Khao Lak Suche ohne Hoffnung
Khao Lak - Auch fünf Tage nach der Flutkatastrophe in Thailand werden am so genannten "Rescue Point" in Khao Lak unter notdürftigem Schutz von Zeltplanen noch immer angelieferte Leichensäcke gestapelt, aufgerissen und die Körper fotografiert. Vor allem aber ist der Stand gegenüber der provisorischen Leichenhalle für Thailänder und Touristen aus allen Teilen der Welt einer der letzten Punkte der Hoffnung, ihre Angehörigen doch noch einmal wieder zu sehen - oder zumindest endlich definitiv zu erfahren, dass sie tot sind. Mehr als 1000 von diesen Suchenden gibt es in der Region rund um die Insel Phuket und das sind nur die registrierten Pauschaltouristen. Alle von ihnen wissen bis heute nicht, ob ihr Mann, ihre Ehefrau, ihr Kind oder ihre Großmutter noch lebt oder bereits seit Tagen tot ist.
Das Bild an dem Sammelpunkt ist dementsprechend chaotisch. Immer wieder tragen Helfer neue Stellwände unter die aufgestellten Zelte und richten sie auf. Wenig später kommen andere Freiwillige und hängen frisch ausgedruckte Bilder auf. Es sind schreckliche Fotos, die nebenan auf dem Leichenplatz gemacht wurden. Sie zeigen Gesichter - oder was von einem Gesicht noch zu erkennen ist. Aufgebläht sind diese Grimassen, die Zungen quellen aus den Mündern und eigentlich sehen sie auf irgendeine Weise alle gleich aus - egal ob Thailänder, Europäer oder Afrikaner. Neben dem Foto steht eine Buchstaben-Zahlen-Kombination, die später helfen soll, den dazugehörigen Leichnam zu finden.
Freiwillige Helfer versuchen, Ordnung in ein Chaos aus Strandgut zu bringen. Mehrmals pro Tag bekommen sie Säcke, gefüllt mit Pässen, Kreditkarten, Tauchausweisen und anderen Papieren, die bei den Aufräumarbeiten gefunden wurden. Geld oder Schmuck ist selten dabei, auch wenn die thailändischen Suchtrupps Plünderungen strikt von sich weisen. Die Helfer notieren die Daten, ordnen die Pässe nach Nationalität und listen die Kreditkarten auf. Doch ob die Unterlagen wirklich weiterhelfen ist fraglich. Die meisten Touristen wurden am Strand ohne ihr Portemonnaie von der Welle überrascht.
Die schlechte Bilanz der Suchmaßnahmen schreckt viele jedoch nicht ab, es wenigstens zu versuchen. Mit Fotos aus Familienalben stehen sie neben den Stellwänden. Jeden sprechen sie an und versuchen, ihm das Foto zu zeigen. "Ich möchte meine Mutter so in Erinnerung behalten, wie sie hier auf dem Bild zu sehen ist", sagt ein Mann mit Halbglatze, Shorts und T-Shirt. Frank Wetzig hat seine beiden Eltern seit dem Nachmittag des vergangenen Sonntags nicht mehr gesehen. Gemeinsam waren sie in das Strandhaus eines in Khao Lak lebenden Immobilienmaklers gerannt, als die Welle kam. Wenig später stand das Wasser bis zur Decke des Gebäudes und drückte Frank Wetzig gegen das Dach. Nur durch Glück brach die Konstruktion und er konnte sich ins Freie retten. Seine Eltern ertranken vermutlich im Strudel.
Die Geschichte von Frank Wetzig ist eine der typischen und zugleich tragischen Geschichten, die jeden Tag Hunderte Male an Sammelstellen wie in Khao Lak erzählt werden. Im Unterton der Betroffenen ist die Gewissheit, dass die Suche keinen Sinne mehr hat, immer wieder zu hören. Trotzdem wollen sie nicht aufgeben, sich nicht dem Schmerz hingeben, dass sie ihre Freunde oder Verwandte nie wieder sehen werden. Sie wollen lieber den ganzen Tag zu tun haben, wie Frank Wetzig mit dem Auto immer und immer wieder alle Krankenhäuser abfahren, in denen schon seit Tagen keine Deutschen mehr liegen. Danach an den etwa ein Dutzend Punkten mit Suchmeldungen nachsehen, ob die Anzeige noch hängt oder ob gar jemand etwas darauf geschrieben hat. Oder einfach nur mit dem Bild seiner Eltern vor den Bilderwänden stehen und warten, dass das Handy endlich klingelt.
Es fällt schwer, Männern wie Frank Wetzig die Realität ins Gesicht zu sagen. Offiziell spricht ja auch die Bundesregierung bis zum Donnerstag von drei Dutzend deutschen Toten in den Flutgebieten und eben diesen mehr als Tausend Vermissten. Gleichwohl wissen auch die deutschen Diplomaten, die zurzeit in Phuket Dienst schieben, dass aller Wahrscheinlichkeit nach keiner dieser Vermissten noch am Leben ist. "Natürlich gibt es immer wieder Wunder und kuriose und am Ende glückliche Fälle, wie Menschen, die tagelang in den Bergen waren", sagt ein anderer europäischer Diplomat, "doch diese sind eher im Promillebereich." Noch hält sich die deutsche Botschaft an die Sprachregelung zu möglicher deutscher Todesopfer, die Kanzler Gerhard Schröder genannt hat - eine Zahl im "oberen dreistelligen Bereich". Ob diese am Ende reicht, darauf will sich niemand hier endgültig festlegen.
Wie viele Menschen in Thailand noch nach Vermissten suchen, kann niemand sagen. Mittlerweile sind viele Urlauber abgereist und verlassen sich auf die Behörden. Die garantieren, dass niemand ohne eine Identifizierung in ein anonymes Massengrab oder auf den Scheiterhaufen kommt. Es sind sicher nicht Hunderte, die jeden Tag wieder auf die Pirsch gehen. Die sich wieder dem Leichengeruch und dem Anblick der Fotos und der grausamen Geschichten aussetzen, die an den Sammelpunkten kursieren. Doch jeden Tag kommen mit den Flugzeugen aus Bangkok wieder einige Deutsche, die sich mit der Realität nicht abfinden. Oder einfach nur Gewissheit haben wollen. In jedem Fall nehmen es diese Leute mit der Suche ernst.
Schon jetzt ist eine Identifizierung der Leichen so gut wie unmöglich. "Wenn sie nicht ein Tattoo, einen Ohrring oder irgendein anderes anatomisches Merkmal ganz genau kennen, werden sie selbst ihren Bruder nicht mehr erkennen", sagt ein britischer Arzt aus dem so genannten "Forensic Team" in Khao Lak nüchtern. Hilfe von ausländischen Organisationen haben die Ärzte in ihrer Leichenhalle unter freiem Himmel selten gesehen.
Viele Behörden aus vielen Ländern, darunter auch das Bundeskriminalamt (BKA), hatten medienwirksam Unterstützung zugesagt. "Die Herren waren einmal hier", erinnert sich auch die Leiterin eines anderen forensischen Teams, "doch die haben nur zugeschaut und sind dann wieder verschwunden". Insgesamt sind mittlerweile 31 BKA-Experten in Thailand eingetroffen. Allerdings begannen die Experten erst am Freitagmorgen mit ihrer richtigen Arbeit. Zuvor hatte ein Team mit vier Mann die Lage sondiert. Mit großen Kisten gefüllt mit technischem Material verteilten sich die Kriminalen von ihrem Hotel aus, das von der Welle unzerstört bieb über die Insel, um kleine Zentren aufzubauen.
Frank Wetzig will sich von all diesen Zweifel nicht an seiner Suche hindern lassen. Er sei es seinen Eltern schuldig, so lange nachzufragen, bis er wenigstens die Leichen gefunden hat. Am Donnerstag kommt er zumindest ein Stück weiter. Die Pässe der Eltern werden wie die von vielen anderen in einem Müllbeutel an der Sammelstelle abgeliefert. Mehr Gewissheit hat Frank Wetzig damit nicht. Wenigstens für Donnerstag aber war sein Warten nicht vollkommen umsonst. Am Freitag wird er wieder mit dem Bild seiner Eltern vor dem Sammelpunkt stehen.