Kattowitz: Mindestens 60 Tote bei Halleneinsturz - DER SPIEGEL
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Kattowitz Mindestens 60 Tote bei Halleneinsturz

Die Opferzahl des Unglücks in Kattowitz steigt. Mindestens 60 Menschen sind beim Einsturz des Daches einer Messehalle ums Leben gekommen, darunter auch ein Deutscher. Und noch immer sind Personen unter den Trümmern verschüttet - bei bitterer Kälte.
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Kattowitz - Bei dem toten Deutschen soll es sich um einen etwa 60 Jahre alten Mann handeln, berichtete am Morgen ein Rettungssanitäter. In der Halle hatte eine Taubenzüchterausstellung stattgefunden, die zweitgrößte Europas. Deshalb waren auch viele Aussteller aus dem Ausland angereist: Niederlande, Belgien, Tschechien, Ungarn, Ukraine und eben auch Deutschland, vornehmlich aus dem Ruhrgebiet, wie die polnischen Behörden vermuten.

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Dacheinsturz: Begraben unter Trümmern

Foto: REUTERS

Die Rettungsdienste hatten zwischen 7 und 8 Uhr die erste Durchsuchung am Morgen der Halle beendet. Sie sind der Meinung, dass es noch Chancen gibt, Menschen lebend zu finden. Jetzt überprüfen die Feuerwehrleute mit Suchhunden 13 Orte in dem Trümmerfeld. Man weiß nicht ob an diesen Orten sich nur einzelne Personen befinden oder ganze Gruppen.

Der Chef der Feuerwehr, Kazimierz Krzowski, sagte aber, dass die Hunde bislang noch nicht angeschlagen haben.

Der bislang letzte Lebende wurde gestern Abend um 22 Uhr aus den Trümmern geborgen. Und die Chance auf Rettung schwindet mit jeder Minute, denn Kattowitz hat eine bitterkalte Nacht hinter sich mit Temperaturen von minus 17 Grad. "Bei derart niedrigen Temperaturen, wie sie hier herrschen, kühlt der Körper schnell aus", sagt denn auch ein Feuerwehrsprecher.

"Alles passierte in drei Sekunden"

Das Unglück hatte sich am späten Samstagnachmittag in Chorzow (Königshütte), einer Vorstadt der südpolnischen Industriestadt Kattowitz, ereignet. Zum Zeitpunkt des Einsturzes gegen 17.15 Uhr befanden sich mehrere hundert Menschen in der 100 mal 150 Meter großen Halle. "Alles passierte ganz schnell, in drei Sekunden. Es gab einen furchtbaren Krach und das Dach stürzte ein", sagt Jan Panek. Der Bergmann und Hobbytaubenzüchter hatte seine Tiere präsentiert, als zwei Meter vor ihm das Dach herunterkam.

"Wenn es eine Stunde früher passiert wäre, hätte es ein Massaker gegeben", sagt Panek. "Da war die Halle proppevoll. Es waren so viele Menschen da, dass man kaum noch durchkam." Ein weiterer Überlebender sagte dem Sender TVN24: "Wir hörten ein Knacken wie beim Brechen eines Streichholzes. Die Leute gerieten sofort in Panik. Ich bin auch gerannt, etwas fiel auf mich, andere trampelten über mich hinweg und ich konnte auf Händen und Knien herauskriechen." Augenzeugen berichteten, auf dem etwa fußballfeldgroßen Dach hätten etwa eineinhalb Meter Schnee gelegen. Gegen 19 Uhr stürzte dann ein weiterer Teil der zehn Meter hohen Dach-Konstruktion aus Wellblech ein.

Die Brieftauben-Ausstellung hatte am Samstag geöffnet und sollte das gesamte Wochenende über dauern. Das Brieftaubenzüchten ist ein beliebter Zeitvertreib der Bergarbeiter im ehemaligen Oberschlesien. In Polen sind solche Ausstellungen trotz der Vogelgrippe-Vorsichtsmaßnahmen weiter erlaubt, bedürfen aber einer Sondergenehmigung.

Verzweifelte Rufe aus den Trümmern

Auf Bildern des polnischen Fernsehens waren in der Nacht Rettungskräfte zu sehen gewesen, die im Halbdunkeln nach Verletzten suchten. "Bitte helft mir", rief ein in den Trümmern eingeklemmter Mann mit schwacher Stimme den Helfern zu. Das polnische Fernsehen berichtete, einige der Eingeschlossenen hielten über Handy Kontakt zur Außenwelt. Im dichten Schneetreiben führten Rettungskräfte Verletzte aus dem Gefahrenbereich, mehrere Menschen hatten blutende Kopfverletzungen. Feuerwehrmänner versuchten mit Räumgerät, sich Zugang zu den Eingeschlossenen zu verschaffen - ein schwieriges Unterfangen. Denn der Einsatz von schwerem Gerät ist wegen der Vielzahl der Verschütteten und der Einsturzgefahr der Hallenruine nicht möglich. Die Bergungsarbeiten kamen in der Dunkelheit deshalb nur langsam voran.

Nach dem Unglück standen Dutzende schockierte Menschen vor der Ruine. Einige halfen Verletzten in die Krankenwagen, andere halten ihre blutenden oder mit Verbänden umwickelten Köpfe. Tauben befreiten sich aus ihren zerstörten Käfigen und liefen zwischen den Trümmern umher. Aus der Ruine waren die verzweifelten Rufe der Verschütteten zu hören. Feuerwehrsprecher Jaroslaw Wojtasek sagte, viele Menschen hätten Knochenbrüche davongetragen. Ein Sprecher der Kliniken in Kattowitz sagte, der Zustand der Verletzten sei ernst bis kritisch.

"Eine solche Katastrophe hat es in Polen noch nicht gegeben", sagte Andrzej Urbanski, der Leiter der polnischen Präsidentenkanzlei. Ministerpräsident Kazimierz Marcinkiewicz eilte noch am späten Samstagabend zum Unglücksort und versprach schnelle und unbürokratische Hilfe für die Opfer. Staatspräsident Lech Kaczynski ordnete Staatstrauer an. Eine Sonderkommission soll die Unglücksursache ermitteln. Auch die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf.

Am vergangenen Freitag hatte schwerer Schneefall auch das Dach des Rathauses im österreichischen Mariazell zum Einsturz gebracht. Verletzt wurde niemand.

Mitarbeit: Marta Glowacka