Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.
Jonas Ratz schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Juno Vai.
Arbeit? Ist wie Kita, nur mit Fahrstuhl. Schön wärs, denkt jetzt sicher so mancher Erwachsene - und hätte auch gern Schmausepause. Oder möchte wissen, wie eine Schraube sich so fühlt.
Kindertagesstätten sind Orte kindlicher Freude. Theoretisch zumindest. Hört man den Erzieherinnen zu, scheinen es manchmal eher Orte des organisierten Wahnsinns zu sein.
Frederik, knapp vier, sieht das nicht so: Für ihn ist die Kita schlicht sein Job. Und der einzige Unterschied zwischen meinem und seinem Job ist in seinen Augen, dass es bei mir auf der Arbeit Fahrstühle gibt. Statt Morgenkreis habe ich eben Konferenzen. Statt Bauecke Büro. Statt Schmausepause Kantine. Und summe ich ein Lied aus dem Radio, fragt Frederik: "Habt ihr das heute bei der Arbeit gesungen?"
Warum eigentlich nicht? In Japan ist es doch auch üblich, dass sich die Belegschaft morgens auf dem Betriebshof zusammenfindet, um die Werkshymne zu singen. Und einen Gruppenausflug auf den Bauernhof oder zur Feuerwehr fände ich höchst bereichernd (die dürfen da mit echten Schläuchen spritzen und Helme aufsetzen!). Bei uns gibt es allenfalls mal Feueralarm (immer nur eine Übung!) und keiner trägt Helm, abgesehen von einem Kollegen aus dem 10. Stock, wobei das eigentlich auch nur seine Frisur ist.
Stell dir vor, du bist eine Schraube
Und dann erst die Weiterbildungen in Frederiks Kita: Jeden Donnerstag gibt Susan (Studentin, britische Wurzeln) eine Stunde Englisch. Die Frage, ob das bei Vierjährigen denn wirklich sein muss, erübrigte sich spätestens, als Frederiks Name der einzige war, der nach einem Tag Aushang am Elternbrett noch nicht auf der Teilnehmerliste stand. Und so lernt Frederik nun zählen auf Englisch (allerdings nur rückwärts, auf Raketenstarts ist er so zumindest schon mal vorbereitet) und weiß, dass Kastanien "chestnuts" heißen. Sie merken, das Vokabular ist sehr kontextbezogen.
Richtig interessant wird es jedoch bei den Projektwochen: Neulich, in der Projektwoche "Technik", hat Frederiks Gruppe ein Radio und einen CD-Player auseinandergenommen und mit einem Fachmann die Innereien untersucht. Abgerundet wurde die Projektwoche mit einer Traumreise: "Stell Dir vor, du bist eine Schraube". Kein Witz.
Erzählt hat Frederik davon mal wieder nichts. Mehr als ein "Gut" oder "Wir hatten heute die Bobbycars" ist auf die Frage "Wie war es denn heute in der Kita?" oft nicht aus ihm herauszubekommen. Andererseits: Er fragt mich ja auch nicht, wie es bei der Arbeit lief. Und wenn, würde ich wahrscheinlich sagen "Gut" oder "Wir hatten heute Feueralarm". Konferenzen, Mails und Projekte - würde ich alles weglassen. Versteht er ja eh nicht, würde ich wohl denken. Und wahrscheinlich sieht Frederik das ähnlich. Englisch, CD-Player-Innereien, Traumreisen - das versteht Papa eh nicht. Also erzählt er erst gar nicht davon. Dabei würde ich gerne von ihm lernen: Wie sieht ein Radio nun von innen aus? Was heißt Schmausepause auf Englisch? Und vor allem: Wie fühlt man sich denn so - als Schraube?
Jonas Ratz,
Vater von Frederik (vier Jahre) und Oliver (anderthalb Jahre)
Liebstes Kinderbuch: "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak (Oft habe ich das Gefühl: bei uns zu Hause...).
Nervigstes Kinderspielzeug: mein Smartphone
Erziehungsstil: Erziehung ist das, was passiert, während man daran scheitert, ein Vorbild zu sein.
Sammelt: Kinderworte. Hafersocken statt Haferflocken, Sambalamba statt Salamander. Kennen Sie auch solche kreativen Abwandlungen? Schreiben Sie an kinderworte@spiegel.de .
Jonas Ratz eine E-Mail schreiben Jonas Ratz auf Twitter