Kati Witt Die Akten aus der Eiszeit
Am Tag, als Helmut Kohl siegt, tritt Katarina Witt in Philadelphia auf. Es kommen 17 000 Zuschauer. Am nächsten Morgen denkt sie in der Lobby des Ritz Philadelphia zwischen Palmen, Tischchen und Teegeschirr einen Moment darüber nach, ob es gut für sie ist, dass Kohl seinen Prozess gegen die Birthler-Behörde gewonnen hat. Oder schlecht.
"Vermutlich gut", sagt sie müde.
Sie drückt den Rücken durch und schaut in die Halle, den Kopf leicht in den Nacken gelegt, die Lippen geformt, als wolle sie jemanden küssen, während sie lächelt. So schaut sie oft. Es wirkt, als beträte sie den Raum noch mal. Man kann beobachten, wie die Menschen auf sie aufmerksam werden. Sie tuscheln, manche sammeln Mut, um sie anzusprechen. Sie registriert das. Das Bundesverwaltungsgericht ist weit weg. Helmut Kohl verschwindet aus Philadelphia, es gibt näher liegende Probleme. Zum Beispiel kommt der Cappuccino, den sie bestellt hat, einfach nicht. Das Mobiliar sieht aus, als würde es nach Mottenkugeln riechen. Und wo bleibt eigentlich Uwe, ihr guter alter Freund aus Berlin, der immer Kinderschokolade mit nach Amerika bringt? Sie ist müde, blass und ungeschminkt. Es ist die 35. Station auf der 61-Städte-Tournee von "Stars on Ice", quer durch Amerika. Es nimmt kein Ende. Sie hat gerade die Olympischen Spiele hinter sich, sie hat dort für die ARD kommentiert, sie hat Wayne Gretzky, Katja Seizinger und Marc Anthony getroffen, sie ist mit der Rockband Kiss bei der Abschlussfeier aufgetreten. Jetzt ist wieder amerikanischer Alltag, morgen fahren sie nach Pittsburgh. Es gibt nun noch eine Olympiasiegerin mehr, die ihr folgt. Die ist 16, Katarina Witt ist 36. Ihr Rücken schmerzt. Im Moment kann sie sich vorstellen, nach der Tournee aufzuhören. Draußen ist Märzanfang, noch nicht warm, nicht mehr kalt. Sie hat sich von ihrem Freund getrennt und noch keinen neuen.
Also Helmut Kohl und das Bundesverwaltungsgericht.
"Ich denke, dass man meine Situation schon mit Kohl vergleichen kann", sagt sie. "Es gibt da bei mir so einen Begünstigten-Paragrafen. Sie wollen einen Teil meiner Akte veröffentlichen, aber ich will das nicht. Ich will, dass das endlich aufhört. Es ist so demütigend. Manchmal denke ich, sie nehmen mir mein Leben weg. Es ist wie bei ,Big Brother'."
Sie winkt Kristi Yamaguchi zu, die mit einem russischen Paarläufer in die Stadt will, um einzukaufen. Kristi Yamaguchi war die erste Eiskunstlauf-Olympiasiegerin nach ihr. 1992, das ist auch schon zehn Jahre her. Kristi hört nach der Saison auf, sie will eine Familie gründen. Sie winkt zurück.
"Ohhhhh", macht Katarina Witt. Sie sagt, sie würde gern mitgehen, aber sie hat keinen Platz mehr in den Koffern, schon zu viel eingekauft. Dann lacht sie ihr lautes, irgendwie immer noch sächsisches Lachen. Als Kristi Yamaguchi weg ist, sagt Katarina Witt scheinbar zusammenhanglos, dass Neil Diamond in Providence sein Konzert eine halbe Stunde später angefangen hat, nur weil sie noch im Stau steckte.
"Ein toller Typ, der Neil Diamond", sagt sie.
Wo waren wir stehen geblieben?
Bundesverwaltungsgericht. War sie Begünstigte der Staatssicherheit?
Sie erzählt etwas von einem Lada, den sie unbedingt haben wollte. Er sollte dunkelblau sein, und weil dunkelblaue Ladas knapp waren, hat sie wohl einen aus dem Kontingent der Staatssicherheit bekommen, glaubt sie.
"Den habe ich dann auch gleich an eine Mauer gesetzt", sagt sie und lacht wieder das laute Lachen.
Die Firma DaimlerChrysler stellt ihr heute in jedem Ort der Welt ein Fahrzeug zur Verfügung. In Berlin fährt sie den Kombi; wenn sie in Amerika ist, nimmt sie lieber den Geländewagen. Der blaue Lada ist eine Anekdote. Es ist das, was ihr so einfällt. Wie die Sache, als sie auf der Autobahn von der Volkspolizei gestoppt wurde. Sie war so schnell gefahren, dass man ihr die Fahrerlaubnis wegnehmen musste. Aber weil sie Katarina Witt ist, hat sie den Führerschein gleich wiederbekommen. Heute dürfen alle schnell fahren.
Ein älterer Herr kommt an den Tisch. Sie schreibt ein Autogramm, er sagt, dass ihre Olympiakür in Lillehammer "Poesie auf dem Eis" gewesen sei.
"Danke", sagt Katarina Witt und lächelt ihn ein bisschen länger an, als andere Eisläuferinnen das tun würden. Der Mann bewegt sich wie auf Kufen durch die Halle.
"Einer der Stasi-Leute, mit denen ich zu tun hatte, ein älterer, der hat mir mal Grandeln mitgebracht, das sind so Eckzähne von Hirschen. Die waren doch immer jagen. Und da hat mir der alte General diese Dinger vergolden lassen und zu Füßen gelegt. Die dachten, mir gefällt das. Ich meine, ich habe sie genommen. Das waren für mich alte Männer, alle brainwashed. Ich habe ihnen nicht mal was vorzuwerfen. Die haben ihren Job gemacht. Die sollten mich abschöpfen. Das haben sie getan. Sie hatten doch Angst, dass ich abhaue. Ich wollte nicht abhauen. Sie haben von mir sicher mehr profitiert als ich von ihnen."
Irgendwann kommt der Cappuccino und dann auch Uwe mit der Kinderschokolade. Sie schreibt weiter Autogramme und lässt sich mit wildfremden Leuten fotografieren.
"Hier in Amerika verstehen die nicht, worum es überhaupt geht. Für die bin ich ein Freiheitssymbol. Die Amerikaner sehen mich als lebenden Beweis dafür, dass die Mauer fiel."
Aber auch die längste amerikanische Eislauftournee ist im Frühling zu Ende. In Deutschland warten die Akten.
War sie Begünstigte der Staatssicherheit? Und wenn ja, was heißt das?
Heinz Düx ist ein Frankfurter Anwalt, der sie seit neun Jahren vertritt. Er ist ein Jugendfreund des Liedermachers und heutigen PDS-Vizes Diether Dehm, den Katarina Witt Ende der achtziger Jahre kennen lernte, als sie eintauchte in die kapitalistisch-sozialistische Welt der Halbprominenz. Düx war im SDS und hat als Referendar zusammen mit Otto Schily in den Stammheimprozessen verteidigt. Er sitzt in einem aufgeräumten Büro an einem kleinen Park in Frankfurt am Main. Er hat die Verträge für den Schlagersänger Klaus Lage gemacht und auch Moses Pelham vertreten, nachdem er Stefan Raab niedergeschlagen hatte.
Aber das hier ist was anderes.
"Ich versteh vieles nicht. 1993 hat ein Reporter der 'BZ' einen Antrag auf die Akten von Katarina Witt gestellt. Das ist neun Jahre her. Inzwischen ist er bei der 'Welt'. Vor zwei Jahren fanden die Archivare 1354 Blatt. Wieso es 1354 sind, weiß ich nicht. Katarina hat ja schon mal 1992 Akteneinsicht bekommen, nachdem die 'Chemnitzer Morgenpost' behauptet hatte, sie sei IM. Damals waren es noch 4500 Blatt. Mich würde interessieren, wo der Rest ist. Na ja. Jedenfalls habe ich mich im Sommer 2001 mit Vertretern der Birthler-Behörde getroffen. Wir hatten ein ganz sachliches, offenes Gespräch. Wir sind davon ausgegangen, dass es Opferakten sind, und die Behörde hat versprochen, dass sie die nicht rausgibt. Im Dezember, kurz vor Weihnachten haben sie uns dann mitgeteilt, dass sie sich an das Versprechen nicht mehr gebunden fühlen. Sie hätten 181 Seiten gefunden, auf denen Katarina eher Begünstigte sei. Die würden sie nach der vierten Kalenderwoche 2002 herausgeben. Das war zufällig genau der Beginn der Olympischen Winterspiele. Ein guter Zeitpunkt für die Presse, zumal bekannt war, dass Katarina für die ARD kommentieren würde. Ich hab eine einstweilige Verfügung erwirkt. Es soll ein Verfahren geben, irgendwann im Sommer. Ein Verfahren würde meiner Mandantin schaden, weil sie öffentlich über ihr Privatleben reden müsste. Und es muss öffentlich sein, weil es sonst natürlich nach Gemauschel aussehen würde."
Düx zupft ein Blatt gerade, auf dem die Seiten aufgelistet sind, die Katarina Witt als Begünstigte der Staatssicherheit zeigen.
"Sie haben alles aufgeschrieben. Den Eisbecher, den sie ihr bezahlt haben, das Reisevisum, das sie ihr besorgt haben, den roten Golf. Sie hat als Spitzensportlerin na-türlich Sachen bekommen, die andere nicht bekamen. Das ist doch klar. Die wollten sie doch im Land halten. Laut Stasi-Unterlagengesetz Paragraf 6, Absatz 6, Punkt 1 sind Begünstigte: 'Personen, die vom Staatssicherheitsdienst wesentlich gefördert worden sind, insbesondere durch Verschaffung beruflicher oder sonstiger wirtschaftlicher Vorteile'", sagt er. "Aber trifft das zu auf Katarina Witt? Hat die Stasi die Frau nicht viel mehr ausgenutzt? Kann man das gegeneinander aufrechnen? Es gibt ja keine Literatur zu diesem Gesetz. Keine vernünftige Kommentierung. Es sind so graue Zonen. Frau Birthler hat zum Beispiel zu mir gesagt: ,Seien Sie doch froh, dass es nur 181 Seiten sind, wir könnten da noch ganz andere Sachen zeigen.' Das ist doch wohl ein Witz, solche verschwiemelten Drohungen. Aber ich muss das ernst nehmen. Ich habe Katarina gefragt: 'Sag mal, gibt's da noch was?' Und sie sagt: ,Nicht dass ich wüsste!' Und dann sind da ganze Seiten geschwärzt, und hinten dran steht dann ein Satz, der ihr vorgeworfen wird. Da muss ich doch den Kontext kennen. Wie soll ich sie denn sonst verteidigen?"
Es ist zu bezweifeln, dass Düx den Kontext überhaupt versteht. Es ist eine eigenartige untergegangene Welt, die aus den Akten in seinem Büro wächst. Sie ist verschroben, absurd und an diesem Frühjahrsabend 2002 an seinem westdeutschen Schreibtisch nur noch schwer zu entziffern.
Die Staatssicherheit näherte sich Katarina Witt zunächst wie ein Unterstufenlehrer. In ihren ersten Akten notieren sie ihren Zensurendurchschnitt und das Gesamtverhalten auf der Kinder- und Jugendsportschule Karl-Marx-Stadt. Da ist sie neun Jahre alt, und in ihrer Akte heißt es: "Ihr politisch-ideologischer Reifegrad ist entsprechend altersspezifischen Bedingungen gut ausgeprägt."
Als sie elf ist, schreibt Oberleutnant Kellermann: "Sie hat in unserer Republik eine gesicherte sportliche und berufliche Perspektive."
1981 vermerkt Oberstleutnant Kunze: "Sie wurde politisch positiv erzogen und tritt auch selbst in dieser Hinsicht auf. Die sportliche Entwicklung ist bei der Witt voll gegeben."
1982 formuliert Oberstleutnant Dangriess vorsichtig: "Im Zuge der weiteren Persönlichkeitsentwicklung ist unter Berücksichtigung der sportlichen Erfolge ein erhöhtes Selbstbewusstsein zu verzeichnen."
Sie gewinnt, zum ersten Mal. Sie wächst. Ab 1982 notieren die Stasi-Leute Spannungen zwischen Trainerin Jutta Müller und Katarina Witt. Ein IM-Bericht über ihre Auseinandersetzungen stammt vom 15. Oktober 1982. "Es wird zunehmend öffentlich, in Bratislava schnauzte die Müller sie zusammen, weil sie einen Likör zu sich nahm, den der Veranstalter allen anbot." Oberstleutnant Dangriess berichtet im Mai 1983 über "körperliche Züchtigungen" der Trainerin. "So schickte die Müller die Witt während der Schaulauftournee in Oslo wegen angeblich schlechter sportlicher Leistungen ohne Abendbrot ins Bett."
1984 berichtet ein IM, dass die Witt nicht Trainerin wie Jutta Müller werden wolle, aber gern in der Öffentlichkeit bleiben würde. Sie wolle aufhören, wenn sie bei Olympia nicht gewinne, und scheine damit zufrieden zu sein. Jutta Müller führe das auf zu viele Discobesuche zurück.
Bei der Europameisterschaft in Dortmund üben der westdeutsche Sieger Norbert Schramm und die ostdeutsche Siegerin Katarina Witt einen Walzer für den Abschlussabend. "Die W. weilte insgesamt ca. 2 Minuten mit dem Schramm allein im Zimmer", schreibt ein IM. Der Tanz, den die beiden später auf dem Abschlussball tanzen, füllt fast eine ganze Akte.
Ein Offizier vermeldet, dass inzwischen ein "sehr starkes Selbstbewusstsein zu verzeichnen ist". Im Juni 1984 "zeigt sie bei Fragen von Journalisten nicht immer die erforderliche politische Reife", zudem mache sich "finanzielle Interessiertheit bei ihr verstärkt bemerkbar". Es gibt Angebote westlicher Kosmetikkonzerne. Die Staatssicherheit in Karl-Marx-Stadt sieht die Witt schon in einer "Dallas"-Fabelwelt. Mal ist von Zwei-Millionen-Dollar-Angeboten die Rede, mal von drei Millionen. Das ist alles unvorstellbar viel. Die Interviewanfrage eines amerikanischen Eislaufmagazins wird wie ein Militäranschlag behandelt.
Katarina Witt ist jetzt der "operative Vorgang Flop", sie soll "mit der Zielstellung der Verhinderung von Verratshandlungen sowie der ungesetzlichen Verbindungsaufnahme operativ bearbeitet werden".
Sie ist von informellen Mitarbeitern umzingelt. "Klaus Peter", "Anna-Rose", "Schütze", "Gerhard", "Torsten", "Paul Schmidt", "Benno" und "Maria" trainieren mit ihr, sind mit ihr befreundet. Sie bohren sich in ihr Leben. Einer spielt mit ihrem Bruder in der zweiten Mannschaft des SC Karl-Marx-Stadt Fußball, einer hilft ihr beim Renovieren, einer trainiert sie. Sie lesen ihre Briefe, sie berichten über Gewichtszunahme und Trainingsfleiß, sie bewerten ihre Freundschaften, sie beobachten sie im Ausland, sie spekulieren über Affären und bewerten ihre Streits mit Jutta Müller, die immer heftiger werden.
Als Katarina Witt 1984 bei einer Auszeichnungsreise auf Kuba vier Kilo zunimmt, dreht ihre Trainerin durch. In der Akte kann man nachlesen, wie sich Jutta Müller über die Witt bei verschiedenen Funktionären beklagt. Ihre Leistung sei "beschissen", ihre Kür sei "eine Katastrophe", die Witt habe einen "totalen Zusammenbruch" und höre nach dieser Saison wahrscheinlich sowieso auf. Jutta Müller weint und bietet ihren eigenen Rücktritt an. Es wird ein Machtkampf, der die Karriere von Katarina Witt bedroht.
Anfang 1985 wird aus der Krise eine Staatsaffäre. Der Chef des DDR-Eislaufverbands legt fest: "Man kann die Witt in dieser Verfassung der Weltöffentlichkeit nicht vorführen." Siegfried Lorenz, SED-Chef des Bezirks Karl-Marx-Stadt, wird über ihre Trainingsfaulheit informiert.
Sportverband-Präsident Manfred Ewald "zieht in Erwägung, die Witt wegen ihrer Leistungsschwankungen nicht für die EM zu nominieren, wenn bis dahin keine sichtbaren Trainingsleistungen, die einen EM-Erfolg garantieren, zu verzeichnen sind."
Sie muss gewinnen. Sie haben Angst, dass sie verliert, aber wenn sie dann doch gewinnt, scheint ihre Angst nur noch größer zu werden.
Sie wird jetzt rund um die Uhr bewacht. Ihre Umgebung wird verwanzt. Wohnungen von Freunden und die Eishalle. Am 31. Januar 1985 beschließt die Bezirksverwaltung, dass ihre Einraumwohnung bezugsfertig ist. "Es sind operativ-technische Maßnahmen der Abteilung 26 A und B zur umfassenden operativen Kontrolle einzusetzen."
Katarina Witt glaubt, ihrem Elternhaus, dem wachsamen Vater, endlich entflohen zu sein. In Wahrheit hat sie nun gar keinen Platz mehr, an den sie sich zurückziehen kann. Sie bekommt eine Urlaubsreise nach Bulgarien geschenkt, weil sie Weltmeisterin in Tokio wurde. Es wird dafür gesorgt, dass ein IM mitreist.
Der Druck hört nie auf, in den Berichten wird nie Erleichterung über einen Sieg spürbar. Einmal berichtet ein IM, wie die Witt, nachdem sie die Müller und auch andere Funktionäre wochenlang wegen ihres Übergewichts demütigten, zu einem ehemaligen Paarläufer sagt: "Ich beneide dich, du hast es hinter dir."
Als sie bei der WM in Tokio auf dem Siegerpodest weint, diskutieren die Stasi-Offiziere darüber, was die Tränen zu bedeuten haben.
"Mehrere Meinungen standen im Raum."
Die Müller beschwert sich, die Witt würde sich zunehmend wie ein "Star" benehmen. Aber genau das ist sie. Die Müller verliert an Einfluss. Katarina Witt wird zu berühmt, um sie abzuschalten. Sie müssen sich etwas einfallen lassen.
1986 treten sie offen in ihr Leben. Nach einem versuchten, wahrscheinlich vorgetäuschten Einbruch in ihre Wohnung meldet sich nicht die Polizei, sondern "Bernd". Er ist ein Abteilungsleiter der MfS-Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt, der seine Berichte mit Major Walther unterschreibt. Er verspricht zu helfen, bei der Wohnungssuche und auch sonst. Ihm wird sie künftig ihre Probleme schildern. Sie treffen sich mit ihr in regelmäßigen Abständen in einer konspirativen Wohnung, dem "Objekt Kiefer". Sie wollen herausfinden, was sie will. Was sie braucht, damit sie nicht wegrennt. Sie will ein Auto und eine Wohnung, aber manche Sachen muss man ihr auch von den Lippen ablesen. Wie sieht sie denn aus, die große weite Welt, durch die Katarina Witt so reist? Was muss man ihr bieten? Da ist auch Major Walther unsicher.
Auf Seite 000179 im Band 12 der Akte 2559/89, die von der Behörde als Begünstigtenseite eingestuft wird, steht der Satz: "Bezüglich Speisen äußerte sie den Wunsch, evtl. einmal Ragoût fin zu essen."
Ragoût fin war eines der Gerichte, die den DDR-Bürgern einredeten, dass man gar nicht so weit weg war von der Welt. Ragoût fin war in den achtziger Jahren in der DDR als Vorspeise so populär wie Soljanka, war aber schwerer auszusprechen. Es schien aus Frankreich zu stammen. Sie wollten alles richtig machen. Sie haben ihr Eis und Spaghetti angeboten: "was offensichtlich ihre Anerkennung fand". Im August 1986 zum Beispiel lehnt sie belegte Brötchen der Staatssicherheit ab, "weil die Gift für mich sind", greift sie bei Steak mit Ei zu und isst auch den Apfel. Sie ist ein verzogenes Kind. Jetzt wollte sie Ragoût fin. Wie soll man das heute bewerten? Die Witt erinnert sich kaum noch an "Bernd". Sie läuft mit einer rosafarbenen Sonnenbrille durch einen kleinen Park hinter dem Hotel Hershey, das auf einem Berg in Pennsylvania steht. In einiger Entfernung zuckeln alte Männer mit dünnen Beinen Golfkarren durch den Nachmittag. Die Tournee ist jetzt fast zu Ende. Die Rückenschmerzen sind weg. Es ist Frühling, und sie hat wieder einen Freund. Sie möchte nach vorn sehen. Sie schleppt sich nur mühsam zurück in die Vergangenheit. Es interessiert sie nicht, es ist langweilig. Ohne Geheimnisse. Die Akten, die sie 1992 sehen durfte, hat sie einem Ghostwriter gegeben, der die hastige Biografie "Meine Jahre zwischen Pflicht und Kür" zusammenschrieb, an die sie sich auch kaum noch erinnern kann. Sie hatte mal eine Liste mit Klarnamen aller IM, die sie bespitzelt hatten. Die meisten hat sie vergessen. Sie sagt, die hätten sowieso nur erzählt, was alle wussten. Sie erinnert sich nur noch an eine Trainerin, die sie und ihren damaligen Freund Ingo Pohlitz auseinander bringen wollte. Sie haben ihn zur Armee an die Ostsee geschickt, so weit wie möglich weg von Karl-Marx-Stadt. Das war fies. Aber sonst? "Bernd"?
"Es gab einen Jüngeren, so um die 40, und dann den Alten mit den Grandeln", sagt sie. "Der Jüngere war 'Bernd'. Zumindest war das der Name, den sie mir sagten. Ich habe ihn meistens in so einem Einfamilienhaus getroffen. Das, was sie das Objekt Kiefer nannten. Er tat väterlich. Ich würde ihn heute nicht mehr erkennen."
Nach der Weltmeisterschaft in Cincinnati berichtet sie "Bernd", dass sie in Amerika sehr gut durch das FBI abgesichert worden sei. Die Beamten haben sich ihr vorgestellt und sich immer im Hintergrund gehalten. Das muss man sich mal vorstellen. Sie sitzt in einer konspirativen Wohnung, sie hat gerade einen Blumenstrauß vom Leiter der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit, Genossen Generalmajor Gehlert, zum Gewinn der Goldmedaille bekommen ("Wert von 120 Mark"), und sie lobt das FBI.
Am 11. Dezember 1986 bekommt sie nachträglich zum Geburtstag und für ihren Sieg in Tokio einen Blumenstrauß (27 Mark) sowie einen Nussknacker (100 Mark) geschenkt. Einen Nussknacker zum 21. Geburtstag. Die Birthler-Behörde rechnet das unter Begünstigung ab.
Es fängt an zu nieseln. Katarina Witt läuft weg von den alten Männern, im Tal dreht sich langsam das Riesenrad eines Vergnügungsparks. "Ich hab mich bestimmt über den Nussknacker gefreut", sagt sie. "Die waren doch schwer zu bekommen. Oder?"
Am Tag, als sie den Nussknacker bekam, reden sie auch über die WM in Japan, wo sie von einem Kriminellen bedroht wurde.
"Dabei stand der ihr übergebene Brief eines Mörders, der seine Freundin zerstückelte und ,auffraß', im Mittelpunkt. Die Botschaft der DDR in Japan habe daraufhin Polizeischutz beantragt." Dann heißt es noch lakonisch: "Sie nimmt vom 17. 19.12. an den DDR-Meisterschaften teil." Das ist alles.
Ein japanischer Menschenfresser, eine DDR-Meisterschaft und ein Nussknacker auf einem Aktenblatt.
Ein Universum.
Ihre Welt begann auseinander zu fallen.
Die Staatssicherheit macht sich Sorgen, wie sie das alles zusammenhalten soll. Sie reden ihr ein, ein Schauspielstudium zu beginnen. Aber sie hat kein Talent zur Schauspielerin. Sie ist zu kontrolliert, und ihre Stimme ist zu dünn. Eigentlich will sie nur Eislaufen, eigentlich will sie zur Revue; aber dass ein Mädchen aus der DDR für eine West-Revue läuft, das hat es bisher nicht gegeben. Ihr Vater möchte, dass sie Ärztin wird, irgendjemand schlägt vor, sie soll zum Modeinstitut gehen. Sie tanzt durch alle Welten. Sie tritt bei FDJ-Festivals auf und bei Eisshows in Las Vegas. Sie lernt Erich Honecker kennen, aber auch den Popstar Bryan Adams. Sie will in der DDR bleiben, aber Sonnenblumenbrot aus West-Berlin essen. Sie will einen Pass für sich und ihren Freund. Sie wird SED-Mitglied und will einen Golf. Nichts passt mehr zusammen. Sie beklagt sich bei der Staatssicherheit über die Qualität sowjetischer Autos. Sie habe auch besseren Kontakt zu amerikanischen Sportlern als zu russischen. Nach einem Wettkampf in Japan würde sie doch lieber einen Mitsubishi haben. Später möchte sie einen VW-Bus, einmal taucht der Wunsch nach einem Audi Quattro auf. Sie will nach Berlin. Die SED-Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt besorgt ihr ein Ferienhaus in Altenhof. Es ist alles, was sie ihr bieten kann. Aber sie will auch eine Wohnung. Am liebsten wäre ihr was am Platz der Akademie, da, wo auch der Opernsänger Peter Schreier und die Volksmusikanten Hauff & Henkler wohnen. Sie zeigen ihr eine Wohnung am Ostbahnhof, die ihr zu laut ist, sie sieht sich was in der Friedrichstraße an, schließlich finden sie eine Maisonettewohnung, direkt an der Mauer in Mitte.
Irgendwie scheint alles möglich. In dieser Zeit schlägt sie sogar vor, für ihre Olympiakür das Ende von "Carmen" umzuschreiben. Sie will, dass "Carmen" überlebt. Sie will alles. Sie will einen Golf.
Major Walther schreibt im April 1987:
"1. Im Prinzip kann sie einen PKW vom Typ Golf erhalten.
2. Aber erst nach der Olympiade.
3. Dies ist ihr jedoch nicht so zu sagen."
1988 gewinnt sie zum zweiten Mal Gold bei den Olympischen Spielen und bekommt den Golf. Er ist knallrot. Sie siegt im Showdown mit der US-Läuferin Debi Thomas, die wie sie eine Kür zu einer Melodie aus "Carmen" läuft. Die Witt ist jetzt eine --- S.73 Legende. Sie kann nicht erfolgreicher werden. Sie ist 22, sie muss aufhören.
Aber was dann?
Sie hat Angst, dass sich nach der Karriere niemand mehr um sie kümmert. Sie kennt Weltmeisterinnen, die in Zweizimmerwohnungen verschwinden. Das darf ihr nicht passieren. Sie stellt das Schauspielstudium zurück, sie will Eislaufprofi werden.
"Ihr wurde versichert, dass sie sich jederzeit auf das MfS verlassen kann. Dies nahm sie mit großer Freude zur Kenntnis", schreibt Major Walther.
Ab 1988 wird Katarina Witt zur Staatsangelegenheit der DDR. In ihren Akten tauchen jetzt regelmäßig Minister auf, mal der Außenminister, mal der Bauminister, manchmal auch Erich Honecker selbst. Egon Krenz bietet ihr das Du an.
1988 schreibt der Karl-Marx-Städter Stasi-Chef General Gehlert an Armeegeneral Erich Mielke: "Durch die seit Mai 1986 regelmäßig durchgeführten konspirativen Treffs gelang es, zwischen Katarina Witt und dem Ministerium für Staatssicherheit ein echtes Vertrauensverhältnis aufzubauen und das teilweise noch gespannte Verhältnis zu ihrer Trainerin Jutta Müller zum Positiven zu beeinflussen. Katarina Witt sieht im Ministerium für Staatssicherheit einen Partner, dem sie alle Probleme und Sorgen bis hin zu ihren Beziehungen zu Männern anvertrauen kann."
Anfang Mai fasst sich Major Walther ein Herz. Er schreibt an Mielke.
"Ich erlaube mir, Sie zu bitten, möglicherweise Ihren Einfluss geltend zu machen, damit der Genossin Witt klare Entscheidungen über ihre Perspektive mitgeteilt werden."
Er informiert den höchsten Stasi-Chef der DDR über die Wünsche von Katarina Witt. Sie will einen Reisepass. Sie will einen Manager. Sie will später Moderatorin beim Fernsehfunk der DDR werden. "Als diesbezügliches Vorbild nannte sie Petra Kusch-Lück", schreibt Walther.
Und zum Schluss fügt er eine Beurteilung an. So wie ganz am Anfang, als sie noch Schülerin in der Kinder- und Jugendsportschule war.
"Genossin Witt versicherte erneut, dass wir uns immer auf sie verlassen können und dass sie das entgegengebrachte Vertrauen niemals missbrauchen wird. Ihren Dank gegenüber dem MfS begründete sie auch abschließend noch mit den Worten: ,Wenn ich sie nicht hätte die bisherige großzügige Unterstützung , wären meine Erfolge nicht in dem Maße möglich gewesen.'"
So spricht kein Mensch und schon gar nicht Katarina Witt. Aber es half. Ihr wurden alle Wünsche erfüllt.
Sie bekommt einen Manager, auch wenn sie ihn noch in Anführungszeichen setzen. Den "Manager"-Genossen Heinz Czerwinski. Sie unterschreibt bei "Holiday on Ice".
Trotzdem bleibt sie unzufrieden.
Aus unerfindlichen Gründen zeigt ihr Sportverband-Präsident Manfred Ewald die Mappe, in der er alle Angebote gesammelt hat, die über die Jahre für sie eingingen. "Holiday on Ice" bietet fünf Millionen, sie hat elf Filmangebote, Werbung. Sie wäre reich. Sie lässt sich die Mappe von "Bernd" kopieren und schaut immer wieder hinein.
Ihr Leben passt nicht mehr in die DDR. Sehr gut konnte man das bei dem Ost-Berliner Konzert mit Bryan Adams beobachten, das sie im August 1988 moderierte. Sie hatte Adams überredet, in der DDR aufzutreten, aber die Leute pfiffen sie aus. Sie spürten, dass etwas nicht stimmte mit Katarina Witt. Sie repräsentierte den Staat. Absurderweise erklärte sich die Staatssicherheit die Pfiffe damit, dass Katarina Witt kein FDJ-Hemd trug.
Wahrscheinlich kann man den Untergang der DDR auch gut am Leben von Katarina Witt beschreiben. Das Land war nicht mehr souverän genug, eine Eiskunstläuferin im Griff zu behalten. Ein freches Mädchen aus Karl-Marx-Stadt tanzte ihnen auf dem Kopf herum. Die DDR wollte immer Weltspitze sein. Jetzt besaß sie ein Spitzenprodukt und musste feststellen, dass es das Gegenteil von all dem war, was das Land ausmachte. Denn natürlich war der arme Genosse Czerwinski kein Manager, der Anwalt, den sie gestellt bekam, war nicht loyal, und letztlich fühlte sie sich auch bei "Holiday on Ice" unterfordert. Katarina Witt wollte professionell betreut werden. Die Stasi-Leute entließen Czerwinski wieder und stellten den ehemaligen Radfahrer Thomas Huschke als ihren Manager ein. Sie ließ sich von DDR-Staranwalt Wolfgang Vogel vertreten. Sie gründeten eine Sportvermarktungsagentur, die bei Schalck-Golodkowski angegliedert werden sollte. Bevor sie Profi geworden war, hatten sie ihr ein Devisenkonto mit 750 000 Westmark eingerichtet. Dafür behielten sie nun einen Großteil ihrer Gagen ein.
Sie hörte auf bei "Holiday on Ice" und erarbeitete mit dem amerikanischen Eisläufer --- S.74 Brian Boitano die Konzeption für den Film "Carmen on Ice".
Sie verließ die DDR und merkte es nicht. Wenn man ihr Programm für die letzten Monate vorm Mauerfall liest, wird einem schwindlig. Im Mai 1989 war sie beim Pfingsttreffen der FDJ in Berlin, im Juni auf USA-Tournee, im Juli bei den Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Nordkorea, im September und Oktober dreht sie in Sevilla "Carmen on Ice".
Sie kann überhaupt nicht mehr wissen, was in der DDR passiert. Alles, was sie noch hat, ist so ein diffuses Treuegefühl.
Kann sie sich noch an den VW-Kleinbus erinnern, den sie unbedingt haben wollte?
"Keine Ahnung, was ich damit wollte", sagt sie. "Wahrscheinlich war es für Ingos Schlagzeug. Man merkte immer, unter wessen Einfluss ich stand. Ich wusste nie, was ich wollte", sagt sie.
Kann sie sich an Heinz Czerwinski erinnern, ihren Manager in Anführungszeichen?
"Czerwinski?", sagt sie. "Nee. Aber der war bestimmt nett. Oder?"
Was soll sie dazu sagen? Sie kann sich nicht erinnern, wer sie damals gewesen ist. Sie läuft mit einem schneeweißen Pelzmantel durch Chicago. Der Himmel ist hellblau. Ab und zu steht jemand vor ihr und lobt ihr Aussehen oder ihren schneeweißen Mantel. Das ist das, was zählt.
Das Faszinierende an den Akten ist, dass man Katarina Witt in ihnen erkennt. Man kann ihr Porträt aus den Akten lesen. Man kann lesen, wie ein Star wächst. Wie er einem Land über den Kopf wächst. Das ist komisch und auch interessant.
Aber vielleicht ist das kein ausreichendes Kriterium, um in einem fremden Leben zu wühlen. Vielleicht haben das manchmal auch die Beamten der Birthler-Behörde gespürt. Aus irgendeinem Schutzbedürfnis heraus schwärzen sie zum Beispiel den Zensurendurchschnitt der zehnjährigen Katarina Witt. Wenn ihre Liebesbeziehungen beobachtet werden, wenn sie von Funktionären in die Enge getrieben wird, wenn Informelle Mitarbeiter ihre Charakterschwächen auflisten, darf man als Leser ungestört dabei sein.
Vielleicht ist sie keine Begünstigte, aber sie ist auch kein Opfer. Das entspricht nicht ihrem Charakter. Sie spielt mit den Männern.
Einmal fragt "Bernd" die Witt, wo sie ihren Urlaub verbringe. "Daraufhin stellte sie scherzhaft (?) die Frage, ob wir jemanden mitschicken", schreibt Major Walther.
Das Fragezeichen erzählt die ganze Geschichte. Ein Fragezeichen in Klammern. Sie haben Angst, den Witz nicht verstanden zu haben. Sie waren sich ihrer nie sicher. Manchmal scheint sie mit Ewald zu flirten. Siegfried Lorenz, der Sekretär der Bezirksleitung, lag ihr sicher zu Füßen. Anwalt Vogel hat sie sicher gemocht. Krenz auch, Honecker hat sich Eiskunstlaufen im Fernsehen angeschaut. An ihrer Wirkung auf Männer hat sich nichts geändert. Auf einem Empfang für die Waisenkinder vom 11. September in der NBC-Zentrale von Salt Lake City glühte der NBC-Chairman Bob Wright regelrecht, wenn er in ihre Nähe geriet. Ihr Anwalt Düx hat ihre Bücher zwischen seine Aktenordner gestellt, es gibt ein Foto, das sie zusammen zeigt. Der berühmte DDR-Sportreporter Heinz-Florian Oertel hat sie sein Leben lang umgurrt. Er tappt ihr noch heute hinterher wie Manfred Hönel, der sie zuerst für die "Junge Welt" und später für die "Bild"-Zeitung beschrieb. Auch die alten Männer nutzen sie, um im Spiel zu bleiben und am Leben. Es ist ein Geben und Nehmen. Es ist wie mit den vergoldeten Hirsch-Eckzähnen, die ihr Generalleutnant Gehlert mitbrachte.
Es ist ihr Spiel.
Es sieht so aus, als könnte sie mit Männern besser umgehen als mit Frauen. Die Frauen, die gegen sie gelaufen sind, sind alle an ihr zerbrochen. Katarina Witt stand an der Bande und hat zugeguckt, wie sie die Nerven verloren.
* Zusammen mit der Rockband Kiss in Salt Lake City.
Im Dezember hat sie sich mit Marianne Birthler getroffen, der neuen Chefin der Stasi-Unterlagen-Behörde. Sie hat gedacht, dass man das mit der Herausgabe ihrer 181 Seiten regeln kann. Unter Frauen. Sie hat sich auch 1991 mit Hans-Hermann Tiedje zusammengesetzt, der sie als Chefredakteur von "Bild" regelmäßig angriff. Tiedje machte sie zur SED-Ziege. Sie haben geredet, und am Ende lächelte Tiedje "und sagte dann noch so etwas wie: ,Akzeptiert, damit kann ich leben, nun kennen wir uns, nun vertragen wir uns.'"
So einfach war es mit Marianne Birthler nicht. Warum, ist schwer zu sagen. Der Pressesprecher der Birthler-Behörde hat alle Anfragen für diesen Artikel mit wechselnden Begründungen abgelehnt. Die letzte war: Frau Birthler will überhaupt nichts sagen, was irgendwie in den Kontext Katarina Witt gestellt werden kann. Schade. Es muss ein wunderbares Gespräch gewesen sein. Zwei Frauen mit so unterschiedlichen Biografien im Osten, der Staatsstar und die Bürgerrechtlerin. Sie haben etwa eine Stunde lang in der Behörde miteinander geredet. Es war entspannt, aber sie konnten sich nicht einigen. Am Abend trafen sie sich dann noch mal bei der Premiere von Thomas Brussigs Stück "Leben bis Männer" in den Kammerspielen. Manfred Krug und Sandra Maischberger waren auch da.
Noch Ende Oktober 1989 traf sich Katarina Witt mit der Stasi in einer konspirativen Wohnung. Draußen zerbröselte ihr Staat, sie aber ließ den Leiter der Bezirksverwaltung grüßen und sagte, dass sie gern mit ihm auf die Jagd ginge.
"Bei Gesprächen bekundete Katarina Witt, dass sie unserer Partei und unserem Staat alles, was sie ist, zu verdanken hat. Sie wird unseren Staat nie enttäuschen bzw. den Rücken kehren", schreibt Major Walther.
Der Bericht über ihr letztes Treffen mit der Stasi ist deprimierend. Auch Katarina Witt geht unter. Die erfolgreichste Eiskunstläuferin aller Zeiten, das schönste Gesicht des Sozialismus, sitzt, kurz bevor ihre Akte versiegelt wird, in einer konspirativen Wohnung und sagt zu einem mittelalten, langweiligen Mann, der ihr nichts bedeutet: "Danke. Ihr seid die Einzigen, --- S.75 auf die man sich verlassen kann." Am Ende gibt sie Petra Kusch-Lück als Vorbild an. Die Fernsehansagerin.
Sie hatte alle Maßstäbe verloren.
"Ach, du Scheiße", sagt sie, als sie das liest. Und nach einer Pause fügt sie hinzu: "Na ja." Sie sitzt in einer DC-9, die für sie und ihre Eiskollegen mit breiten, weichen Ledersesseln ausgerüstet worden ist. Sie fliegt von einem Auftritt in Hershey in Pennsylvania, bei dem sie gefeiert wurde, zu einem Auftritt in Rochester, bei dem sie gefeiert wird. Nach der Show werden sie gleich weiter nach New York fliegen. Es gibt keine Sicherheitskontrollen für sie. Der Bus wird auf dem Rollfeld stehen und sie in die Upper East Side bringen. Es ist kurz nach Mitternacht. Manhattan funkelt. Das einzige Problem, das sie hier hat, ist ihr Ex-Freund. Er wird da sein, um mit ihr ein Doppelbettzimmer zu teilen, das sie schon vor einem halben Jahr gebucht hat. Er kennt ihren neuen Freund noch nicht. Dave Hoffis heißt er und ist Tourmanager bei "Stars on Ice".
Katarina Witt wird wohl noch für ein weiteres Jahr bei der Show unterschreiben. Sie ist dann 37. "Ich kann mich nicht beklagen. Ich habe die fetten Jahre im Profi-Eislaufen mitgemacht", sagt sie.
Katarina Witt ist wieder in Berlin. Sie hat die Meldung herausgegeben, dass sie sich von ihrem Freund getrennt hat. Das ist zwar schon im Dezember passiert, aber jetzt erst muss sie es sagen. Glaubt sie. In Amerika ist das nicht so wichtig. Sie ist wieder in ihrem anderen Leben. In Deutschland.
Sie ist ein deutscher Star. Einer der wenigen, die es auch in Amerika geschafft haben. Man muss mit Vergleichen vorsichtig sein, aber es gibt kaum jemanden aus Deutschland, der dort im Moment so populär ist wie sie.
Sie hat für Coca-Cola geworben. Sie springt nur noch Zweifachsprünge, aber das ist für die amerikanischen Fans nicht wichtig. Sie ist Katarina Witt. Sie ist ein Star, sie wollen sie nur sehen.
Sie hat sich in eine Welt zurückgezogen, die man künstlich nennen kann. Sie fühlt sich geschützt. Der Winter findet auf dem Eis statt, in Amerika, wo man sie liebt; im Sommer lebt sie in einem Mietshaus in Berlin-Mitte, das sie vor vier Jahren gekauft hat. Sie hat sich mit Menschen umgeben, die ihr nicht wehtun. Ihre Eltern hat sie nachgeholt. Sie hatten ja sowieso nie eine richtige Heimat in Karl-Marx-Stadt. Sie kamen als Kinder am Ende des Kriegs mit den Trecks aus dem Osten. Sie wohnen jetzt in dem hübschen Haus ihrer Tochter. Die Decken sind so hoch, dass die Möbel der Eltern aus der Chemnitzer Neubauwohnung winzig aussehen. Auch die beiden sehen klein aus, hier. Katarina Witt nennt das Haus "Villa Kunterbunt". Sie hat Uwe hier untergebracht, ihren alten Freund. Sie hätte auch gern Frau Müller nachgeholt, die Trainerin, von der sie jahrelang schikaniert wurde. Inzwischen glaubt Katarina Witt, dass sie ohne Jutta Müller nie gewonnen hätte. Katarina Witt hat auch sie letztlich besiegt. Die alte Frau wollte nicht mehr weg aus ihrer Neubauwohnung in Chemnitz. Die Eltern servieren Kaffee im Zwiebelmusterporzellan aus Kahla.
Sie fangen sofort an, sich zu verteidigen. Sie erzählen, wie lange sie in der DDR auf ein Auto warten mussten. Auch sie haben jetzt einen Mercedes. Der Schatten fällt in ihr Leben. Die Presse hat sie schon als Hausangestellte ihrer Tochter bezeichnet. Sie sollten sich eigentlich freuen, sie sollten stolz sein, so eine Tochter zu haben. Aber sie sind misstrauisch.
Sie scheinen sehr traurig zu sein, dass Katarina ihren Vertrag mit "Stars on Ice" noch einmal verlängern will.
Sie wollen, dass sie ihren Frieden findet.
Am Abend bevor sie wieder abfährt, gerät Katarina Witt in Manhattan zufällig in eine große Demonstration gegen die PLO und für Israel. Sie kommt, gefolgt von einem Kamerateam und einem Fotografen, von ihrem Hotel in der Upper East Side. Es ist ein schöner Frühlingstag. Sie hat ihrem Ex-Freund den neuen Freund vorgestellt. Der ist noch ein bisschen verkatert. Ihre US-Managerin sagt: Alles wird gut. Ihr Freund Robert De Niro hat ihr Blumen geschickt. Er konnte heute Morgen leider nicht zum Brunch kommen. Katarina Witt trägt einen langen hellbraunen Ledermantel und ihre rosafarbene Sonnenbrille, sie lächelt die wütenden Leute mit den Plakaten freundlich, aber unsicher an. Dann versucht sie, schnell wegzukommen.