Körper zeigt der Mann - DER SPIEGEL
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MODE Körper zeigt der Mann

Paris und Mailand präsentierten die Männermode fürs nächste Jahr: Noch nie waren die Models so nackt.
• aus DER SPIEGEL 29/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gabriele Albertini ist Bürgermeister von Mailand. Seine politischen Ansichten mögen umstritten sein, aber in einem Punkt ist er über jeden Zweifel erhaben: Er hat eine tadellose Figur. Und er hat keine Angst, sie zu zeigen.

Am Dienstag vorvergangener Woche schritt Albertini über den Laufsteg des römischen Modedesigners Valentino, mit nichts bekleidet als einer Sonnenbrille und einem winzigen Badehöschen aus Kaschmir. Die Presse gebärdete sich zwar ein bißchen schockiert, aber sie hat ihn nicht zum Rücktritt gezwungen. Valentino setzte noch einen drauf und erklärte, das Material der Badehose sei so weich, daß man es nur als »libidinöses Kaschmir« bezeichnen könne.

Zwei Wochen lang zeigten Modedesigner in Mailand und Paris ihre Schauen für die Männermode des Sommers 1999. Und siehe da: Kurz vor dem Ende des Jahrtausends gibt es noch eine echte Revolution. Dem Anzug, seit rund 200 Jahren gegen alle Anfeindungen hartnäckig verteidigtes Renommierkleidungsstück des Mannes, droht die Auflösung. Das gilt vor allem für die Jacke. Schulterpolster, Futter, Roßhaarverstärkungen - alles, was ihr eine feste Form gibt, wurde von den Designern entfernt.

Wo das hinführt, war bei dem traditionsbewußten Modehaus Hermès zu sehen. Véronique Nichanian, die seit zehn Jahren die Männermode für Hermès entwirft, hat ihre Leinenjacketts nicht nur von allen Verstärkungen befreit, sondern den Stoff auch noch schräg zugeschnitten. So ist er beweglicher, was dazu führt, daß der Saum beim Gehen schwingt wie ein Röckchen. Es fehlt nicht mehr viel, und aus der Jacke wird ein über der Hose getragenes kurzes Kleid. Die Designer-Stars Dries van Noten und Rei Kawakubo haben das schon vor einigen Jahren für Frauen propagiert.

Krawatten konnte man fast an einer Hand abzählen. Die meisten Anzüge wurden mit weit aufgeknöpftem Hemd oder einem einfachen T-Shirt vorgeführt.

Der Anzug, Synonym für Kompetenz, Sachlichkeit und Erfolg, wird degradiert zur ordinären Freizeitkleidung. Wie konnte das geschehen? Ein denkbarer Grund: Der Anzug steht eher für eine dicke Brieftasche als für körperliche Attraktivität. Was kann man von einem Mann im Anzug schon sehen? Die Form der Beine? Ein Geheimnis. Die Schultern? Normiert. Die Rundungen des Hinterteils und das Geschlecht? Von der Jacke bedeckt. Die amerikanische Kunstwissenschaftlerin Anne Hollander schreibt zwar in ihrem Buch »Anzug und Eros": »Anzüge sind immer noch sexy, ebenso wie Autos und Flugzeuge. Aber Anzüge, Autos und Flugzeuge bezeugen vor allem beruflichen Erfolg. Sie sagen: Ich habe Macht. Das ist ihr Sex.« Diese Botschaft wird zunehmend uninteressanter, je mehr Frauen selbst Macht gewinnen. Man begehrt nicht, was man schon hat. Was bleibt einem Mann? Sein Körper.

Ein Modedesigner hat das längst erkannt: Jean-Paul Gaultier. Der Neuerfinder des Rocks für Männer predigt seit Jahren den »homme objet«, den Mann, der sich als Objekt entdecken muß, wenn die Frau Subjekt wird: Auch Männer müssen sich daran gewöhnen, daß sie nur ihres Körpers wegen betrachtet werden.

Gaultiers neue Prächtigkeit, seine handbestickten maßgeschneiderten Männerhosen, galten bis vor kurzem noch als schwule Mode. Nun greifen diese Strategien aufs Heterolager über: Männer unterstreichen das Weiß ihrer Augen mit schwarzen Kajalumrandungen, Männer rasieren sich die Brustbehaarung, Männer piercen sich - um Frauen zu gefallen. Die Modedesigner stiegen begeistert auf all das ein. Gaultier hat sich für diese Saison von den Touristen inspirieren lassen, die zu Tausenden in kurzen Shorts und auch sonst ziemlich entblößt durch Paris stapfen. Warum nicht gleich in Unterwäsche?

Angetan mit einem kurzen gestreiften Hemdchen, bei dem nur die mittleren Knöpfe geschlossen waren, und einem ebenso gestreiften winzigen Badehöschen latschten die Models, Bierdose in der Hand, durch die Zuschauerreihen. Komplettiert wurde das Outfit mit einem Sonnenmützchen, wadenlangen Socken und Turnschuhen. In der Wirkung fast noch berückender war ein grauer Anzug, der wie Seide schimmerte und ganz konventionell mit einem weißen Hemd, Krawatte und Weste getragen wurde.

Als das Model jedoch die Jacke auszog, zeigte es nackte Arme. Die Hemdsärmel waren einfach abgeschnitten - plötzlich steckte in dem Anzug kein Funktionsträger mehr, sondern ein Körper, den man anfassen wollte.

Lag es daran, daß plötzlich alle über Viagra, Männer und Sex redeten? Es war jedenfalls das erste Mal, daß neben Gaultier und Westwood auch die meisten anderen Modedesigner Männer als Verführer und nicht nur als Scheckkartenbesitzer ausstaffierten. Enthusiastisch durchstöberten sie das männliche Verführungsarsenal, das der bürgerliche Mann nach der französischen Revolution verschmäht hatte.

Um die Kundschaft nicht zu verschrecken, gaben die Designer vor, bloß Sportswear zu machen. Aber das war nur die halbe Wahrheit. Fast jeder zeigte Hosen, Blousons oder Jacken mit dem bei Trainingshosen klassischen Tunnelgürtel. Überall hingen Bänder heraus, baumelten vor dem Bauch, der Taille, am Dekolleté und an den Ärmeln.

Das ist eine Herausforderung. Was passiert, wenn man daran zieht? Diese Bänder sind nicht sportlich, sondern kokett - reiner Putz. Bewußt oder unbewußt greifen die Modedesigner hier auf uralte Modelle zurück. Die Bänder sind eine moderne Version der Galants, mit denen sich die Kavaliere des 17. Jahrhunderts herausputzten. Diese Männer hatten keine Angst, ihre männlichen Kleidungsstücke mit Details zu schmücken, die heute als weiblich gelten. Vielleicht weil sie wußten, daß diese Mischung eine der größten Attraktionen ihres eigenen Körpers widerspiegelt: das Zusammenwirken von Festigkeit und seidenweicher Zartheit.

Am prachtvollsten war der Putz bei Gucci. Chefdesigner Tom Ford hatte rosa, graue und hellblaue Hosen mit buntem Straß bestickt und mit Lederornamenten, die wie Revolvergürtel auf den Hüften saßen. Darüber nichts als ein schlichtes, weißes T-Shirt - schon war die Gefahr einer »Las-Vegas-Cowboy«-Parodie gebannt. Auch die Britin Vivienne Westwood schmückte ihre Anzüge mit derartigen »Diamanten«. So sagte sie jedenfalls im französischen Fernsehen.

Ein anderer Rückgriff: Das transparente Hemd. Die streng blickenden Kaufleute auf Porträts aus dem 16. Jahrhundert trugen zwar meist schwarze Anzüge, doch das Wams hatte oft einen großzügigen viereckigen Ausschnitt. Darunter sieht man ein gefälteltes weißes Hemd, das bis zum Hals reicht und so dünn ist, daß die Haut durchschimmert. Wenn man dem Kaufmann sein düsteres Wams auszieht, ist er darunter in durchsichtige Schleier gehüllt wie eine Odaliske. Dieses transparente Hemd hatte jeder Designer in seiner Kollektion, wenn auch nicht in ganz so raffinierter Kombination. Bei Hermès war es kurzärmelig, mit Schulterpasse und zwei Abnähern im Rücken, die klar darauf hinwiesen, daß auch Männer eine Taille haben sollten. Masaki Matsushima hatte den Stoff seiner weißen Hemden in geometrische Muster wie zum Beispiel Karos gebügelt. Das schönste weiße Hemd zeigte Yohji Yamamoto. Es hatte dieselbe schleierartige Qualität wie im 16. Jahrhundert. Nur ein bißchen zerknitterter.

Im Mittelalter trugen Landsknechte geschlitzte Kleider, durch die ihre Unterwäsche hervorblitzte. Die Schlitze sollten daran erinnern, was für wilde Kämpfer sie waren. Da Unterwäsche heute gern auf ein Minimum beschränkt wird, zeigten die modernen Ausführungen vor allem nackte Haut. Das Pariser Label Shirtology brachte verwegene Bademode, etwa einen Hummer-Slip, Donatella Versace schlitzte eine graue Anzughose am Knie auf wie eine alte Jeans. Gianfranco Ferré zeigte für sein Label Gff Pullover, die an der Seite aufgeritzt waren, als hätte ein Degen zugeschlagen. Die ärmellosen schwarzen Lederhemden von Sonia Rykiel hatten an der Seite Reißverschlüsse, die man bis fast unter die Achsel öffnen konnte.

Jahrhundertelang haben Männer in hautengen Kniehosen ihre Beine vorgeführt. Was ist von Ludwig XIV. außer Versailles übriggeblieben? Seine Idee des absoluten Fürsten ist untergegangen. Aber seine Beine, die der Maler Hyacinthe Rigaud als prachtvolle weißschimmernde Marmorsäulen verewigt hat, werden für die Nachwelt immer ein Vorbild sein.

Kenzo, Dries van Noten und Joe Casely-Hayford zeigten klassische schmale Anzughosen, die kurz über oder kurz unter den Knien abgeschnitten waren. Westwood hatte einen grauen Anzug in ihrer Kollektion mit einer leicht pludrigen dreiviertel-langen Hose. Dazu trug ihr Model zart durchbrochene Strümpfe. Vielleicht wird im nächsten Jahr eine Culotte daraus, und wir können hören, wie die Seide bei jedem Schritt knistert.

Selbst das Geschlecht wurde manchmal herausgehoben. Masaki Matsushima zeigte unter einem kurzen grauen Mantel eine schmalgeschnittene Hose und einen hüftlangen weißen Pullover, der vorn am Saum bogenförmig bis fast zum Bauchnabel abgeschnitten war, so daß sich der Blick automatisch auf das Geschlecht richtet. Bei Joe Casely-Hayford waren die weiten Hosen aus fester weißer Baumwolle vorn mit einer Art Hosenklappe versehen, die so lässig mit einer Schnalle befestigt war, daß sie bei jedem Schritt herunterzufallen drohte. Erst bei näherem Hinsehen erwies sie sich als ungefährliche Attrappe. Und doch erinnerte sie daran, daß es zwei wunderbare Jahrhunderte lang üblich war, das männliche Geschlecht in einer Schamkapsel zu bergen, die in den unwahrscheinlichsten Variationen geformt und verziert war.

Schwer zu sagen, inwieweit sich die Erotisierung des männlichen Körpers im Modealltag durchsetzen wird. So widersetzt sich ausgerechnet »Cool Britannia« bislang dem Trend. Yves Saint Laurent wollte dort mit seinem berühmten 1971 von Jean-Loup Sieff aufgenommenen Nacktfoto für seine neue Sport-Linie werben. Die Londoner Verkehrsbetriebe haben die Plakataktion abgelehnt, da das Foto als anstößig empfunden werden könne.

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