König der Lüfte - DER SPIEGEL
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE König der Lüfte

Wie der Tod eines Piloten einen Amerikaner berühmt machte
• aus DER SPIEGEL 25/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Doug White saß im Cockpit der Beechcraft King Air B200, eines zweimotorigen Turbo-Prop-Flugzeugs, 535 Stundenkilometer schnell, des bewährten Lufttaxis vieler amerikanischer Unternehmer. White ist 56 Jahre alt und Eigentümer einer Leasing-Firma. Seine Frau Terri und die beiden 16- und 18-jährigen Töchter waren mit an Bord, es ging von Marco Island, Florida, nach Jackson, Mississippi.

White versuchte sich zu entspannen, er musste sich auf nichts konzentrieren. Geflogen wurde die Maschine von Joe Cabuk, einem 67-jährigen ehemaligen Militärpiloten, er saß im Cockpit links von White. White besitzt eine Fluglizenz, für eine einmotorige Cessna, aber an diesem Tag war er nur ein Passagier. Und das war gut so, denn viele der Knöpfe, Schalter und Hebel im Cockpit der King Air sagten White nichts oder nur wenig. Ohne zu wissen, warum, fragte er Cabuk, wie man das Funkgerät bediene.

Cabuk zeigte auf einen Schalter an der Konsole, er war gerade damit beschäftigt, die Checkliste für den Steigflug abzuarbeiten, und der Autopilot flog die Maschine. Er würde sie auf eine Höhe von 3300 Meter bringen und dann Kurs auf Jackson nehmen.

Die King Air durchstieß ein paar Wolken, White genoss den Augenblick, er blickte nach links, zu Cabuk, und er sah, wie das Kinn des Piloten auf die Brust sank. Gleichzeitig hörte er einen Laut, ein Gurgeln, tief aus Cabuks Leib. Dann verlor Cabuks Körper die Spannung und fiel in sich zusammen.

Der Pilot hatte einen Herzanfall erlitten, und White ahnte, dass ihm ein Platz in den Abendnachrichten sicher war. Die Frage war nur noch, ob er als Opfer oder als Held angekündigt werden würde.

White versuchte die Ruhe zu bewahren, er drückte den Sendeknopf am Funkgerät und sagte: »Hier ist King Air Five Five Nine Delta Whiskey, ich befinde mich in einer Notsituation.« Ein Lotse der Flugsicherung in Miami antwortete, White erklärte ihm die Situation. »Bleiben Sie ruhig«, sagte der Lotse, dann übergab er King Air Five Five Nine Delta Whiskey an seine Kollegen im Southwest Florida International Airport.

Der Lotse in Fort Myers fragte: »Können Sie ein Flugzeug fliegen?«

White sagte ihm, dass er eine Lizenz für kleine einmotorige Flugzeuge besitze und dass er noch nie eine King Air geflogen habe.

»Okay«, sagte der Fluglotse, der das offenbar für eine gute Nachricht hielt, »schalten Sie den Autopiloten aus.«

»Wie geht das?«, fragte White.

Der Lotse schwieg einen kurzen Moment, dann sagte er White, er würde einen Piloten suchen, der sich mit einer King Air gut genug auskenne, um White über Funk die nötigen Handgriffe und Prozeduren zu erklären.

Der Lotse und der Pilot am Boden erklärten White, wie er den Autopiloten ausschalten könne. White befolgte die Anweisungen. Nun sollte er den Steigflug beenden. Doch das war nicht möglich. Cabuks rechtes Bein blockierte die Trimm-Einstellung. Mit Mühe schob White das Bein zur Seite. Dann richtete er die Maschine horizontal aus und legte sie, wie vom Lotsen befohlen, in eine Linkskurve Richtung Fort Myers.

White befürchtete, dass ihm nicht nur das rechte Bein, sondern auch der Rest des leblosen Körpers Schwierigkeiten bereiten könnte, falls er nach vorn fallen sollte, gegen den Steuerknüppel. White bezweifelte sehr, dass er die Maschine dann noch halten könnte. Er rief nach seiner Frau.

Sie war, nun ja - überrascht, ihren Mann das Flugzeug fliegen zu sehen.

White sagte ihr, sie solle den Piloten nach hinten schaffen, in die Passagierkabine, schnell! Whites Frau zerrte und zog, aber es gelang ihr nicht, den Zwei-Zentner-Mann zu bewegen. Erschöpft begnügte sie sich damit, ihn anzuschnallen. Als sie sich wieder auf den Weg zu ihren beiden Töchtern machte, sagte White, beten sei jetzt eine gute Idee. Die Mädchen sollten auch mitmachen.

Vorsichtig brachte White die King Air hinunter auf 1700 Meter. Er sah den Ozean unter sich und kein Flugzeug. Direkt vor ihm tauchte der Flughafen auf. »Er gehört ganz und gar Ihnen«, sagte der Lotse.

White fuhr das Fahrwerk aus. Die Räder erhöhten den Luftwiderstand der King Air. Der Lotse warnte White, er müsse seine Geschwindigkeit unter allen Umständen halten, er dürfe nicht langsamer als 110 Knoten fliegen.

»In Ordnung«, sagte White.

»Sieht gut aus«, sagte der Lotse.

»Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist«, sagte White.

In der Nähe der Landebahn sah er blinkende Lichter. Feuerwehr und Ärzte hielten sich bereit. Die Tanks der King Air waren noch fast voll, der Start lag gerade 30 Minuten zurück.

Die Landung war eine von Whites besten Landungen. Er schlug nicht auf, er hüpfte nicht, er sank hernieder, die Nase der King Air leicht erhoben.

»Gute Arbeit«, sagte der Lotse.

White stellte seine letzte Frage: »Wie stell ich denn nun dieses Ding ab?« In der Passagierkabine erbrach sich seine ältere Tochter, wahrscheinlich vor Erleichterung.

Für Joe Cabuk konnten die Ärzte nichts mehr tun, er war tot.

Am Abend kündigten die Nachrichten White als »amerikanischen Helden« an. UWE BUSE

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