Kongo: Erfolglose Suche nach Absturzopfern - DER SPIEGEL
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Kongo Erfolglose Suche nach Absturzopfern

Es ist der Albtraum jedes Fluggastes. Bis zu 130 Menschen sind bei einem Flug in der Demokratischen Republik Kongo aus einer Iljuschin 76 gestürzt. Die Heckrampe der Transportmaschine war offenbar wegen eines technischen Defekts plötzlich aufgeklappt. Nun wird gerätselt, ob wirklich intensiv nach den Opfern gesucht wird.
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Nairobi - Nach dem ungewöhnlichen Flugzeugunglück in Kongo haben Helfer und Soldaten bis Samstagfrüh erfolglos nach Spuren von Opfern gesucht. "Wir durchkämmen tags und nachts das schwer durchdringbare Gebiet", sagte Informationsminister Kikaya Bin Karubi in der Hauptstadt Kinshasa.

Bis zu 130 Menschen waren am Donnerstag aus 2200 Metern in die Tiefe gestürzt, als sich die Heckklappe einer Frachtmaschine auf einem Inlandsflug aus bislang ungeklärter Ursache öffnete. Das einer ukrainischen Gesellschaft gehörende Flugzeug vom Typ Iljuschin 76 war von der Armee für einen Inlandsflug von Kinshasa zu einer Militärbasis in der südlichen Stadt Lubumbashi gechartert worden.

An Bord der Maschine befanden sich nach Berichten eines Militärsprechers Soldaten und ihre Angehörigen, darunter auch viele Kinder. Karubi bestritt dies jedoch. Nur sieben Soldaten seien bei dem tragischen Unglück ums Leben gekommen. "Sie sollten den Frachtflug begleiten und wurden aus der offenen Rampe gerissen", sagte er. Verunsicherte Armeeangehörige bezweifelten dies jedoch. Sie sprachen teilweise von rund 200 Passagieren in der Unglücksmaschine. Sie stellten auch in Frage, ob tatsächlich nach Opfern gesucht werde.

Unglück 45 Minuten nach dem Start

Bei der Maschine sowjetischer Bauart hätten sich während des Fluges am Donnerstagabend rund 45 Minuten nach dem Start plötzlich die Heckklappen geöffnet, berichteten kongolesische Militärs am Freitag in der Hauptstadt Kinshasa. Nach Angaben eines Militärsprechers ereignete sich das Unglück nahe der Stadt Mbuji-Mayi im Süden des Landes.

Überlebende berichteten, Passagiere hätten sich im Flugzeug an die Wände geklammert, als sie von herumfliegendem Gepäck an Köpfen und Körpern getroffen wurden. Dadurch wurden einige der Überlebenden verletzt.

Prudent Mukalayi, ein überlebender Soldat, berichtete, er schätze, dass sich sogar rund 200 Menschen an Bord befunden hätten, "Soldaten und deren Familien, Frauen und Kinder". Mukalayi war wie acht andere Überlebende in ein Krankenhaus in Kinshasa eingeliefert worden. "Ich schlief, dann hörte ich Leute schreien. Als ich aufwachte, sagte der Pilot alle sollten sich in den vorderen Teil der Maschine begeben. Dort waren rund 40 Leute, doch einige von ihnen starben. Es gab nur 20 Überlebende", berichtet er. Er sei gegen eine Kiste gedrückt und deshalb nicht herausgeschleudert worden.

Zunächst hatte es geheißen, nur die russische Crew der "Ukrainischen Cargo Airlines" habe den Flug überlebt, nach dem Unglück sei der Pilot umgekehrt. Den Angaben zufolge war die Maschine von der kongolesischen Armee für den Inlandsflug gechartert worden.

Drucksystem der Heckklappe versagte

Ursache für das Unglück sei ein Versagen des Drucksystems gewesen, erklärte am Freitag ein Militärvertreter in Kinshasa. "Alle wurden herausgesogen und sind vermutlich tot." Die Wetterbedingungen sollen im Unglücksgebiet nicht ungewöhnlich gewesen sein.

Da sich das Flugzeug den Angaben zufolge zu dem Zeitpunkt auf einer Höhe von rund 3000 Metern befand, zweifeln Luftfahrtexperten jedoch an dieser These. Die Passagiere seien vermutlich aus dem offenen Laderaum der russischen Frachtmaschine "herausgerutscht", sagte Cord Rossow vom Institut für Aerodynamik und Strömungstechnik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Braunschweig. "Der Druckunterschied spielt in dieser Höhe keine so große Rolle", so das Argument des Professors.

Womöglich habe der Pilot nach dem plötzlichen Verlust der Ladeluke versucht, die Lage der Iljuschin zu stabilisieren. Dabei könnte die Mannschaft im Cockpit die Nase der Maschine nach oben gezogen haben. Das Heck neigte sich damit nach unten. Exakt solche Manöver würden auch geflogen, wenn Militärs ihre Ladung aus solchen Maschinen aussetzten. "Zusammen mit den Turbulenzen und der Panik kann das dazu geführt haben, dass die Menschen heraus gefallen sind", sagte Rossow.

Anders als in einer regulären Passagiermaschine gebe es in Frachtmaschinen normalerweise keine fest geschraubten Sitzreihen. "Vielleicht gab es nur Bänke oder Stühle", sagte Rossow, womöglich seien die Passagiere auch nicht anderweitig zum Beispiel durch Gurte gesichert gewesen. In Afrika reisen viele Menschen in umgebauten Transportmaschinen, meist ohne Sitzplatz, sondern inmitten ihres Gepäcks im Laderaum der Maschine.

Die BBC hatte berichtet, rund 45 Minuten nach dem Start sei die hintere Klappe aufgesprungen. Die Iljuschin 76 sei auf dem Weg von der Hauptstadt in die zweitgrößte Stadt des Landes, Lubumbashi, gewesen. Dort unterhält die Armee eine große Militärbasis.

Schreckliche Parallelen zu früheren Unglücken

Schon mehrfach kam es in der Luftfahrt zu Unglücken, bei denen Passagiere aus den Flugzeugen gezogen wurden:

Am 28. April 1988 war einer Boeing 737 der Aloha Airlines in 7300 Metern Höhe ein Drittel des Kabinendachs weggeflogen. Eine Stewardess wurde aus der Maschine gerissen und stürzte in den Tod. Die Passagiere kamen, gelähmt vor Schrecken, wie in einem fliegenden Cabriolet zur Erde zurück. Die Ursache der Beinahe-Katastrophe war damals rasch ermittelt worden: Der zweistrahlige Jet hatte mehr als 35.000 Flugstunden auf dem Buckel; haarfeine Risse hatten sich in der Außenhaut gebildet. Bei dem Flug über dem Pazifik war die in fast 20 Dienstjahren ermüdete Metallstruktur hinter der vorderen Einstiegstür geborsten.

16 Menschen stürzten im Februar 1989 auf einem Flug von Hawaii nach Neuseeland in den Tod, als in 7000 Metern Höhe ein drei mal zwölf Meter großes Loch aus der Bordwand einer United-Airlines-Maschine herausgefetzt wurde. Mit den Übriggebliebenen von seinen 336 Fluggästen brachte der Pilot den Jumbo-Jet zurück zum Flughafen von Honolulu.

Als Ursache galt damals, dass nach der Beladung der Maschine die Frachtluke unsachgemäß verschlossen worden war. Warnleuchten im Cockpit zeigen normalerweise an, wenn eine Frachttür aus Versehen offen bleibt; aber diese Warnung versagt mitunter, wenn die Luke zwar ungenau, aber so fest verrammelt wird, dass die entsprechenden Fühler nicht ansprechen.

Wenn sich beim Steigflug im Frachtraum der Überdruck gegenüber der umgebenden, mit zunehmender Höhe dünner werdenden Luft aufbaut, genügt es schon, wenn sich die Tür nur einen Spalt weit öffnet - mit Brachialgewalt wird sie dann vom Fahrtwind, einem Luftstrom von achtfacher Orkanstärke, erfasst. Solchen Kräften sind die Scharniere nicht gewachsen.

Ein vergleichbarer Fall, mit noch fataleren Folgen, ereignete sich am 3. März 1974 in der Nähe von Paris. Weil eine Frachttür ungenügend gesichert worden war, löste sich die Luke beim Steigflug in 4000 Metern Höhe vom Rumpf. Der darüberliegende Kabinenboden sackte durch und zerstörte Kontroll- und Steuerleitungen für Höhen- und Seitenruder. Die Maschine stürzte ab, 346 Menschen starben.