Kicken in Kabul: Comeback des "sündigen Treibens" - DER SPIEGEL
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Kicken in Kabul Comeback des "sündigen Treibens"

Den Gotteskriegern war er ein Dorn im Auge: Fußball galt als sündhaft und wurde als Schauplatz für brutale Bestrafungen genutzt. Nach dem Sturz der Taliban hält die Normalität nun auch auf dem Rasen Einzug.
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Kabul - So mancher Zuschauer traute seinen Augen nicht. Frisch rasiert, in Shorts und kurzärmligen Trikots liefen die Fußballer von Sabawoon und Miwand aufs Feld. Woanders Normalität, kam dieser Aufzug am ersten Weihnachtsfeiertag in Kabul einer Revolution gleich. "Was da zu sehen ist, zeigt uns, dass wir wirklich frei sind", erklärte der 17-jährige Jafer Jeffery, einer von mehreren tausend Zuschauern, die sich die erste Partie der höchsten Spielklasse seit dem Ende des Taliban-Regimes nicht entgehen lassen wollten.

Fußball war als Sportart Nummer eins in Afghanistan während der fünf Jahre des "Gottesstaates" zwar geduldet, aber die Taliban nutzten den Sport zu schrecklichen Demonstrationen ihrer Macht. Bei Temperaturen über 40 Grad Celsius mussten die Spieler in langen Hosen und mit langen Vollbärten antreten. Den Zuschauern wurde das Jubeln und Applaudieren verboten. Zuwiderhandlungen oder das Erscheinen ohne Kopfbedeckung wurden mit Peitschenhieben bestraft.

Betpausen und Bestrafungen

Zu fest vorgegebenen Zeiten unterbrach die Religionspolizei das "sündige Treiben" und zwang die Spieler und Fans zum Beten. Die Halbzeitpausen wurden teilweise zu öffentlichen Bestrafungen und Hinrichtungen genutzt. Zum Tode verurteilte Gefangene wurden mit einer Kalaschnikow erschossen oder am Torgestänge aufgehängt.

Der 16-jährige Najib Esmatullah mied solche Spiele, doch war das kein sicherer Schutz vor schlimmen Überraschungen. "Eines Tages fuhr völlig überraschend ein Lastwagen ins Stadion und entlud Gefangene, alles Diebe. Ein Krankenwagen kam und Ärzte mit Maschinen. Einem nach dem anderen wurde die Hand abgetrennt, die vor Schmerzen brüllenden Gefangenen wurden anschließend im Krankenwagen versorgt", erinnert sich Esmatullah mit Schrecken.

Manchester United am Hindukusch

Viele Fußball-Fans hatten auf Grund solcher Erlebnisse ihren Lieblingssport in den letzten Jahren völlig gemieden, jetzt kehren sie zurück. Viele Zuschauer tragen westliche Kleidung, kein Gebet, kein Schuss unterbrach das bunte Geschehen. Miwand spielte im Outfit von Manchester United, Sabawoon in dem von Real Madrid.

Zu Taliban-Zeiten waren nicht einmal ausländische Gäste oder Jugendliche vor den drastischen "Spiel-Regeln" gefeit. Im Juli vergangenen Jahres überfiel die Religionspolizei pakistanische Jugendliche, die es gewagt hatten, Shorts zu tragen, und ließ ihnen zur Bestrafung die Köpfe rasieren.

Der Weg zurück zur Normalität in Afghanistan ist trotz des großen Fortschritts in diesen Tagen noch weit. "Die internationale Fußball-Gemeinschaft hat uns vergessen", sagt Zalma Palyanda, Vorsitzender des afghanischen Fußball-Verbandes und Mitglied im Nationalen Olympischen Komitee seines Landes.

Das Ziel ist die WM

Auf Grund der Kleiderordnung habe der Weltverband Fifa sein Land rausgeworfen, sagt Palyanda, der die Mitgliedschaft neu beantragen will. Allerdings mangelt es an Geld, um den jährlichen Beitrag zu entrichten. "Wir brauchen die Hilfe der internationalen Gemeinschaft, wir brauchen gute Trainer und Sportstätten. Genug Talente haben wir, um an einer WM teilzunehmen", sagt Palyunda.

Daran muss allerdings bei allem Optimismus gezweifelt werden. Die Gräben im Land sind noch tief, im Spiel zwischen Sabawoon und Miwand gab es ethnische Spannungen, die Polizei musste zweimal schlichten. Auch der sportliche Rückstand zur Elite ist enorm. Das letzte Länderspiel Afghanistans liegt 17 Jahre zurück. Zwischen 1941 und 1984 kamen die Afghanen in 22 Spielen nur zu einem Sieg, vier Unentschieden und 17 Niederlagen.

Von Klaus Kleber, sid