Kaukasus Russische Polizei beendet Geiselnahmen
Naltschik - Die russischen Sicherheitskräfte haben laut der russischen Nachrichtenagentur Interfax am Morgen sieben Geiseln befreit. Fünf Polizisten wurden aus einer besetzten Polizeiwache gerettet, zwei weitere Geiseln aus einem Souvenirgeschäft im Zentrum der Stadt befreit. Mindestens acht tschetschenische Rebellen seien bei der Stürmung getötet worden, berichtete Interfax unter Berufung auf einen Justizvertreter. Aus Polizeikreisen verlautete dem Bericht zufolge jedoch, die Rebellen seien bei einem Fluchtversuch mit einem Minibus gegen einen Baum gefahren.
Am Morgen stürmte die Polizei auch das zweite Gebäude mit Geiseln in der kaukasischen Stadt. Bei Schießereien in dem Souvenirladen im Zentrum der Stadt wurden zwei weitere Rebellen getötet. Der Vater einer Geisel sagte, seine 20-jährige Tochter sei unversehrt freigekommen. Sie leide aber unter den Auswirkungen eines Gases, das bei der Befreiungsaktion eingesetzt worden sei.
Außerhalb von Naltschik beschossen Rebellen heute ein Polizeiauto mit Granaten. Dabei wurden zwei Bereitschaftspolizisten getötet. Die genaue Zahl der bei den Gefechten von Rebellen und Sicherheitskräften getöteten Menschen ist noch unklar. Das russische Innenministerium gab die Zahl der toten Rebellen mit mindestens 61 an; ein von der Nachrichtenagentur Interfax zitierter Polizeivertreter sprach von 19 Toten. Außerdem war von 24 getöteten Zivilisten die Rede. 17 Aufständische wurden nach Behördenangaben festgenommen. Nach Angaben des russischen Innenministers wurden rund 1500 Soldaten und 500 Angehörige von Spezialkräften nach Naltschik entsandt.
Mehr als 150 bewaffnete Kämpfer hatten gestern Gebäude von Polizei, Regierung, Geheimdienst und ein Waffengeschäft in der Stadt angegriffen. Ein Angriff auf den Flughafen wurde den Angaben zufolge abgewehrt. Nach den Attacken wurde die gesamte Stadt abgeriegelt, Russlands Präsident Wladimir Putin erteilte den Schießbefehl.
Die Ereignisse in Naltschik lösten international gemischte Reaktionen aus. Der Generalsekretär des Europarates, Terry Davis, drückte der Russischen Föderation seine Solidarität aus und sagte die Unterstützung des Europarats bei der "Bekämpfung des Terrorismus" zu. Menschenrechtler in Moskau kritisierten hingegen die Regierung Putin: Die tragischen Ereignisse in Naltschik hätten gezeigt, dass Behauptungen des Präsidenten über einen angeblich erfolgreiche Bekämpfung der Rebellen in der Region "Lügen" seien. Der Duma-Abgeordnete Andrej Saweljew sagte der Tageszeitung "Junge Welt", die Regierung Putin begehe im Nordkaukasus "keine Fehler, sondern Verbrechen - Verbrechen gegenüber der Zivilbevölkerung".
Die Angriffe sind die jüngsten einer Serie von Bluttaten in den russischen Kaukasusrepubliken, die in der Nähe von Tschetschenien liegen. Bei einem ähnlichen koordinierten Angriff waren im Juni 2004 in Inguschien 98 Menschen ums Leben gekommen. In Nordossetien nahm ein 32-köpfiges Kommando im September 2004 in einer Grundschule in Beslan Geiseln. Bei der blutigen Beendigung des Dramas starben 331 Menschen.
Russland führte zwei Kriege gegen Tschetschenien. Die Regierung in Moskau hat den Konflikt für beendet erklärt und spricht von einer Stabilisierung der Lage. Die Rebellen wollen nach eigenen Angaben ihre Angriffe fortsetzen, bis die russischen Truppen aus Tschetschenien abgezogen sind.