Knieschmerzen
Die Jan-Ullrich-Straße ist verkehrsberuhigte Zone. Ein paar Ecken weiter, den Gratzfeldweg und Am Schlagbaum lang, da, wo das Städtchen ausläuft und wo es nach Kamille riecht, steht sein Haus. Er hat es selbst gebaut. Ein Haus, an dem nichts zusammenpasst. Die eine Dachhälfte überragend groß, die andere zu klein, alles ineinander verschoben, viel offenes Glas, dann doch lieber von Sichtblenden versteckt. Niemand schaut hinein, und niemand schaut hinaus.
12.18 Uhr: »Die Fahrer noch in der Neutralisationszone in Pau, zehn Minuten bis zum Départ Réel, im gelben Trikot der Spanier Igor González de Galdeano.«
»Die ganze Ursache kommt von dem Knie her«, sagt Ingrid Imbery. Sie schaut zum Bildschirm, sie sitzt unter ihrer niedrigen Wohnzimmerdecke in ihrem Haus in der Altstadt und strickt, weil sie die Spannung sonst nicht aushielte. »Er wusste, wegen dem Knie reicht es nicht für die Tour. Das war ein tiefes Loch für ihn. Der wäre sonst nicht auf die Dummheit gekommen, gell, Vater?«
Ihr Mann Karl ist früher selbst Rennen gefahren. Jetzt ist er 68 Jahre, ein kräftiger Arbeiter. Eigentlich sitzt er im gelben Clubtrikot vor dem Fernseher, wenn die Pyrenäen erreicht sind. Aber diesmal ... - »Auf alle Fälle stehen wir hinter ihm. Voll hinter ihm.«
Ingrid Imbery hat es aus Insterburg in Ostpreußen hierher vertrieben. Sie redet schneller als die anderen hier, und wenn sie spricht, dann rollen die Dialekte durcheinander. »Der Junge hat in Merdingen ein Stück Heimat gefunden. Der ist aufgewachsen im Sportheim, ohne Eltern. Der hatte doch keine Jugend, wo er hätte können Dummheiten machen.«
Sie hat ihm Kirschtorte gebacken, weil er das ganze Jahr über ja nichts essen darf, und im Windfang ihres Hauses eine Ecke eingerichtet, mit Trikot, Fotos, Trinkflaschen. Einem Plastikkörbchen Nektarinen.
Der Junge ist ihre Macke, und das weiß Ingrid Imbery auch. Mit 68 Jahren im Telekom-Shirt vorm Fernseher sitzen und Gänsehaut haben. Aber warum auch nicht? Leben heißt, das Unernste mit großem Ernst zu betreiben. Krebs hat sie gehabt. Die Ärzte hatten gesagt, sie könnten nichts mehr machen. Jetzt läge alles an ihr. »Man braucht dann einen Halt«, sagt Ingrid. »Die Besuche der anderen Fans verhindern, dass man zu sehr grübelt.« Sie holt ein Album: »Für Ingrid, meinen größten Fan«, steht da, und: »Ich danke Dir für das Daumendrücken und freue mich, dass Du Deine schlimme Krankheit besiegen konntest.«
So ist der Junge. Ingrid Imbery sagt, sie habe ihm gestern einen Brief geschrieben. Der braucht das jetzt. »Wenn man aus einem Loch wieder draußen ist, dann zählt jeder Tag doppelt. Dann hört man selbst die Spatzen singen.« Das habe sie ihm geschrieben, und wenn sie den Mut findet, wird sie den Brief auch einwerfen. Man braucht eben einen Halt.
13.10 Uhr: »Und wieder Jalabert mit der Trikotnummer 51, der hat sich heute was vorgenommen, das Hauptfeld 23 Sekunden zurück.«
Merdingen am Tuniberg ist ein Städtchen unterm Rad. Selbst der Bildschirmschoner im Rathaus zeigt Bilder von dem härtesten Radrennen der Welt, und wenn dies vermaledeite Knie nicht wäre und die Sache mit den Pillen nicht passiert - dann stünde im »Gasthaus Engel« natürlich auch die Großbildleinwand wieder. Aber so ... »Die Tour ist einfach nicht die Tour, als wenn er mitfährt«, sagt Kurt Landmann. Er hat sich einen Fernseher in sein Büro gestellt. Die Übertragung läuft.
Landmann ist Schreiner, Web-Designer, Musiker, Ruheständler und Buchhalter. Und Organisator des örtlichen Fan-Clubs. Ein Schaffer. Im Hof steht schon der Hänger. Landmann wuchtet noch eine Großkonserve »Frischer Möhren-Eintopf« hinauf und sagt: »Aber wir fahren trotzdem hin. Morgen geht's los nach Frankreich. Jetzt erst recht.«
Vier Transparente hat ihm Ingrid Imbery genäht, und die werden jetzt ausgebreitet, an jeder Bergetappe: »Dein Fan-Club steht hinter Dir!« wird alle Welt dann lesen können und sich schämen. »Seit seinem elften Jahr sitzt der Kerle auf dem Rad, immer von Schulterklopfern umgeben, immer ein gläsernes Leben. Da muss man ihm doch zwei Fehler verzeihen.«
Noch eine Palette »Miranda« auf den Hänger, die Satellitenschüssel, das Notstromaggregat. »Erst bei uns in Merdingen hat der Junge erfahren, was Familie ist und Geborgenheit. Mir ist er jetzt nur noch sympathischer. Der tritt so nicht ab, der kommt wieder. Werdet's sehen.«
Morgen fährt der Bus los, von der Jan-Ullrich-Straße. An der Kirche wird der Bus vorbeifahren und an jenem Ort, wo Merdingen seiner gefallenen Söhne gedenkt und der »Beinhäuschen« heißt.
13.39 Uhr: Noch 17 Kilometer bis zum Gipfel des Col d'Aubisque, dem legendären Berg der schwersten Kategorie. Jalabert führt, die Verfolgergruppe ist enorm dezimiert.
Der Berliner Jens Voigt verletzt sich bei der Abfahrt vom Col d'Aubisque am Knie. Erik Zabel holt sich bei Bagnèresde-Bigorre das grüne Trikot zurück. Lance Armstrong rüstet sich für den Schlussangriff am Tourmalet.
Weit entfernt davon, in Merdingen am Tuniberg, ist ein anderer Fahrer bereits angekommen. Zu Hause. ALEXANDER SMOLTCZYK