"Katrina" und die Folgen Die hilflose Hilfsorganisation
New Orleans - Im Sender WWL-AM spricht seit 20 Tagen Volkes Stimme. Seit der Hurrikan "Katrina" über New Orleans zog, ist die Radiostation 24 Stunden am Tag live auf Sendung. Sie lässt Menschen aus der Stadt über Telefon berichten, was sie erleben. Jetzt meldet sich ein Mann mit Vornamen John aus dem Stadtteil Washington Parish, einem Gebiet nördlich von New Orleans. "Wenn ich noch genug Kraft hätte, würde ich den Jungs von der Fema persönlich die Fresse einschlagen", brüllt er in sein Telefon, "seit Tagen bringen sie uns einen Laster voller Eis nach dem anderen, doch Essen haben sie keins dabei." Dafür habe er nicht jahrelang Steuern gezahlt.
Die Katastrophenbehörde "Federal Emergency Management Agency", kurz Fema, erlebt dieser Tage ihre zweite große Krise. Kurz nach der Katastrophe in New Orleans entzündete sich schon einmal die Wut einer ganzen Region, ja fast der ganzen USA an der Fema, vor allem an ihrem damaligen Chef Michael Brown. Zu langsam reagierten die Mammut-Behörden, zu schlecht war sie vorbereitet und zu ungeeignet schien auch ihr Chef für den Job. Nun hat Fema einen neuen Boss. Trotzdem reißt die Kritik nicht ab. Noch immer kommt die staatliche Agentur mit dem Chaos rund um die Metropole im Süden der USA nicht klar und gefährdet mit täglichen bad news auch ihren obersten Dienstherren, Präsident George W. Bush.
Das Chaos bei der Fema zu illustrieren fällt nicht schwer. Einem Reporter des Fernsehsenders MSNBC fiel in den vergangenen Tagen auf, dass auf vielen Raststätten im Süden Laster mit tonnenweise Eis und mehreren Stickern der Fema herumstehen. Ein Anruf bei dem beauftragten Spediteur reichte für eine gute Geschichte. En detail erklärte der Geschäftsmann vor laufender Kamera, wie Dutzende seiner Trucks seit zwei Wochen von einem Punkt zum anderen geschickt wurden und am Ende nie in der Katastrophenregion ankamen. "Für mein Geschäft ist die Fema gut, pro Truck verdiente ich jetzt schon 9000 Dollar", so der Spediteur, "als Steuerzahler allerdings muss ich fragen, ob das nicht Verschwendung ist."
Auch die Bilder aus Gebieten wie dem Washington Parish und der Umgebung lassen Zweifel an der Effektivität der Fema aufkommen. Am Tag 20 nach der Katastrophe schlafen Menschen noch immer im Freien oder in zerstörten Häusern. Bitterlich beklagen sich die lokalen Verantwortlichen im Radio, sie hätten zwar bisher viele Zusagen aber keine konkrete Hilfe bekommen. Immer wieder scheint es innerhalb der Fema erhebliche Kommunikationspannen zu geben, jede Entscheidung muss von oben abgesegnet werden. "Die rechte Hand weiß nicht, was die Linke tut", klagte einer der Community-Chefs, "jedes Mal hat man jemanden anderen am Telefon und fängt wieder von Null an." Folglich hat sich bisher in seinem Bezirk nur wenig getan, was die Einwohner nicht selber organisieren konnten.
"Ich liefere ihnen ihre Schlagzeile von morgen"
Selbst die Verantwortlichen der Fema trauen sich längst nicht mehr, offensiv aufzutreten. Bei den täglichen Pressekonferenzen in Baton Rouge erlebt man geradezu devote Sprecher der Behörden. "Mit dem, was ich sage, liefere ich schon die nächste Schlagzeile von morgen", lautete die obskure Einleitung der täglichen Inforunde am vergangenen Freitag, "doch leider gehen die Dinge in der Tat nicht so schnell, wie wir es uns wünschen." Bei einer solchen Haltung mussten sich die Verantwortlichen nicht wundern, dass am nächsten Tag fast alle großen Zeitungen von dem zweiten Chaos bei der Fema nach dem vermasselten Start sprachen. "Fema, langsam bei der Rettung, stolpernd bei der Hilfe", titelte die "New York Times" höhnisch.
Auch bei der Unterbringung der Evakuierten hakt es noch mit der Organisation. Obwohl viele Menschen schon jetzt die Notunterkünfte in Texas oder anderswo verlassen und ein neues Leben anfangen, hat die Fema bisher noch keine effiziente Registrierung auf die Beine gestellt. Noch immer irren Tausende in den Unterkünften umher und fahnden hilflos nach ihren Angehörigen. Die Suche, bei Erfolg garniert mit harschen Kommentaren gen Washington, übernehmen die unzähligen Fernsehsender freilich sehr gern. Dass die Fema und damit der Staat die Menschen in ihrer Not allein gelassen haben, müssen die Kommentatoren gar nicht mehr sagen. Es ergibt sich von selbst.
Nicht nur die konkrete Katastrophenhilfe der Fema gerät immer mehr unter Beschuss. Auch die Verwaltung der von Präsident Bush angekündigten Hilfe in Höhe von 60 Milliarden Dollar durch die Fema wirft immer mehr Fragen auf. Zum Beispiel ist da die sogenannte "Opportunity Zone", die an der Golfküste entstehen soll. Mal werden die Aufwendungen mit zwei, mal mit vier Milliarden Dollar berechnet. Aus dem Weißen Haus kommen gar keine konkreten Angaben. Auch über die versprochenen Programme für Schulen und Arbeitslose gibt es in jeder Zeitung verschiedene Angaben und Interpretationen. Was bei Bushs arg inszenierter Rede wie ein ausgefeilter Master-Plan wirkte, mutiert mehr und mehr zum wirren Zahlenspiel - ohne einen souveränen Rechenmeister an der Spitze.
Die schönen Worte und Versprechungen des Präsidenten werden dieser Tage in Washington schon munter zerredet. Schon einen Tag nach seiner Rede musste Bush versichern, das angekündigte Geld werde keinesfalls durch Steuererhöhungen eingestrichen. Die Frage, wo die Milliarden denn herkommen sollen, sorgt naturgemäß für reichlich Gesprächsbedarf. Durch die politischen Lager kursieren die verschiedensten Visionen. Die einen reden von Streichung bei geplanten Großprojekten. Wieder andere wollen die Beträge aus schon laufenden Hilfsprojekten herausstreichen und den Wiederaufbau der Golfküste quasi querfinanzieren. Die Demokraten wittern in einer solchen Methode schon jetzt einen Betrug zugunsten des schönen Scheins.
Vetternwirtschaft wie im Irak?
Wie ein Damokles-Schwert schwebt über dem Präsidenten auch noch immer der immense Geldbedarf, der jeden Tag für den Kampf gegen den irakischen Widerstand ausgegeben wird. Auch wenn der Einsatz faktisch gar nicht abzubrechen ist, wird bald eine Frage aufkommen: Warum konzentrieren sich die USA nicht mehr auf die Hilfe zum Wiederaufbau im eigenen Land als auf ferne Gegenden im Mittleren Osten, wo die Soldaten jeden Tag mit dem Tod bedroht sind. Für kurze Zeit waren die Nachrichten aus Bagdad von der Katastrophe im Süden überdeckt worden. Nun aber kommen wieder jeden Tag Meldungen von Bombenanschlägen, von einer Beruhigung kann keine Rede sein.
Der bittere Beigeschmack der Vetternwirtschaft, ebenfalls bekannt aus der Auftragsvergabe im Irak, ist ein weiterer Kritikpunkt an der Fema. US-Zeitungen berichten, die Behörde hätte die ersten millionenschweren Aufträge für den Wiederaufbau sehr schnell und mit einem "eingeschränkten Bieterverfahren" vergeben. Unter den Nutznießern sind interessanterweise wieder einmal die üblichen Verdächtigen, die auch im Irak ein gutes Geschäft machen. So bauen die als regierungsnah eingestuften Unternehmen Fluor Corporation oder Bechtel National für jeweils mindestens 100 Millionen Dollar Notunterkünfte.
Das Ausbleiben einer Ausschreibung wäre theoretisch noch mit der gebotenen Eile zu erklären. Allerdings sollen wie am Tigris auch an der US-Golfküste marktunübliche Konditionen inklusive garantierter Gewinne gelten, unabhängig von den wirklichen Kosten für die Unternehmen. Auch die Firma Halliburton, einst geleitet von dem heutigen Vize-Präsidenten Dick Cheney, soll bei der dubiosen Auftragsvergabe ganz weit oben auf der Liste stehen. Schon jetzt fordern einige Demokraten, dass die Verteilung des Geldes der Fema durch eine unabhängige Kommission kontrolliert werden soll.
Der neue Chef der Fema, der ehemalige Feuerwehrmann David Paulison, wird sich in den nächsten Tagen intensiv um Schadensbegrenzung bemühen müssen. Bekommt er das Chaos in der Mammut-Behörde nicht in den Griff, droht auch ihm eine schnelle Ablösung. Auch wenn er kein Buddy von Präsident Bush ist wie sein Vorgänger Brown, soll er die Kastanien für den sich mühsam als Retter in der Not inszenierenden Bush aus dem Feuer holen. Mit einer Rede vor dem menschenleeren French Quarter und vagen Versprechungen über noch unklarere Hilfsprogramme wird sich der Präsident nicht aus der Verantwortung stehlen können. Die "Katrina"-Katastrophe hat Bush eine neue Front beschert - im eigenen Land.