Kleiner Hit - DER SPIEGEL
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Subkultur Kleiner Hit

Gedichte-Wettlesen bei Bier und Punkmusik: Literatur-»Slams« in Diskotheken und Kneipen gelten als neuer Szenespaß.
• aus DER SPIEGEL 40/1995
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Manuskript ist mindestens fünf Meter lang, eng bedruckt und handelt davon, so der Autor, »was in Deutschland alles Scheiße ist«. Der Mann heißt Enno Stahl, hat ein rot und blau gestreiftes Rugby-Hemd an und eine orangefarbene Trainingsjacke, in der man schwitzt. Schreiend steigt Enno auf einen Tisch: »Es geht um Macht, um Macht über dich, deine Ohnmacht, die Macht des Staats, die ist Scheiße.«

Die meisten Gäste im schummerigen »Torpedokäfer«, einer Kneipe im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg, sehen aus wie Soziologiestudenten im 14. Semester, und sie blicken nun von ihrer Soljanka und ihrem Bier hoch. Ein Mann in Klempnerhose steigt zu Enno auf den Tisch, greift nach dem Manuskript und wischt sich damit den Hintern. Er hat nämlich auch einen Text mitgebracht, und zwar über den dritten Weltkrieg. Enno beeindruckt das nicht, er hat schon genügend Bier getrunken.

Der »Torpedokäfer« ist nur eine von vielen Bars und Klubs in Deutschland, die seit knapp einem Jahr regelmäßig Lesungen und poetische Performances veranstalten: Dichtung ist in. Manchmal hören 150 Leute jenen Popliteraten zu, die meist mittenmang im Publikum lesen. Diese Leute lieben alles, was kultverdächtig ist, was wiederum dem Autor im besten Fall Genieverdacht einbringt.

Besonders in Mode gekommen sind in jüngster Zeit sogenannte Slams. Die kommen aus New York und breiten sich flächendeckend über die Republik aus. Slams sind eine Mischung aus sportlichem Wettkampf, Party und Lesung. Die geladenen Autoren, eher unbekannte als bekannte, haben ein paar Minuten für ihren Vortrag und werden nach einem Punktesystem bewertet - wie beim Boxen. So funktioniert es nicht nur in der Hamburger »Lounge«, im Kölner »M.T.C.«, im Münchner »Substanz«, sondern selbst in Hanau, Bottrop und Ludwigsburg.

In der angelsächsischen Literatur ist die »Spoken Poetry« nicht neu. Die meisten Dichter kommen aus der Musikszene wie der Amerikaner Anthony Baggette. Seit 1980 lebt er in Berlin, arbeitete lange mit Freejazzern und tritt mit einem Bongospieler auf. »Ich hatte ein Stipendium für Literaturwissenschaften«, erzählt Baggette, »das war langweilig. Du mußt auf die Musik in dir hören.«

Musik sei das Medium, das Literatur zur Masse transportiere. »Ich habe ähnliches in New York im Gefängnis gemacht«, behauptet der Amerikaner, »die waren begeistert.« Daß Spoken Poetry in den USA mehr Tradition habe als in Deutschland, sei klar; deutsch sei eben tacktacktack und englisch dagegen weich. Da könne man auch aggressive Sachen geschmeidig vortragen.

Dabei ist Geschmeidigkeit für die deutschen Popdichter gar kein Kriterium. Kraftvoll muß es sein, anders, eine eigene Sprache soll her nach den achtziger Jahren, in denen man in Discos rumhing und den Narzißmus pflegte. Die Gesellschaft verändern wollen die Basisliteraten von heute allerdings nicht. Wie schon im »Werkkreis Literatur der Arbeitswelt« heißt die Losung: Wir schreiben jetzt selbst, was wir lesen und vorlesen wollen.

Auch Enno Stahl versucht, solche »kompromißlose« Literatur zu verbreiten, schon seit 1988. Er ist Mitbegründer des Kölner Krash-Verlags, der »Die 1. Deutsche Literaturmeisterschaft« organisiert hat, Lyrik auf Teppiche und Krimis auf Kopfkissen druckt - »für den gesunden Horror vor dem Einschlafen«.

Der 33jährige schreibt seine Doktorarbeit in Germanistik über »Antikunst und Abstraktion in der literarischen Moderne« und kurze Geschichten wie »Oma Molle seilt 1 ab«, 14 Zeilen lang: »Sie hockt fett auf der Schüssel, ihr Bauch quillt in weißlichen Moränen über die Hüften« und so weiter. Auch die Reihe »Gossenhefte« gehört zum Programm des Krash-Verlags. In Band 24, »Quarktaschen & Pißstengel«, einer Textsammlung, geht es vor allem um den Sex der Verfasser. »Eine Literaturschwemme hat das eben an sich«, erklärt Enno Stahl, »das meiste ist beschissen.«

Darum will die Literaturwerkstatt Berlin den Nachwuchs etwas aussieben. Gemeinsam mit der »Preußischen Seehandlung« und der »Stiftung Kulturfonds« wurde der Preis »Open Mike« ausgeschrieben, bei dem sich jeder deutschsprachige Literat unter 35 bewerben kann, der gerade vor oder nach seiner ersten Veröffentlichung steht. 322 haben bisher eingesandt, 24 werden zu einem Slam am 4. und 5. November an den Majakowskiring eingeladen, dorthin, wo vor ein paar Monaten auch die Vorbilder aus dem New Yorker »Nuyorican Poets Cafe« gelesen haben.

Die drei Gewinner bekommen 3000 Mark, eine Rundfunksendung im ORB und eine im Deutschlandradio. »Slams erleichtern den Zugang zur Literatur«, behauptet Thomas Wohlfahrt, Leiter der Literaturwerkstatt, »Rhythmus und Laute können mitverarbeitet werden.« Was natürlich auch bei Aerobic möglich ist.

»Ein Slam ist wie eine gute Single«, sagt Marcel Hartges, Lektor beim Hamburger Rowohlt Verlag. »Ein kleiner Hit, 3 Minuten, nicht 17 Minuten mit zwei Schlagzeug-Soli.« Hartges bereitet eine Slam-Anthologie vor, die Rowohlt im Frühjahr herausbringt. Aber er schränkt ein, daß »oft genug die Untergrundliteratur dahin gehört, wo sie ist«. Wichtig sei der Verstoß gegen die Tradition: »Nicht der klassische literarische Witz, sondern gröber, anarchistischer.«

Grobheit hat Grenzen. Wenig Geschmack findet Hartges an »Social Beat«, einer Strömung, deren Anhänger versuchen, wie die Beatnik-Poeten um William S. Burroughs und Jack Kerouac zu schreiben. »Ihr Protest erschöpft sich in der Geste und der Romantisierung der Vergangenheit.« Die Schreiber vom Krash-Verlag sagen, daß es bei Social Beat nur um Saufen und Kopulieren gehe, jahrtausendealt sei das.

Doch selbst dafür fehlen den Texten von Autorengruppen, die sich »Außerliterarische Opposition« oder »Schriftsteller Armee Fraktion« nennen, jegliche sprachliche Eindringlichkeit. Von den Beatnik-Poeten unterscheiden sich die Social-Beater darin, daß die Kopie schlechter ist als das Original. Straßenjargon zu benutzen ist offenbar wohltuend und befreiend, Talent aber ersetzt es nicht.

Harry Hass ist ein melancholischer Popexistentialist. Seine Berliner Wohnung hat kein Badezimmer und keine Einrichtung, seine Romane sind fragmentartig, denn viele Passagen sind verlorengegangen in den durchsoffenen Nächten und dem Konsum von Drogen. Auch er liest in Bars, mit Fackeln und Feuerwerkskörpern. Ein neuer Roman, »Rosenstern«, ist in Arbeit. Stets trägt er Weste zu seinen Anzügen, wenn sie auch schmutzig aussehen, die Haare strubbelig, aber im Beatnik-Schnitt.

Tagsüber geht der 35jährige gern spazieren in seinem Kiez, um zu sehen, was die jungen Burschen so treiben. Sanft erzählt er, daß die Kunst in der Klemme stecke, »durch die ewige Wiederholung, durch ewige mistige Einzelheiten. Daß Lesungen wuchern, ist das Beste, was passieren kann«. Deshalb ist Hass froh, daß Literatur sich nicht mehr in glatten Geschichtchen erschöpft, die man sich erzählt, nachdem man sich die Haare pomadisiert hat.

Die Popliteraten suchen nach den alten Werten - plus Pop, Comics, CD-Rom. Ihre Zeitschriften und Fanzines heißen »Kopfzerschmettern«, »Cocksucker«, »Heulsuse«, »Schmutzengel«, stecken meist mitten in der Pubertät und sind gemacht von Typen wie Torsten Franz aus Kessebüren bei Unna. Seit drei Jahren ist er in Berlin vormittags Hausmann, nachmittags Verkäufer in einem Secondhandshop.

Immer, wenn der blasse 25jährige dort genug Geld verdient hat, gibt er das Fanzine »Sex und Kotze« heraus - selbstlayoutet, 1000mal kopiert, 1000mal umsonst verteilt. Er sagt: »Ich kann nix, aber Spaß mit netten Leuten ist gut. Deshalb trete ich allen in'n Arsch, daß sie für mich schreiben sollen.«

Zum Beispiel trübselige Elegien über Eduard Zimmermanns Fernseh-Szenarien von bösen Verbrechern. Dazu kleine Zeichnungen. »Wir glauben an uns«, sagt Torsten, »solange uns keiner von der Bühne schreit, ist es okay.«

Die Popliteraten suchen nach den alten Werten

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