Köln: Public Viewing in Lanxess-Arena verboten - DER SPIEGEL
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Arenaverbot Kölner Fans müssen draußen bleiben

Insgesamt 85.000 Zuschauer haben sich bisher in und vor der ehemaligen Kölnarena die Deutschland-Spiele der EM angeschaut. Für die Partie gegen Griechenland bleibt die Halle aber geschlossen. Schuld sind chaotische Fans - aber auch Neonazis sorgten für Unmut.
Public Viewing in und vor der Kölner Lanxess-Arena: "Keine soziale Kontrolle"
Public Viewing in und vor der Kölner Lanxess-Arena: "Keine soziale Kontrolle"

Public Viewing in und vor der Kölner Lanxess-Arena: "Keine soziale Kontrolle"

Foto: Thomas Banneyer
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Sie ist die weltweit zuschauerreichste Arena nach der in London: Die ehemalige Kölnarena, benannt nach dem Chemiekonzern Lanxess. Zu den drei deutschen EM-Spielen strömten insgesamt 85.000 Zuschauer zum Public Viewing auf das Gelände im Kölner Stadtteil Deutz. Bei der Partie Deutschland-Griechenland bleibt die Multifunktionshalle jedoch geschlossen.

Chaoten und Neonazis haben das friedliche Fußballfest gekippt, alle Warnungen ignoriert. Immer wieder, selbst im spannendsten Moment, hatten die Veranstalter die Übertragung Deutschland gegen Dänemark abgebrochen, wenn in der Halle ein Feuer aufloderte.

Drohungen liefen ins Leere. An verschiedenen Ecken auf den vollbesetzten Rängen zündeten Zuschauer Seenotfackeln, Rauchbomben und bengalische Feuer, die bis zu tausend Grad heiße Flammen erzeugen. "Man bekam es mit der Angst zu tun", sagt Christiane Kremer, die mit ihrer Clique vor Ort war. "Ständig musste man befürchten, hinter oder vor einem geht so ein Ding los. Und das in einer geschlossenen Halle."

Zu allem Überfluss sorgten noch Neonazis für Unmut bei den Zuschauern: Sie entrollten vor dem Spiel die Reichskriegsflagge im Oberrang und hängten sie ans Geländer. Beim Erklingen der Nationalhymne reckten die Kahlrasierten dann auch ihren rechten Arm in die Höhe.

Die Neonazis wurden nach Absprache mit der Polizei vom Sicherheitsdienst der Arena noch vor Ende des Spiels von den Rängen geholt. Die Männer leisteten keinen Widerstand. Insgesamt wurden 100 Zuschauer der Halle verwiesen, gegen die Hälfte davon verhängte das Management Hausverbot und erstattete Anzeige.

Auch Jörg Detjen, Fraktionsvorsitzender der Linken im Kölner Stadtrat und seit vielen Jahren aktiv im Kampf gegen Rechtsextremismus, erstattete Anzeige wegen des Zeigens des Hitlergrußes, noch in der Nacht hatte ihn eine Bürgerin per E-Mail informiert. "Das Ermittlungsverfahren ist eingeleitet", bestätigt Oberstaatsanwalt Ulf Willuhn.

Pyrotechnik so groß wie ein Kugelschreiber

Die Ermittler sicherten noch Beweise und werteten Videos von Überwachungs- und Handykameras aus, sagt ein Sprecher der Kölner Polizei. Noch sei unklar, ob "die üblichen Verdächtigen" hinter den Störungen steckten.

Es ist eine Anspielung auf die "Wilde Horde", einen vom 1. FC Köln offiziell ausgeschlossenen Fanclub mit etwa 800 Anhängern. Einige von ihnen griffen im März Fans des Rivalen Borussia Mönchengladbach an. Bei einer Razzia des Vereinsheims der Ultra-Gruppe und den Wohnungen von mehr als 20 mutmaßlichen Mitgliedern wurden Drogen, Knüppel und Sprengstoff gefunden - darunter hochexplosives bengalisches Feuer, vermutlich illegal aus dem Ausland importiert.

Die "Wilde Horde" seien keine Hooligans, für die bei Fußballspielen Gewalt im Vordergrund stehe, betont der Polizeisprecher. Viele von ihnen seien nicht gewalttätig und setzten sich gegen Rechtsextremismus ein. Aber: "Diese Bengalos werden für uns zunehmend zum Problem: Sie stellen eine erhebliche Gefahr für das Publikum dar - gerade im geschlossenen Raum", so ein Ermittler. Der Gebrauch nehme rapide zu. Die Pyrotechnik sei teilweise so groß wie ein Kugelschreiber und dadurch leicht an den Personenkontrollen vorbeizuschmuggeln.

Man könne die bisherigen Körperkontrollen perfektionieren und zu Leibesvisitationen ausweiten wie bei der Flughafenkontrolle, aber das sei völlig praxisfern und auch nicht Sinn und Zweck eines friedlichen Fußballevents, sagt Stefan Löcher, Geschäftsführer der Lanxess Arena. Es sei frustrierend, dass wegen dieser Ausfälle "98 Prozent fußballbegeisterte, friedfertige Fans" nicht in die Halle dürfen, die bei den bisherigen Veranstaltungen - auch bei Sonnenschein - den meisten Zuspruch findet. "Die Stimmung dort ist einfach einzigartig", sagt Löcher. Aber: "Die Sicherheit der Besucher geht vor, ein Restrisiko würde immer bleiben, und das ist uns zu gefährlich."

Die Randale in Köln-Deutz war kein einmaliger Vorfall. Schon zuvor, beim Deutschland-Spiel gegen die Niederlande, sei die Stimmung rund um die Halle hochaggressiv gewesen, erzählt Fabian König. Der 27-Jährige war bei dem Kick unter den Zuschauern, die er als auffallend jung beschreibt, das Durchschnittsalter habe zwischen 16 und 20 gelegen.

"Atemnot, weil es so verraucht war"

Weil sich an diesem Tag parallel zum Spiel eine geschlossene Gesellschaft im Innenraum der Lanxess-Kuppel befand, hatten die Veranstalter den zweiten Public-Viewing-Termin nach draußen auf die große Wiese rund um die Arena verlegt, auf die etwa 15.000 Besucher passen.

Aber auch dort war die Atmosphäre bereits angespannt, sagt König. "Obwohl wir unter freiem Himmel waren, bekam man Atemnot, weil es so verraucht war, die Leinwand war teilweise gar nicht mehr zu sehen" - so viele Feuerwerkskörper und bengalische Feuer seien von hitzigen Fans auf der vollen Wiese angezündet worden. "Das habe ich schon mal im Stadion, aber noch nie bei einem Public Viewing so erlebt", sagt König.

Der Fußballfan findet, dass sich die Stimmung bei Fan-Festen deutlich verschlechtert hat. "Noch vor zwei Jahren war ich im Innenraum beim WM-Public-Viewing, da war die Stimmung viel friedlicher und fröhlicher."

Den Negativtrend beobachtet auch der 67-jährige Sportsoziologe Professor Gunter A. Pilz von der Leibniz-Universität Hannover. "Man darf sicher nicht den Fehler begehen und Bengalos automatisch mit Gewalteinwirkung gleichsetzen", nimmt er vorweg. Die populäre Pyrotechnik sei "zunächst ein Stilmittel zum Feiern für die Jugendkultur und kein Zeichen ihrer Verrohung".

In großen Menschenmengen könne dieses Stilmittel aber "schwere Verletzungen" verursachen - wenn es gedankenlos eingesetzt wird, weil Alkohol im Spiel ist und die Gefühle kippen. "Immer mehr Menschen gehen nicht zu einem Fan-Fest, um gemeinsam Fußball zu gucken, sondern um Emotionen abzubauen", erläutert Fan-Forscher Pilz. "Das kann sich destruktiv hochschaukeln, gerade bei einem Public Viewing, wo man noch viel näher zusammensteht, als in einem Stadion."

Die rechtsradikalen Fans verlagern ihre Präsenz immer mehr aufs Rudelgucken. "Denn auf solchen Plätzen", sagt Pilz, "haben Rechtsradikale nicht die gleiche soziale Kontrolle, wie in Fußballstadien. Parallel können sie das Massenereignis nutzen und ihre nationalsozialistischen Neigungen als gesunden Patriotismus verkaufen, indem sie vorgeben, ja bloß für ihre Mannschaft zu sein."

Chaoten und Neonazis beim Public Viewing - kann man von einer steigenden Aggressivität und Verrohung sprechen? "Es handelt sich dabei offensichtlich fast ausschließlich um ein Kölner Phänomen", sagt Fan-Experte Pilz, "denn bei den tausend anderen Public-Viewing-Areas in Deutschland gab es bislang keine Probleme, selbst nicht bei der größten Fanmeile in Berlin mit 500.000 Menschen. Insofern ist auch Entwarnung zu geben."

Das offizielle Public Viewing der Stadt Köln findet am Freitag - und im Falle eines Weiterkommens der deutschen Mannschaft auch bei den nächsten Begegnungen - ausschließlich im Außenbereich der Arena statt. Auch hier gilt: Werden Feuerwerkskörper gezündet, wird die Übertragung sofort abgebrochen. "Wir sind gut aufgestellt", sagt ein Sprecher der Kölner Polizei. "Aber das Problem ist damit noch lange nicht gelöst."