"Katrina"-Flüchtlinge: Wochenendausflug in ein neues Leben - DER SPIEGEL
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"Katrina"-Flüchtlinge Wochenendausflug in ein neues Leben

Das alte Leben der Familie Parker gibt es nicht mehr. Ihr Haus, die Arbeitsplätze – "Katrinas" Wellen haben alles weggespült. Als die Töchter Ende August nach Houston fuhren, um sich vor dem Hurrikan in Sicherheit zu bringen, ahnten sie nicht, dass es ein Abschied für immer werden würde.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Houston - Als sich Abegail und Rebecca zur Fahrt nach Houston entschieden, freuten sie sich auf einen netten Wochenendtrip nach Texas. Dem Hurrikan wollten beide aus dem Weg gehen. Das war am Sonntag vor zwei Wochen. Der Vergnügungspark, in dem beide arbeiteten, hatte schon dichtgemacht. Angespornt von ihrem Vater packten sie zwei kleine Taschen mit ein bisschen Kleidung für einige Tage. Dass sie nach diesem Sonntag ihre Heimatstadt New Orleans für lange Zeit nicht mehr sehen sollten, ahnten sie nicht. Reiner Zufall, dass sie nach Houston fuhren. Es lag einfach nur günstig am Ende der Interstate Nr. 10.

Wie lange es dauerte, bis sie die Katastrophe in ihrer Geburtstadt begriffen, können die Schwestern nicht mehr sagen. Irgendwann sahen sie in den Nachrichten, dass die Dämme nachgegeben hatten. Dann die ersten Luftaufnahmen. "Genau konnten wir unser Viertel oder unser Haus nicht erkennen, doch es sah nicht gut aus", sagt Rebecca. Die 26-Jährige dachte sich damals nur, dass sie mehr Klamotten und CDs hätte einstecken sollen. Zuerst aber sorgten sie sich um ihren Vater. Der schob als Polizist Dienst. Als er sich endlich über Handy meldete, waren sie überglücklich. Lionel Parker sagte, dass sie vermutlich für länger in Houston bleiben müssten. Im nächsten Gespräch wurden daraus einige Wochen. Dann Monate. Heute will er gar nicht mehr "spekulieren". Der Ausflug nach Houston war womöglich ein Abschied für immer.

Wer Rebecca und Abegail jetzt sieht, könnte meinen, ihre Flucht vor dem Sturm liege bereits Monate oder Jahre zurück. Nebeneinander hocken die beiden jungen Frauen auf den Stühlen vor der Job-Beraterin Heather Jackson. Sie grinsen breit. Jackson hatte gute Nachrichten für sie. Beide werden am nächsten Tag einen Job bekommen, bekommen sogar neue Kleidung geschenkt. Für den Öl-Giganten Shell werden Rebecca und Abegail am Telefon mithelfen, verschwundene Angestellte in der Krisenregion zu suchen, ihnen Hotels oder Jobs in anderen Städten zu suchen. 1100 Dollar bekommen sie die Woche. Zweieinhalb Wochen sind sie erst in Houston. Aus dem Wochenendausflug wird mit dem Job Stück für Stück ein neues Leben.

Aus Flüchtlingen werden Ansässige

Heather Jackson freut sich fast so sehr wie die beiden Schwestern. Seit rund zwei Wochen arbeiten die 40-Jährige und ihre Kollegen von der "Texas Work Force" von morgens bis abends, um dem Ansturm der Suchenden gerecht zu werden. Vor "Katrina" kamen um die 500 Arbeitslose täglich in das schlichte Bürogebäude an der Westheimer Road in Houston. Der Staat Texas bezahlt Berater wie Jackson, um Menschen zurück zur Arbeit und von der Straße zu bringen. Seit "Katrina" mehr als 50.000 Evakuierte nach Houston trieb, kommen um die 1400 jeden Tag. In den kleinen Office-Boxen suchen sie selber am Computer nach einer Tätigkeit oder lassen sich von Experten wie Jackson beraten. "Mehr als die Hälfte will endgültig hier bleiben", erzählt Jackson, "sie fangen neu an - bei null."

Die Flucht Hunderttausender aus New Orleans, sie wurde in den letzten Wochen gern als riesiger Exodus bezeichnet. Nun zeichnet sich eher eine der größten Völkerwanderungen ab, statt über Ländergrenzen hinweg innerhalb der Vereinigten Staaten. Selbst im Land der ständigen Mobilität, wo oft Jobs im Wochentakt und Wohnorte alle paar Monate gewechselt werden, wird nun der amerikanische Traum auf die Probe gestellt. Aus Evakuierten werden Ansässige, die sich zwangsweise sehr schnell von ihrer Heimat verabschiedet haben. Die meisten davon, etwa 130.000, hat Texas aufgenommen. Doch auch in Utah, New Mexiko, Arizona, Colorado, Florida, Tennessee oder North Carolina sind Tausende angekommen. Fernab der Heimat suchen sie wie Rebecca und Abegail Parker nach einer neuen Existenz.

Für die beiden Schwestern ist die Eingewöhnung noch schwierig. Gemeinsam mit Mutter Kim hocken sie in einer Zweiraumwohnung irgendwo fernab von der glitzernden Downtown. Von ihrem ersten Geld will sich Abegil einen DVD-Player kaufen. Luxus nennt sie ihren Wunsch. "Wir haben alles, was man zum Leben braucht, in der Wohnung", sagt sie mit breitem Südstaaten-Akzent, der stets ein "Oh Gott" hinter jedem Satz verlangt. Sie meint Töpfe, eine Mikrowelle, ein durchgesessenes Sofa und vier Klappbetten. "Alles andere ist für uns Luxus", grient die 20-Jährige. Ihre ältere Schwester spart lieber für ein Wochenende woanders. Disneyland vielleicht. Irgendwohin, wo es schön ist, soll der Ausflug nach der Flucht gehen.

Fast alle Evakuierten in Houston haben mittlerweile ähnliche Unterkünfte gefunden. Der Astrodome, die erste Anlaufstelle der Busse aus New Orleans, soll bis zum Wochenende leer sein. Gestern harrten noch ein paar hundert Menschen in dem gigantischen Stadion aus. Bald sollen auch sie eine Perspektive oder zumindest eine Wohnung erhalten. Teils kommen sie in leer stehenden Apartments unter, für die die Stadt die Miete vorstreckt. Viele andere werden von freiwilligen Familien aufgenommen, die George Bush senior alle paar Minuten per Radio zur Hilfe auffordert. Schon jetzt rechnen die Stadtväter damit, dass mehr als 70 Prozent in Texas ihre neue Heimat suchen werden. Ob alle von ihnen so viel Glück wie die beiden Parkers haben, ist offen.

Beim Gebet zeigen sich die Unterschiede

In Houston eine Menge freier Stellen. Nur 5,8 Prozent der Einwohner sind ohne Arbeit - für deutsche Verhältnisse ein Traumwert. Doch die glückliche Geschichte von den beiden Schwestern kann die Wahrheit nicht überdecken. Viele Menschen aus den letzten Bussen, von den Verantwortlichen der Stadt schlicht vergessen, werden auch in der neuen Heimat kaum neue Chance erhalten. "Wer in New Orleans ohne Job und ohne Ausbildung war, wird es auch hier schwer haben", sagen selbst Optimisten wie Job-Beraterin Jackson. Zwar wollen viele dieser Evakuierten gern in Texas bleiben, doch wie lange wird sich die Stadt diese Menschen leisten, wenn der erste Schock und die große Hilfsbereitschaftswelle erstmal abgeklungen sind?

Vater Parker hat mit dem Schnellentschluss seiner Töchter kein Problem. "Ich würde auch lieber hier bleiben und bei der Polizei anheuern", sagt er. Die letzten Tage hat er noch in New Orleans Dienst auf der Straße geschoben, Menschen mit Booten aus Häusern gerettet und Plünderer vertreiben. "Es gibt dort nichts, was uns zurück locken könnte", sagt der bullige Mann, während er sich im Fernsehen Bilder aus seiner Stadt ansieht. Nach fünf freien Tagen will er am nächsten Morgen zurück fahren nach New Orleans. Bis heute hatte er keine Zeit, sich sein zerstörtes Haus anzusehen. Vielleicht will er es auch gar nicht. "Ich werde in einem Jahr pensioniert", brummt er, "wenn die beiden es hier schaffen, komme ich auch nach Houston." Jetzt will er erstmal den neuen Job der Töchter feiern.

Abegail ist sich noch nicht so sicher, der neue Job hin oder her. Houston, Texas - das ist ihr immer noch fremd. Nur als Kind waren sie manchmal mit ihren Eltern im Space Center, wo man das Space Shuttle bestaunen kann. Oder in der Astroworld, einem Vergnügungspark, dessen Abriss dieser Tagen endgültig besiegelt wurde. Letzten Sonntag war Abegail zum ersten Mal hier in der Kirche. Es war anders als daheim. "Bei uns ist die Messe ein großes Fest, wo alle singen und schreien", sagt sie, "hier stehen die Menschen immer auf, wenn sie aufgefordert werden - und setzen sich dann wieder". Abegail würde gern zurück. Ihre Schwester schaut sie ernst von der Seite an. Sie sagt nichts. Abegail schweigt auch. Von New Orleans hat sie sich getrennt. Bei ihrer Schwester wird sie bleiben - egal wo.