Konklave Die Stunde der Großwähler schlägt
Rom/Hamburg - Kurz nach 20 Uhr stieg gestern schwarzer Rauch über der Sixtinischen Kapelle auf, das Zeichen für einen ersten erfolglosen Wahlgang im Konklave. Ein Ereignis, das niemanden überrascht hat. Wurde doch in der Neuzeit der Papst noch nie beim ersten Anlauf bestimmt. Der erste Urnengang der Kardinäle dient vielmehr dazu nach den tagelangen inoffiziellen Besprechungen im Vatikan endlich einmal klar die verschiedenen Lager abzustecken.
Vatikan-Beobachter gehen davon aus, dass es gestern zu einem ersten Duell zwischen dem deutschen Kurienkardinal Joseph Ratzinger und dem ehemaligen Mailänder Erzbischof Carlo Maria Martini gekommen ist. Beide sind bereits 78 Jahre alt und gelten daher als sogenannte Übergangskandidaten. Kardinalsdekan Ratzinger ist überdies der derzeit wohl mächtigste Mann im Vatikan, dessen Wort in der Versammlung großes Gewicht hat. Wie die Abstimmung ausgegangen ist, darüber lässt sich freilich nur spekulieren. Sicher ist nur, dass keiner der Kardinäle die notwendige Mehrheit von 77 Stimmen auf sich vereinen konnte.
Sollte das Pendel nicht innerhalb weniger Wahlgänge zugunsten eines der Favoriten ausschlagen, schwinden deren Chancen nach Ansicht von Kirchenexperten jedoch rapide. Denn schnell wird dann nach Ersatzkandidaten Ausschau gehalten. So wie es etwa im Jahr 1978 geschah, als das mächtige italienische Lager in zwei Blöcke gespalten war und nach drei Tagen Konklave der weitgehend unbekannte Erzbischof von Krakau, Karol Wojtyla, als neuer Papst feststand. Bei der Suche nach solchen Kandidaten spielen dann die sogenannten Großwähler eine Rolle, die vermitteln und Gruppen zugunsten neuer Kandidaten formieren. Auch hier zählt Ratzinger dazu. Sollte er nicht Papst werden, geht man davon aus, dass er zumindest einer der Papstmacher sein wird.
Der in Vatikandingen kenntnisreiche "Corriere della Sera" berichtet, die beiden alten Kirchenfürsten hätten keine übermäßigen Ambitionen auf das Papstamt, hätten sich allerdings von Mitkardinälen aufs Schild heben lassen. Von "Symbolkandidaturen" spricht die Zeitung. So sähe eine Gruppe von lateinamerikanischen Kardinälen um den Kolumbianer Alfonso López Trujillo und den Chilenen Jorge Arturo Medina Estévez gern den Bayern Ratzinger auf dem Stuhl Petri. In Europa und den USA herrscht dagegen Skepsis gegenüber Ratzinger. So scharten sich die Purpurträger um die Deutschen Karl Lehmann und Walter Kasper und den Belgier Godfried Daneels hinter Martini. Der "Corriere" folgert, dass es zwar nicht ausgeschlossen, aber eher unwahrscheinlich sei, dass einer von den beiden Nachfolger Johannes Pauls II. werden.
Die römische "Repubblica" schätzt die Chancen für Ratzinger dagegen höher ein. Im ersten Wahlgang hätten seine Anhänger erst einmal ihre Stimmen in die Waagschale geworfen. Mit 40 bis 50, so die Schätzungen vom Vortag, seien dies immerhin genug gewesen, um die absolute Mehrheit zu streifen. "Diese absolute Mehrheit zu erreichen, bedeutet, dass die Ratzingerianer den Trumpf im Ärmel hätten, um die Zögerlichen davon zu überzeugen, nicht auf einen unnötigen Widerstand zu beharren", schreibt die Zeitung. "Sie sind stark, die Ratzingerianer."
Seit 9 Uhr wird nun wieder gewählt im Konklave. Für den Vormittag sind zwei Wahlgänge angesetzt, für den Nachmittag ab 16 Uhr weitere zwei. Sollte es dabei noch keine Entscheidung geben, wird zwei Mal schwarzer Rauch aus dem Ofenrohr auf dem Dach der Sixtinischen Kapelle aufsteigen, einmal um 12 und einmal um 19 Uhr.
Vermutlich haben die Kardinäle auch die Nacht für weitere Sondierungsgespräche genutzt. Sollte es tatsächlich im Lauf des Tages schon zu einer Entscheidung kommen, würde der neue Papst auf der Loggia des Petersdoms vorgestellt werden. "Habemus papam" ("Wir haben einen Papst"), heißt es dann. Es wird damit gerechnet, dass den Kirchenoberen viel daran liegt, ein langes Konklave und damit den Eindruck einer gespaltenen Kirche zu vermeiden.
Können sich die Kardinäle über längere Zeit nicht einigen, geht es mit kurzen Unterbrechungen die nächsten Tage so weiter. Frühestens nach dem 30. erfolglosen Wahlgang können sie dann entscheiden, eine Stichwahl zwischen den beiden Kandidaten mit den meisten Stimmen abzuhalten oder das nötige Quorum von einer Zwei-Drittel- auf die absolute Mehrheit zu senken.
Dominik Baur