist gut für Großbritanniens Image", sagt Ricardo Martinez, 29, ein Programmierer aus dem mexikanischen Leon. Er ist auf Europareise und speziell für die Hochzeit aus Paris nach London gekommen.

Nicht alle Touristen wollen sich jedoch an den Absperrungen von den Massen zusammendrücken lassen. Eine Gruppe spanischer Grundschullehrerinnen geht am Freitag lieber im Alternativ-Viertel Camden shoppen. "Die Hochzeit gucke ich mir hinterher auf YouTube an", sagt Paula Garcia, 25, aus Alicante.

Die 59-Minuten-Generalprobe

Während auf der Straße auf die Stunde X gewartet wurde, absolvierten die Hauptdarsteller die Generalprobe in der Kirche. 59 Minuten hielten Prinz William und Kate Middleton sich am Donnerstagmorgen in der Abbey auf, die Zeit wurde von zahlreichen Beobachtern gestoppt. Bereits am Abend zuvor war die Braut am Arm ihres Vaters durch die "lebende Allee" aus sechs Meter hohen Ahornbäumen geschritten, die im Hauptschiff aufgestellt wurde.

Vor dem Goring-Hotel, wo Kate ihre letzte Nacht als Bürgerliche im extra renovierten Royal Apartment (5000 Pfund die Nacht) verbringt, wurde ein weißes Zelt errichtet. Es soll verhindern, dass irgendjemand einen Blick auf Kates Kleid erhaschen kann, wenn sie um 10.51 Uhr in den Rolls Royce steigt, der sie zur Kirche fährt.

Überschattet wurde die Hochzeit bis zuletzt von dem Streit um die Gästeliste. Die britische Regierung vollzog in letzter Minute eine peinliche Kehrtwende: Nachdem sie tagelang darauf bestanden hatte, dass es gute Tradition sei, dass auch Vertreter dubioser Regime der Trauung beiwohnen, lud sie den syrischen Botschafter am Donnerstag wieder aus. Angesichts der Menschenrechtsverletzungen in Syrien sei dessen Anwesenheit in der Abbey "inakzeptabel", teilte Außenminister William Hague mit. Zuvor hatte bereits der Kronprinz von Bahrain abgesagt, nachdem die Einladung heftig kritisiert worden war.

Doch warf die Ausladung des Syrers umgehend die Frage ist, was dann die Vertreter Saudi-Arabiens, Simbabwes oder Swasilands in der Kirche zu suchen hätten. Die Hofierung der ausländischen Despoten wirkt besonders merkwürdig, weil nicht einmal die beiden früheren Labour-Premiers Tony Blair und Gordon Brown eingeladen sind. Im Rückblick hätten Palast und Außenministerium die Liste wohl anders zusammengestellt, sagte der frühere Außenminister Jack Straw der BBC.

Für die Monarchiefans an der Strecke spielt der Diplomaten-Streit um die Gästeliste jedoch keine Rolle. Sie haben vor allem eine Sorge: das Wetter. Nachdem es vor wenigen Tagen noch sommerlich warm war, ist es nun wieder deutlich abgekühlt. Und die Prognose für Freitag ist nicht gerade vielversprechend. "Es ist Regen angesagt", sagt Johnson. "Wir werden nass und durchgefroren sein." Aber, fügt sie hinzu: "Das ist es wert."