Kohls Matrix
Hinter Frau Thi Kims Oberbekleidungsbude und der Auslage hellblauer BHs auf Bananenkartons der Marke Dole hält am Mittwoch kurz vor zehn Uhr ein in Potsdam zugelassener BMW mit Panzerscheiben. Eine eher unauffällige Dame mit Topffrisur und hellblauem Jackett steigt aus und eilt leicht vornübergebeugt auf den Eingang des Kinos »Kosmos« zu.
Sie ist die Vorsitzende der christlich-demokratischen Partei Deutschlands. Niemand hat sie bemerkt, niemand bleibt stehen. Die Geschäfte auf dem Vietnamesenmarkt in der Karl-Marx-Allee, ehemals Stalinallee, gehen ungerührt weiter.
Vor knapp 50 Jahren marschierten hier die Berliner Bauarbeiter, und damit so etwas nicht mehr vorkomme, ließ die Partei später ein Kino bauen, mit abwaschbaren fröhlich-bunten Kacheln und einer Leinwand, so groß, dass die Welt hinter der Mauer ganz verdeckt wurde: das Kino »Kosmos«.
An diesem Mittwochmorgen hat es die Konrad-Adenauer-Stiftung für die Tagung »Alles nur Geschichte?« gemietet, bis 14 Uhr, dann wird wieder »Matrix Reloaded« gezeigt.
Die Bundesvorsitzende hält einen Vortrag aus einer gelben Mappe, »Für Freiheit - gegen Diktatur: Das Signal des 17. Juni 1953«. Sie redet über Geschichtsbilder in Ost und West. Dann fegt sie mit einer ungestümen Handbewegung das Wasserglas vom Rednerpult: »Entschuldigung.«
Sie sagt Wörter wie"faktische Realitäten«, »Sowjetunion«, »sozialistische Staaten« und »nicht unerwähnt darf bleiben«. Vielleicht liegt es am Berliner Idiom, vielleicht am gerafften Podiumsstoff im Blau der Freien Deutschen Jugend, vielleicht auch nur an der Architektur des Kinos - plötzlich ist es schwer, zu sagen, in welcher Zeit man sich befindet.
Bald schon verlöscht das Licht im Saal, und ein grobkörniger, schwarz-weißer Film flackert auf der Leinwand, unterlegt mit dramatischen Bläsersätzen und Paukengrollen: »Der 17. Juni 1953«. Der Film endet mit der Nationalhymne.
Als das Licht wieder angeht, ist die Vorsitzende verschwunden, und auf dem Podium sitzt Günter Schabowski, neben sechs anderen Herren. Das spätere Politbüromitglied war im Juni 1953 stellvertretender Chefredakteur der Gewerkschaftszeitung »Tribüne«. Ein Artikel in seinem Blatt hatte den Aufstand mit ausgelöst.
Schabowski könnte der Buhmann sein bei dieser Veranstaltung. Seine Gesichtszüge hängen auf Halbmast, und er hat sich vorgenommen, wie ein Historiker über eine Zeit zu reden, die ihm fremd geworden ist, so fremd wie er sich selbst.
Da bewegt sich die Sitzreihen hinunter eine Masse Mensch in hellgrauem Anzug, wuchtet sich von Stufe zu Stufe, dabei stets von Bodyguards umschwirrt. Der Mann lässt sich in die erste Reihe fallen, und das »Kosmos« hat eine neue Mitte: » ... begrüßen nun auch den ehemaligen Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl ganz herzlich.«
Von nun an wird jedes Wort auf dem Podium von Kohls Nicken ("Es gab nur einen Helden: das Volk") oder abfälligem Grunzen ("20 Jahre Entspannungspolitik haben den Untergang ermöglicht") begleitet. Schabowski erzählt, wie Egon Krenz und er nach Erich Honeckers Sturz auf neue Kredite aus dem Westen gesetzt hätten: »Unser ärgster Klassenfeind musste uns jetzt rausholen, da sitzt er«, Schabowski zeigt auf die erste Reihe, »dieser verruchte Kohl, aber der weigerte sich. Keine Anleihen mehr, nix mehr Kredite!«
Die massige Gestalt in der ersten Reihe hat nun gerötete Wangen, als würde sie vor Behaglichkeit glimmen. So ist es gut. »Für mich«, sagt Schabowski schließlich, »ist der 17. Juni der Anfang eines langen Weges zur Einheit der Deutschen in Freiheit.« Applaus im Saal und in der ersten Reihe.
Helmut Kohl besetzt das Podium, alle anderen Namensschilder werden weggeräumt. Neben ihm sitzt ein Professor, der ihm mit der Eifrigkeit eines Stiefelburschen die Fragen präsentiert und ihn wie selbstverständlich mit »Herr Bundeskanzler« anspricht.
Kohl erzählt, wie er mal mit seiner »Freundin und Braut«, der späteren Hannelore Kohl, über die Stalinallee spazierte, wie er ein Café aufgesucht und schließlich in der Karl-Marx-Buchhandlung in diesem oder jenem Buch geblättert habe. Er redet vom »Tag der deutschen Patrioten«, von der Pflicht, dies auch in Schulen und von Kanzeln kundzutun.
Anders als die Parteivorsitzende scheint er durch den Geist des Ortes keineswegs verändert zu sein. Kohl ist sich selbst Kosmos genug und weiß der Macht des Raumes seine eigene, zufrieden glosende Masse entgegenzusetzen.
Günter Schabowski zählt innerlich mit, wie oft er von Kohl erwähnt wird. Er kommt auf dreimal. Immer zustimmend. Sogar seine Bemerkung über den antifaschistischen Idealismus damals, den ideologischen Kokon, in dem sie alle eingesponnen waren. Erstaunlich: »Es muss eine Form von Altersmilde sein«, sagt Schabowski später. »Der ist jenseits von gut und böse.«
Dann ist es vorbei. Der Kinosaal muss geräumt werden. Für »Matrix Reloaded«.
Kohl gibt Autogramme, Schabowski gibt sie auch. Der 17. Juni solle kein ritualisierter Feiertag werden, haben sie noch gesagt. Sondern etwas anderes. Etwas Lebendiges.
Das Kosmos war nur halb gefüllt.
ALEXANDER SMOLTCZYK