Kommentar Siamesische Zwillinge trennen - darf man das?
Oder tun sie es aus wissenschaftlichem Ehrgeiz? Darf ein Mensch für das Leben eines anderen geopfert werden? Wer entscheidet dies? Der jüngste Fall zeigt erneut: Bei Extremfällen führen allgemeine ethische Prinzipien in ein Dilemma.
Zwei operative Trennungen siamesischer Zwillinge sorgten vergangenes Jahr für weltweites Aufsehen. Im Mai wurde ein siamesisches Zwillingspaar aus Peru in Italien getrennt. Die Geschwister teilten sich ein Herz, eine Lunge und einen Darm. Nur eines der Kinder konnte das Herz erhalten, das andere müsse "geopfert" werden, sagten die Ärzte - schlussendlich überlebten beide Kinder die Operation nicht.
Gemeinsame Hauptschlagader
Als Ärzte in Manchester im November 2000 die gemeinsame Hauptschlagader eines siamesischen Zwillingspaares durchschnitten, bedeutete dies den sicheren Tod der kleinen Mary. Ihre Schwester Jody überlebte. Es wurde prophezeit, das Mädchen werde einmal "ein normales Leben" führen, es müsse nur ihr Unterleib künstlich aufgebaut werden. Zumindest in den ersten fünf Jahren ihres Lebens wird es noch viele Operationen über sich ergehen lassen müssen.
Im Fall des in Italien getrennten siamesischen Zwillingspaares hatten die Eltern der Operation - schweren Herzens - zugestimmt. "Mir bricht das Herz", hatte die 22-jährige Mutter im Fernsehen unter Tränen gesagt. Der Gewissenskonflikt zog sich auch durch die Ärzteschaft: Ein Spezialist für Lebertransplantationen konnte es moralisch nicht verantworten, vorsätzlich ein Menschenleben zu opfern. Ein Kollege warf ihm daraufhin vor: "Du könntest Leben retten und würdest tatenlos zusehen, wie beide Babys sterben? Du bist ein Flüchtling!" Die katholische Kirche war mit der Mutter und gewährte die vorsätzliche Tötung des einen Kindes, um das andere zu retten. Wenige Stunden nach dem Eingriff in Palermo starben beide Zwillinge.
Ein sinnlos gewordenes Leben
Die katholischen Eltern der in Manchester operierten Kinder wollten dagegen nicht, dass ihre siamesischen Zwillinge getrennt werden. Der Wille der Ärzte zur Operation stehe gegen den "Willen Gottes". Richter am Londoner Law Court entschieden daraufhin gegen die Eltern und gaben den Ärzten grünes Licht. Vor Gericht waren zwei Parteien aufgetreten: Die eine setzte sich für die nicht überlebensfähige Mary ein, die andere argumentierte, es könne kein Interesse daran bestehen, "ein leider sinnloses Leben retten zu wollen".
Beide Fälle zeigen: Die unumstritten richtige Entscheidung gibt es nicht. Das Leben stellt Fragen, die nicht mit richtig oder falsch gelöst werden können, sondern im Ermessensspielraum der beteiligten Akteure liegen. Wer kann die letzte Verantwortung über Leben und Tod übernehmen? Die Ärzte? Die Eltern? Die Richter? In Manchester wurde gegen den Willen der Eltern operiert. Mit dem Ergebnis, dass ein Kind gerettet wurde, das sonst mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit mit seiner Schwester gestorben wäre - Ärzte und Richter hatten letztlich Recht. Sie haben sich mit hohem Risiko für das geringere Übel entscheiden.
Wider den Fatalismus
Das andere Mal, in Italien, wurde mit dem Einverständnis der Mutter operiert, beide Kinder überlebten die Operation nicht - doch waren die Ärzte deshalb im Unrecht? Mussten sie nicht versuchen, wenigstens eines der beiden Kinder zu retten? Trotz einer letztlichen Unverfügbarkeit des Lebens ist die fatalistische Position, es sei eben - gottgewollt oder aus anderen Gründen - hinzunehmen, dass das Leben siamesischer Zwillinge nun einmal natürlicherweise sehr kurz sei, nicht zu akzeptieren.
Beim jetzt aktuellen Fall in Singapur hat es den Anschein, als könne keines der beiden Kinder überleben, geschweige denn später einmal ein "normales Leben" führen. Die beiden elf Monate alten Zwillinge Ganga und Jamuna sind am Kopf zusammengewachsen, sie teilen sich einen Schädelraum, ihre Gehirne sind in Teilen zusammengewachsen. Eine solche Trennung ist bei vier Versuchen weltweit dreimal gescheitert. Die Vermutung liegt nahe, dass Ärzte auch aus wissenschaftlichem Ehrgeiz heraus handeln. Trotzdem: Sollten die Kinder überleben, wäre die Frage zweitrangig, ob sie dies als bloße Versuchsobjekte von Ärzten getan haben.