Kosmisches Armageddon - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 61 / 122

Science-fiction Kosmisches Armageddon

Die Nazis sind tot, die Kommunisten abgetreten - jetzt müssen Außerirdische die Amerikaner das Gruseln lehren.
• aus DER SPIEGEL 28/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vorbei die idyllischen Zeiten, als der erste Kontakt zu herannahenden Wesen aus fernen Welten - in Steven Spielbergs »Close Encounters« - gleich in einen harmonischen Computer-Kanon über die abendländisch vorbelastete Tonfolge b-a-c-h mündete und gleißendes Licht grüne Männchen wie rosa Menschlein gleichermaßen in eine Sphäre überirdischer Brüderschaft entrückte.

Vorbei auch die Zeit, in der wie in »E. T.« kleine heimwehkranke Besucher mit großen runden Kulleraugen (und rührend häßlichen Schildkrötengesichtern) von Kindern kalifornischer Suburbs vor bösen Wissenschaftlern und Regierungsfunktionären geschützt werden mußten.

Nur einige Westküsten-Bewohner, denen ewiger Sonnenschein und zeitgeistige New-Age-Mythen das Hirn vernebelt haben, trauen offenbar noch immer der Güte von Fremdlingen: Wenn jetzt das jüngste Leinwand-Raumschiff den Himmel von Los Angeles verdunkelt, fiebern sie den Besuchern entgegen, steigen auf den Library-Tower in der Innenstadt und strecken der fremden Intelligenz über ihnen flehende Plakate entgegen: »Nehmt uns hinweg.«

Postwendend geht der Wunsch in Erfüllung. Aus dem Innern des düsteren Sternengleiters fährt ein mächtiger Erektor hervor, ein giftgrüner Todesstrahl zuckt auf die Bittsteller herab, und ganz L. A. versinkt in einem kataklystischen Feuerball. Die Botschaft des millionenfachen Overkills ist unübersehbar: E. T.''s Nachfolger sind richtig böse Biester.

Zum Höhepunkt der Sommer- und Feriensaison sind die Vereinigten Staaten von allen guten Geistern verlassen. »Out there«, da draußen, regiere das Böse, das Fremde, das Unerklärliche, titelte Newsweek vorige Woche, während Time seine Leser mit einem Gruselmonster und der Schlagzeile erschreckte: »Die Außerirdischen sind gelandet!«

Pünktlich zum gleichnamigen Nationalfeiertag lief in den USA das 70-Millionen-Dollar-Opus »Independence Day« des deutschen Regisseurs Roland Emmerich an - erster Höhepunkt einer ganzen Serie von Filmen, in denen Millenniums- und Apokalypseschauer zu gruselig-gefälligen Pop-Mythen verrührt werden. Die Devise der neuen Kultfilme lautet: auf zum kosmischen Armageddon.

Himmel und Erde setzt Emmerich in Bewegung, um den Endkampf zwischen einem Millionenheer widerlicher Panzerechsen und einer kleinen Truppe amerikanischer Top-Gun-Piloten in Szene zu

setzen. Während der Mond halb im Schatten eines riesigen feindlichen Mut-

* In »Independence Day«.

terschiffs verschwindet, bedroht eine Armada von 36 fliegenden Untertassen - jede mit 15 Meilen Durchmesser so groß wie eine veritable Millionenstadt - die Metropolen auf der ganzen Welt.

Zum Glück für die Menschheit erkennt ein New Yorker Computerfreak, der sein Geld als Reparaturmann einer Kabel-TV-Gesellschaft verdient, daß die Invasoren nicht in friedlicher Absicht kommen, sondern darauf aus sind, die Erdbewohner mit kosmischem Feuer zu verbrennen, um sich ihrer Ressourcen zu bemächtigen.

Also muß er den Präsidenten warnen. Zusammen mit seinem nörgeligen Vater bahnt sich der Held durch dichte Flüchtlingstrecks hindurch den Weg zum New Jersey Turnpike, jener Autobahn Richtung Washington, die auch dann schon verstopft ist, wenn nicht gerade ein riesiges Kampfschiff aus quirligem Wolkengewaber hervorbricht.

Trotzdem gelingt es dem Kabelreparateur, so schnell zu fahren, daß Papa quengelt: »Als ob Washington nicht mehr da wäre, wenn wir ankommen.« Was in diesem Fall beinahe zutrifft. Die Aliens können ihr Sternenfeuer nicht länger halten, es zuckt aufs Weiße Haus hernieder und jagt die Präsidentenresidenz mit großem Getöse in die Luft - Traum aller rechten US-Milizen.

Nicht nur der Regierungssitz brennt wie Zunder. Der Hausherr, gerade noch rechtzeitig gewarnt, entkommt in letzter Sekunde der gigantischen Feuerwalze. Während seine Hauptstadt und - stellvertretend für den Rest der Welt - New York sowie Los Angeles in Schutt und Asche sinken, startet er von der Andrews Air Force Base zu einem geheimen Luftwaffenstützpunkt in Nevada, um den Gegenschlag zu organisieren.

Doch vor dem finalen Showdown tief im Inneren der um den Mond kreisenden Mutter aller Todessterne sieht es schlecht aus für die Menschheit. Ganze Schwärme von Abwehrraketen prallen am unsichtbaren Schutzschild der Angreifer ab - Strafe für den unverzeihlichen Leichtsinn der Amerikaner, die sich geweigert haben, die Star-Wars-Träume ihres Science-fiction-verliebten früheren Präsidenten Ronald Reagan zu verwirklichen.

Nun kann die U. S. Air Force die Invasoren nicht abwehren, und diesem Unvermögen fällt sogar das texanische Houston zum Opfer. Es verschwindet unter einem gigantischen Atompilz, der eigentlich ein Raumschiff der Außerirdischen pulverisieren sollte. Auf ein paar Millionen Opfer mehr kommt es bei Emmerichs gigantischer Materialschlacht nicht an.

Am Ende des Films, nach listenreichem Ausmanövrieren der feindlichen Computer, stürzen die bedrohlichen Raumschiffe ausgerechnet an touristischen Dollpunkten, etwa hinter den Pyramiden, brennend zur Erde. Was die Menschheit schließlich rettet, sind gute alte amerikanische Tugenden: Vertrauen in die eigene Stärke, Opferbereitschaft und die Fähigkeit, über alle kleinlichen Einwände - etwa der Logik - hinweg das als richtig Erkannte zu tun.

Selbst der Präsident entsinnt sich seiner Pilotenvergangenheit, besteigt eine F-15 und stürzt sich als Anführer des nach allem Schlachtengetümmel übriggebliebenen Häufleins von Kampffliegern den extraterrestrischen Ungeheuern entgegen.

Im real existierenden Washington wird jeder Erfolg der tapferen Helden gegen die auswärtige Gefahr lauthals bejubelt. Rund um die Uhr, Tag und Nacht, zeigt das größte Kino der Stadt den Weltraumschinken des schwäbischen Regisseurs, den deutsche Filmer einst herablassend als »das Spielbergle« verspotteten. Meister Spielberg selbst, der »nie einen Streifen mit bösen und aggressiven Außerirdischen machen könnte«, rechnet damit, daß der Film seines deutschen Nachahmers in den USA »zwischen 250 und 300 Millionen Dollar oder mehr« einspielen könnte.

Fremde Welten haben offenbar Konjunktur - schon in Ermangelung irdischer Gegner. »Früher«, erklärt Emmerich, »gab es die bösen Nazis, dann kamen die Russen. Jetzt gehen uns langsam die Schufte aus, man kann schließlich nicht ewig von arabischen Terroristen leben.«

Mehr als ein Dutzend Science-fiction-Filme hat Hollywood angekündigt, und die Trailer werden in den Kinos begeistert begrüßt. »Mars Attacks!« soll der nächste Kassenfüller heißen, aber auch Neuauflagen von »Alien« und »Star Trek« sind geplant. Mehr als zehn erfolgreiche Fernsehserien beschäftigen sich Woche für Woche mit der Gefahr aus dem All, darunter auch die schon in Deutschland erfolgreiche »Akte X«. Die meisten bringen die Botschaft: Sie sind unter uns, und die Regierung verheimlicht die Bedrohung - eine Paranoia, die im neuen Space-Kult zugleich angestachelt und veralbert wird.

Auch Emmerich, 40, hat sich angesteckt: »Jede Generation schafft ihre eigenen Mythologien. Und die Mythen von heute beschäftigen sich mit einer Regierung, welche die Körper der toten Außerirdischen von Roswell verbirgt.«

Roswell ist das Mekka aller Spökenkieker und Sanktissimum aller Ufo-Träumer. Nahe der kleinen Stadt in New Mexico soll 1947 ein Raumschiff mit Außerirdischen abgestürzt sein. Schiff und Besatzung seien in den geheimnisvollen, aber echten Militärstützpunkt am Groom Lake nach Nevada verbracht worden, der jedem Freak als Area 51 bekannt ist und wo sich ein großer Teil von »Independence Day« abspielt.

Auch im Fernsehfilm »Dark Skies«, der nächsten Monat Premiere hat, unterdrückt die Regierung Nachrichten über die Außerirdischen von Roswell. Denen kann es deshalb gelingen, sich in die Hirne von Amerikanern einzunisten und das ganze Land zu übernehmen - kaum verhüllte Paraphrase des Alptraums der rechten Milizenszene. Diese selbsternannten »Patrioten« fürchten, daß mysteriöse Uno-Truppen Amerika überrollen und die »Neue Weltordnung« errichten.

Nach den allerletzten Anfeindungen könnte allerdings der ewige Friede ausbrechen, auf den jetzt Emmerich hofft und den vorher schon Reagan herbeigesehnt hat. Der verblüffte 1985 seinen Genfer Gipfelpartner Michail Gorbatschow mit der häufig wiederholten Überzeugung, daß sich »eines Tages die Welt vereinigen könnte, um eine Bedrohung aus dem Weltall abzuwehren«.

Von gleicher Schlichtheit ist die versöhnliche Botschaft des neuen Kinohits. Angesichts der tödlichen Gefahr aus der Tiefe legt sich am Independence Day auch der letzte Löwe zum Lamm: Die Iraker bieten den Erzfeinden in Washington ihre Unterstützung an und ziehen Seite an Seite mit Amerikanern und Israelis in die Schlacht.

* In »Independence Day«.

Zur Ausgabe
Artikel 61 / 122

Mehr lesen über