Illegale Autorennen in Köln: "Tickende Zeitbomben"
Illegale Autorennen in Köln Tödliches Vergnügen
Gianlucas Freunde wollen, dass die Menschen wissen, wie er aussah. Sie haben ein Porträt von ihm eingerahmt und zwischen die Blumen und Kerzen gestellt. An der Stelle einer Kölner Immobilienfirma, vor deren Gebäude der weiße BMW nach dem Unfall zum Stehen kam, nachdem er mehrere Meter durch die Luft geflogen war, hängen Fotos, die den 26-Jährigen im Meer zeigen, lachend, einen Kumpel im Arm. Dass Gianluca nicht mehr lebt, hat nur mit einem grausamen Zufall zu tun.
Bei einer Mahnwache stehen am Donnerstagabend etwa 150 Menschen in der Kölner Innenstadt zusammen. Auf dem Asphalt sind noch die blauen und roten Markierungen zu sehen, die die Ermittler bei der Unfallaufnahme auf den Boden gesprüht haben. "Ich bin heute zum ersten Mal an diesem Ort", sagt ein Freund. "Es ist schwer." Er hat lange mit Gianluca zusammengewohnt. Jetzt ist er aus Berlin angereist, um Abschied zu nehmen. Viele weinen leise. "Er hat doch gerade erst angefangen zu leben", sagt ein Arbeitskollege. Bezirksbürgermeister Andreas Hupke ist wütend: "So etwas kann, darf und wird sich nicht wiederholen."
Man möchte ihm glauben. Doch Gianluca ist bereits das dritte völlig unbeteiligte Opfer, das bei einem illegalen Straßenrennen in Köln ums Leben gekommen ist - wenn sich nach Abschluss der Ermittlungen bestätigt, was ein Dutzend Zeugen der Polizei gesagt haben.
Fest steht: Am Abend des 10. Juli mieten zwei Freunde, 26 und 30 Jahre alt, ein schwarzes Mini Cabrio und einen weißen BMW 1er bei einer Carsharing-Firma in der Kölner Innenstadt. Es ist ein warmer Sommerabend, viele Menschen sind noch draußen unterwegs. Mehrere Zeugen beobachten, dass die beiden sich ein Rennen auf der streckenweise dreispurigen Aachener Straße liefern. Hinter einer großen Kreuzung wechselt ein unbeteiligtes Auto die Spur, der BMW kracht in den Wagen, hebt ab und reißt zwei Ampeln um. Dann schleudert er gegen Gianluca, der mit seinem Rad gerade den Zebrastreifen überqueren will. Das schwarze Fahrrad liegt völlig zerfetzt auf dem Zebrastreifen.
Gianluca wird mit schwersten Kopfverletzungen in eine Klinik gebracht. Er erlangt das Bewusstsein nicht wieder und stirbt drei Tage später. Gegen die beiden Fahrer wird nun wegen fahrlässiger Tötung ermittelt.
Trauer in Köln: "Er hat doch gerade erst angefangen zu leben"
Foto: Oliver Berg/ dpaIllegale Autorennen mitten in der Stadt - Köln hat ein Problem, das es noch vor vier Monaten nicht gab. "Natürlich haben wir schon lange Schwierigkeiten mit Rasern, aber dass sich eine ganze Szene zusammenfindet, ist neu", sagt Martin Lotz, Leiter der Kölner Verkehrsdirektion. "Es ist ein gefährliches Phänomen." 200 Fahrer sind der Raser-Szene zuzurechnen. Ein Ermittler spricht von "tickenden Zeitbomben".
Es sind junge Männer, meist 18 bis 25 Jahre alt, die schnelle Autos lieben. Viele sind strafrechtlich bisher nicht einschlägig aufgefallen, es sind keine typischen Jugendstraftäter, sie haben Jobs, investieren jede Menge Geld in ihre Autos. Für seinen Mercedes habe er 35.000 Euro bezahlt, erzählt ein 24-Jähriger bei einer Razzia Anfang Juni. Man sieht ihm an, wie stolz er auf sein Auto ist.
"Das sind junge Männer, die in ihrem Alltag nicht allzu viel Bestätigung bekommen", sagt Lotz. "Sie wollen imponieren, gesehen werden und sind auf der Suche nach Akzeptanz." Das gefährliche und besondere an der Kölner Szene ist, dass die Fahrer in ihren hoch motorisierten Autos ihre Rennen oft mitten in der Stadt fahren. Im Ruhrgebiet, wo es eine große Tuning-Szene gibt, treffen sich die Fahrer eher in Gewerbegebieten.
Am 26. März geschieht der erste tödliche Unfall in Köln. Zwei 19-Jährige rasen in einem Ford und einem Opel die Aachener Straße entlang, ignorieren eine rote Ampel, der Ford kracht in ein Taxi. Ein österreichischer Fahrgast wird schwer verletzt. Der 49-Jährige stirbt im Krankenhaus.
"Es ist ihnen einfach gleichgültig"
Keine drei Wochen später, am 14. April, radelt die 19 Jahre alte Studentin Miriam auf dem Auenweg im Stadtteil Mülheim nach Hause. Sie trägt einen Helm, fährt auf dem Radweg. Mit mehr als hundert Kilometern pro Stunde schießt ein 22-Jähriger mit seinem BMW die Straße entlang, sein Kumpel, 21, versucht, in einem Mercedes mitzuhalten. Der 22-Jährige verliert die Kontrolle, der BMW schleudert auf den Radweg und erfasst die Studentin. Drei Tage lang kämpfen die Ärzte um ihr Leben. Vergeblich.
Die Polizei reagiert und zieht Personal für eine eigene Ermittlungsgruppe mit dem Namen "Rennen" zusammen. Zunächst analysieren die Fahnder verdeckt die Szene, Anfang Juni beginnt mit einer großen Razzia am Rhein die offene Phase.
Die Jungs der Szene treffen sich am rechtsrheinischen Ufer beim Tanzbrunnen mit ihren getunten Karren. Verabredungen zu Rennen ergeben sich spontan, wie Lotz sagt. Über eine der Rheinbrücken geht es in die Innenstadt, oft ziehen sie im Konvoi los.
Es gibt drei weitere Unfälle, bei denen der Verdacht besteht, dass sie bei einem Rennen geschehen sind. Noch sind die Ermittlungen nicht abgeschlossen. Stadt und Polizei haben in dieser Woche weitere Maßnahmen beschlossen, die "die Raser von der Straße holen sollen", wie es heißt. Dabei hat die Polizei seit Anfang Mai bereits mehr als 8600 Fahrzeuge bei Geschwindigkeitsmessungen kontrolliert, in 98 Fällen waren die Fahrer so schnell unterwegs, dass sie ihren Führerschein wohl eine Weile abgeben müssen. 24 getunte Autos wurden aus dem Verkehr gezogen und stillgelegt. "Auto weg, Führerschein weg - das ist das Einzige, womit man sie trifft", sagt Lotz.
Die Mutter der 19-jährigen Miriam, die im April starb, setzt wenig Hoffnung in all diese Maßnahmen. "Offensichtlich haben weder der Tod unserer Tochter noch die Razzien irgendein Umdenken bewirkt", sagt sie. "Den Rasern scheint nicht klar zu sein, was sie anrichten können. Oder es ist ihnen einfach gleichgültig."