Kinderfußball: Ein Platz im Team ist schwer zu kriegen - DER SPIEGEL
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Eltern am Spielfeldrand Kinderfußball, olé? Oh nee!

Von Tilda Beck
Nichts als Nase bohren? Von wegen. Manche Eltern nehmen Kinderfußball richtig ernst
Nichts als Nase bohren? Von wegen. Manche Eltern nehmen Kinderfußball richtig ernst

Nichts als Nase bohren? Von wegen. Manche Eltern nehmen Kinderfußball richtig ernst

Foto: Michael Meißner
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich zwei Mütter und ein Vater regelmäßig auf die Elterncouch.

Tilda Beck schreibt auf der Elterncouch  im Wechsel mit Juno Vai und Jonas Ratz.

Kinder auf dem Fußballplatz sind niedlich anzusehen, manche Eltern an der Linie nicht - denn die Plätze im Klub sind umkämpft. Während die Kleinen friedlich Nase popeln, schreien die Alten wie beim WM-Finale. Was soll der Wahnsinn?

Vor meinem Leben als Spielermutter fiel der Begriff Latte bei mir ausschließlich im Zusammenhang mit Macchiato. Mittlerweile bin ich ein ziemlicher Profi: Ich kenne die Regeln der Fair Play Liga des Fußballbunds und melde bei Punktspielen die Fünfjährigen samt Rückennummern beim DFB. Mit einer App verwalte ich Termine, Trainingseinheiten und die Mannschaftskasse. Ich schreibe E-Mails mit interessierten Eltern, führe Wartelisten und Doodle-Umfragen. Eine echte Spielermutter zu sein, ist kein Pappenstiel. Der DFB verlangte sogar ein "erweitertes Führungszeugnis" von mir. In dem Dokument, das ich bei der Polizei beantragen musste, steht, ob man Vorstrafen hat und welche. Zum Schutz der Kinder.

Das alles frisst Zeit, aber es macht Spaß. Und es ist mein bescheidener Beitrag an die Gesellschaft. Sportvereine können ohne ehrenamtliche Arbeit nicht existieren.

Menschen, die nicht wissen, was Mannschaftssport bedeutet, schauen mich ungläubig an, wenn ich erzähle, dass wir am Sonntagmorgen um 8 Uhr im Nieselregen auf dem Platz stehen. Und natürlich mag auch ich mein warmes Bett. Aber es ist auch sehr süß, wenn die Kinder in viel zu großen Trikots in einem Knäuel hinter dem Ball her rennen. Und wie sie die Ärmchen hochreißen, wenn das Runde dann doch mal ins Eckige kullert!

Doch das niedliche Schauspiel hat eine knallharte Kehrseite: Plätze im Fußballverein sind hart umkämpft. Deshalb bekommen Eltern mitunter einen arg verbissenen Zug um die Mundwinkel, wenn es um Kinder-Fußball geht.

Anstoß im Akademiker-Getto

Vielleicht liegt das auch am Stadtteil. Der Kunstrasenplatz, auf dem wir so pflichtbewusst unsere Kleinen bejubeln, befindet sich in einem Akademiker-Getto eines ohnehin gentrifizierten Viertels. Wir Eltern kümmern uns eher zu viel als zu wenig um die Angelegenheiten unserer Kinder. Ich bekomme E-Mails, die um 22:45 abgeschickt werden. In ihnen erkundigen sich Akademiker nach freien Plätzen im Verein und hängen Signaturen aus den Personalabteilungen internationaler Konzerne oder aus Universitätskliniken an, die manchmal länger sind als die Nachricht selbst. Sie glauben, dass es mit dem Fußball schneller klappt, wenn die Betreuerin weiß, dass der Vater des Kindes ein Prof. Dr. Dr. der Handchirurgie ist.

Das nur am Rande: Es ist halb so schwer, einen Platz im Fußballverein zu ergattern, wie an der Musikschule unterzukommen. Man muss für Fußball etwa ein Jahr warten, wohingegen Klavierunterricht bei fünf Jahren Wartezeit liegt. Meine Tochter habe ich kurz nach ihrer Geburt für Klavier und Gitarre angemeldet, so hat sie dann im Grundschulalter die Chance auf Musikstunden. Schon mein Fußball-E-Mail-Ordner ist immer voll mit ungelesenen Mails. Von den Nachrichten im Postfach der Musikschule würde ich vermutlich Gastritis bekommen.

Immer dran denken: Wir sind nicht bei der WM

Immer dran denken: Wir sind nicht bei der WM

Foto: SPIEGEL ONLINE

Der Witz an der Sache: Eigentlich ist "Training" mit Fünfjährigen einigermaßen sinnlos. Die Kurzen stehen Nase bohrend herum, spielen im Sand der Sprunggrube oder sammeln Kellerasseln ein, die unter dem Kunstrasen wohnen. Auch die wenigen Kinder, die den Ball schon treffen, können sich nicht merken, auf welches Tor sie schießen sollen. Ihre Väter am Spielfeldrand brüllen Spielanweisungen.

"Wir sind nicht bei der WM"

Das ist ätzend. Trotzdem schicken alle ihre Söhne mit vier Jahren zum Training. Der Grund: Ab der G-Jugend sind die Vereine voll. Wer sich in der Stadt erst mit sechs Jahren für Fußball entscheidet, hat keine Chance mehr auf einen Platz.

Deshalb greift sofort die soziale Auslese, ein Platz im Verein wird zum Privileg. Ich bekomme E-Mails von Menschen, die in der Nachbarschaft des Vereinsvorstands wohnen, der ihnen angeblich schon vor Jahren einen Platz zugesichert hat. Unternehmer-Papas stiften einen neuen Satz Trikots für den Verein, damit das eigene Kind mitspielen darf. Eltern von Zwillingen melden ein Kind über die Warteliste an und bringen den Zwillingsbruder einfach zum Training mit.

Dennoch: Die meisten Kinder möchten am Nachmittag einfach Spaß haben, ob mit oder ohne Spielerpass. Weil das aber mit den fanatischen Eltern oft nicht möglich ist, hat der FC Ludwigsvorstadt München neulich fünf Gebote für fiebrige Fußball-Alte am Spielfeldrand ausgehängt:

1. Es sind Kinder.
2. Es ist ein Spiel.
3. Die Trainer sind Freiwillige.
4. Die Schiedsrichter sind Menschen.
5. Wir sind nicht bei der WM.

Vielleicht schreibe ich mal an den DFB. Man könnte Eltern diese Regeln vor Aufnahme ihrer Kinder auswendig lernen und vortragen lassen.

Die würden das glatt tun.


Zur Autorin
Foto: Illustration: Michael Meißner

Tilda Beck,
Mutter von Konrad (8), Edward (5) und Stella (3)

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