Kleiner Finger - DER SPIEGEL
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Kleiner Finger

Ortstermin: PR-Berater Moritz Hunzinger, ein Mann mit Vergangenheit, über die Zukunft seiner Branche
• aus DER SPIEGEL 48/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Moritz Hunzinger sein letztes Wort gesprochen hat, verneigt er sich vor dem Publikum. Er lächelt, er geht hinaus, holt seinen Mantel. Man hört ihn laut lachen, ein schnelles, trockenes Lachen, einmal, zweimal, oft. Er schüttelt herzlich Hände und begrüßt Leute, die er nicht kennt, mit größter Liebenswürdigkeit. Er schreitet königlich in die Bar, lacht und lächelt. Er benimmt sich wie ein Mann, der einen prächtigen Vortrag gehalten hat und dem sein Publikum zu Füßen liegt.

Er hat einen erbärmlichen Vortrag gehalten, er wurde beschimpft, verhöhnt, ausgelacht. Es gab Tumulte der Empörung. Hass lag in der Luft.

Aber Moritz Hunzinger geht als Sieger. Denn es kommt nicht darauf an, wie die Welt ist. Es kommt darauf an, wie man die Welt sehen will. Das ist der wichtigste Grundsatz für PR, für Public Relations. Hunzinger war lange Zeit ein erfolgreicher PR-Berater der Bundesrepublik.

Rudolf Scharping war verstockt und langweilig. Er wollte, dass ihn die Welt als schillernden Verteidigungsminister wahrnimmt. Also ging er zu Hunzinger und ließ sich beraten, zeigte sich beim Wasserspiel mit der Gräfin Pilati-Borggreve und kleidete sich mit seiner Hilfe exklusiv ein. Darüber ist er gestürzt. Seitdem ist Hunzinger der verruchteste PR-Berater der Bundesrepublik.

Verruchtheit lockt Leute. Der Saal in der Hamburger Kunsthalle, Galerie der Gegenwart, ist übervoll, 100 Besucher, die meisten sind selbst PR-Berater. Hinter einem Pult steht Moritz Hunzinger, nicht groß, nicht schlank. Braunes Sakko, schwarze Krawatte auf weißem Hemd, dunkle Hose.

Er hebt ein Wasserglas, trinkt zierlich. Sein kleiner Finger ist abgespreizt, zeigt steil nach oben. Hunzinger sagt, er habe sein Unternehmen in kurzer Zeit groß gemacht. Er sagt: »Ich kenne viel mehr Menschen als jeder andere, der mir einfallen würde.« Ein PR-Berater, sagt er, müsse »ein anständiger Kerl bleiben«. Er würde nie an einen Urlaubsort fahren, wo man nicht eine vernünftige Tageszeitung vom selben Tag kaufen könne. Die Zukunft der PR, sagt Hunzinger, das sei »die Renaissance der Authentizität«.

Als er fertig ist mit seinem Vortrag, nach einer halben Stunde, sagt die Frau, die ihn eingeladen hat: »Ich hätte nicht gedacht, dass Sie den Ball so flach halten würden.« Hunzinger guckt wie jemand, der gelobt wurde.

Es kommen wütende Fragen, die ihm sein Wissen über die Zukunft der PR entlocken sollen. Noch zweimal sagt Hunzinger »Renaissance der Authentizität«, mehr hat er nicht zu bieten. Das Publikum lacht und johlt, der Kaiser hat keine Kleider. Hunzinger nimmt sein Wasserglas und zeigt dem Publikum den kleinen Finger.

Vor einem halben Jahr hätten die PR-Leute womöglich gejubelt. Da war Hunzinger der Kaiser der Branche, und »Renaissance der Authentizität« hätte aus seinem Mund bedeutend geklungen. Man hätte sich mit dem Schein zufrieden gegeben, denn diese Branche verkauft und goutiert den Schein. Niemand soll merken, dass die Kunden keine Kleider tragen.

Bei Scharping ist das nicht gelungen. Er hat sich lächerlich gemacht, weil die Kluft zwischen Wirklichkeit und gewolltem Schein zu groß war. PR geriet in Verruf - und das kann die Branche Hunzinger nicht verzeihen. Aber was störe es die Eiche, wenn Hündchen sie anpinkeln, schnurrt, vollendet freundlich, Moritz Hunzinger.

»Ich habe für 500 Millionen Euro Rechnungen geschrieben und bezahlt bekommen«, sagt er unvermittelt und guckt treuherzig in die Runde der Kollegen, die nicht so dicke Rechnungen schreiben. Er nimmt einen Schluck Wasser. Ein paar Leute im Saal gucken, als würden sie diesen kleinen Finger gern umknicken.

Der PR-Chef von Greenpeace Deutschland giftet, Hunzinger habe »nicht nur den Ruf der Branche geschädigt, nicht nur Politiker korrumpiert, sondern auch die Demokratie in diesem Land geschwächt und unterhöhlt«. Applaus, viel Applaus. Hunzinger nimmt ihn huldvoll entgegen.

Die Leute geifern, spotten, lachen. Am Pult steht Hunzinger, ein Gesicht aus Wachs, eine große Brille, dahinter der unterkühlte Blick des ewigen Siegers. Er antwortet nicht auf Fragen. Er flötet sich selbst Bewunderung zu, er gluckst, wenn er von der Dummheit der anderen spricht. Er trinkt viel Wasser, und sein Thron steht auf einem anderen Planeten. Man kann den Kaiser sehen, aber nicht erreichen.

Der ehemalige Verteidigungsminister, Rudolf Scharping von der SPD, fand, dass er bei Hunzinger gut aufgehoben ist. Das ehemalige Mitglied des Bundestags, Cem Özdemir von den Grünen, ließ sich einen zinsgünstigen Kredit geben. Der hessische Ministerpräsident, Roland Koch von der CDU, hat sich ein Buch bezahlen lassen. Der Kaiser ohne Kleider, aalglatt und unverfroren, genießt das Vertrauen vieler Politiker. Sie mögen den Schein. Sie mögen Leute, die ihnen, den kleinen Kaisern, Kleider andichten können.

Galerie der Gegenwart, Auftritt Hunzinger: kein Politiker anwesend, aber man erfährt viel über den Zustand der Politik.

»Wir ändern nichts, wir haben nichts falsch gemacht, wir machen so weiter«, sagt Hunzinger. So ungerührt wie er sind sonst nur große Echsen. Sie liegen in der Sonne und bewegen sich nicht, und wenn man sie so liegen sieht, überkommt einen das Frösteln. Manchmal schnappen sie zu.

»Tja, da sitzen Sie jetzt«, sagt Hunzinger zu seinem ermatteten Publikum. Dann verneigt er sich. Kurz darauf hört man ihn lachen. DIRK KURBJUWEIT

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