Swat-Tal: Zerstörtes Paradies
Krisenregion Swat Im Tal der Tragödien
"Mein Gott", sagt Jawad, als er zu Ende erzählt hat. "Wenn ich nicht wüsste, dass all das wahr ist, würde ich denken: was für eine übertriebene Geschichte." Jawad verkauft Kunsthandwerk und Seidentücher im Laden seines Onkels, in der Innenstadt von Mingora, an jener Hauptstraße, die sie hier bis Anfang 2009 noch "blutige Meile" nannten.
Mingora ist die größte Stadt im Distrikt Swat, im Nordwesten von Pakistan, in der Provinz Khyber-Pakhtunkhwa. Königin Elizabeth II. von Großbritannien und Nordirland bezeichnete dieses Tal einmal als die Schweiz des einstigen britischen Weltreichs. Swat gehörte zum Besuchsprogramm internationaler Reisegruppen, Hunderttausende Pakistaner entkamen hierher der Sommerhitze im Süden.
Heute reist kaum noch jemand freiwillig nach Swat.
Jawad ist erst Mitte zwanzig, aber er hat alle Tragödien des Swat-Tals am eigenen Leib erlebt: das verheerende Erdbeben im Oktober 2005, das Einsickern der Taliban in das Tal, ihre brutale Herrschaft, den Anti-Terror-Krieg in den vergangenen zwei Jahren - und nun die .
Bei dem Beben kamen damals mehr als 80.000 Menschen in Nordpakistan ums Leben, vor allem Kaschmir war betroffen. "Aber auch hier in Swat haben wir es gespürt", sagt Jawad. "Viele Häuser wurden zerstört." Es war in dieser Zeit, als immer mehr Männer mit langen Haaren und langen Bärten in die Region kamen, Männer mit extrem konservativem Weltbild.
"Leider haben wir die Taliban damals nicht ernst genommen", erinnert sich Inayat Ullah, der Onkel von Jawad. Als sie begannen, ihr wahres Gesicht zu zeigen, waren sie schon so stark, dass niemand sich mehr traute, etwas gegen sie zu sagen. Amerikaner und Europäer wiesen den damals herrschenden Militärdiktator General Pervez Musharraf auf das Problem hin - darauf, dass sich nur drei, vier Autostunden nordwestlich der Hauptstadt Islamabad ein Staat im Staat bildete. Doch der wiegelte ab und ließ die Taliban gewähren.
"Da vorne haben die Taliban ihre Delinquenten öffentlich geköpft"
Sie verboten Kinos und Musik, CD-Geschäfte wurden zerstört, Barbiere erhielten Morddrohungen, Männer sollten sich schließlich lange Bärte wachsen lassen, alles andere sei "unislamisch". Sie brannten Mädchenschulen nieder und verprügelten Frauen, die sich nicht vollständig verschleierten.
"Die haben mit purer Gewalt geherrscht", sagt Jawad über diese Zeit. "Ihr Ziel war, Angst und Schrecken zu verbreiten. Das ist ihnen ziemlich gut gelungen. Da vorne haben die Taliban ihre Delinquenten öffentlich geköpft." Er zeigt auf eine Kreuzung, in deren Mitte sich ein Betonsockel befindet. Heute steht da ein Verkehrspolizist und versucht, das Chaos zu dirigieren. Bis vor eineinhalb Jahren war das die Bühne der Henker. "Auch vor unserem Laden lag gelegentlich eine Leiche", sagt Jawad.
Die Taliban töteten immer häufiger auch Soldaten der pakistanischen Armee. Schließlich übernahmen sie mit ihren Milizen Anfang 2009 ganz offiziell die Herrschaft im Swat-Tal und erklärten die Scharia zum einzig gültigen Recht. Nach einem gescheiterten Friedensabkommen erklärte die inzwischen zivile, demokratisch gewählte Regierung den Militanten im Frühjahr 2009 den Krieg, vor allem auf Druck der Amerikaner.
"Uns hat niemand gewarnt", sagt Jawad. "Als die Situation immer gewalttätiger wurde, haben wir unsere Sachen gepackt und haben uns in Sicherheit gebracht." Er selbst floh zu Verwandten nach Islamabad, aber viele Menschen hatten niemanden, der sie aufnahm, sie kamen in Flüchtlingscamps unter. Rund zwei Millionen Menschen flohen aus dem Swat-Tal in andere Teile des Landes. "Es war gespenstisch, die Häuser standen leer und überall wurde geschossen."
Auch Häuser, die nicht weggerissen wurden, sind nicht mehr bewohnbar
Löcher in den Fassaden zeigen von diesen Kämpfen. Tausende Menschen starben. Das Militär erklärte, "rund 2000 Aufständische" getötet und das Tal von ihnen "befreit" zu haben. Doch auch jetzt, eineinhalb Jahre später, ist die Region nicht befriedet. In den nördlichen Bergen, in der Umgebung von Kalam, operiert die Armee immer noch gegen die Taliban. "Am Montag haben wir versucht, Stellungen der Militanten einzunehmen", sagt ein Soldat, ein Hauptmann, am Telefon aus dem Kampfgebiet. "Dabei haben sie meinen besten Freund erschossen, mit dem ich die Offiziersschule besucht habe."
Das Militär, zunächst als Befreier gefeiert, handelte sich schnell den Ruf ein, auch gegen die Bevölkerung brutal und rücksichtslos vorzugehen. Es stehen Vorwürfe außergerichtlicher Exekutionen im Raum. "Das Haus da", sagt Jawad und zeigt auf einen Haufen von Ziegelsteinen, "das gehörte einem Mann, dem die Armee vorwarf, die Taliban zu unterstützen. Die Soldaten sprengten es einfach in die Luft."
Nach und nach kehrten die Menschen wieder zurück ins Tal, reparierten ihre Häuser oder bauten sie ganz neu auf.
Dann, am 29. Juli, stieg das Wasser des Swat-Flusses. So hoch, dass jene Häuser, die nicht weggerissen wurden, selbst im zweiten Stock zerstört sind.
Die Innenstadt von Mingora liegt jetzt in Schutt, Menschen versuchen, Normalität zwischen den Trümmern zu finden. Zwei Jungen haben vor dem zerstörten Laden ihres Vaters einen Tisch aufgestellt, sie verkaufen dort jene Parfumflakons, die sie vor den Wassermassen retten konnten. Eine andere Familie versucht, ihr Haus mit einer Plane abzudichten, dass das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR ihnen gegeben hat. Ein alter Mann irrt mit seinem geistig und körperlich behinderten erwachsenen Sohn im Arm durch die Gassen, sein Haus ist verschwunden, er bettelt um ein paar Rupien.
"Ob die Helikopter wohl auch mal hier landen?"
Die Flut hat vor allem das nördliche Swat-Tal hart getroffen, dort sind viele Dörfer komplett verwüstet. Erst seit ein paar Tagen fliegen US-Soldaten mit Hubschraubern in die Gegend und bringen den Menschen Lebensmittellieferungen, Trinkwasser, Medikamente, Zelte. Es ist ein gespenstisches Bild: Über Mingora fliegen diese Maschinen hinweg. In einem besonders stark zerstörten Teil der Stadt blicken die Menschen in den Himmel, als sie das knatternde Geräusch hören. Zwei Maschinen sehen sie da. "Ob die wohl auch mal hier landen?", fragt sich ein Mann, der gerade Schlamm vor seinem eingestürzten Geschäft wegschaufelt.
Die Behörden sind damit überfordert, eine geordnete Hilfsverteilung zu organisieren. Zu groß ist die Katastrophe - jede Regierung in der Welt wäre von solch einem Unglück überwältigt, behaupten Politiker. Tatsache ist aber, dass es trotz der Erfahrungen mit dem Erdbeben vor fünf Jahren immer noch keine effektive Katastrophenhilfe gibt. Schon damals waren Millionensummen, die das Ausland als Hilfe geleistet hatte, nie in den Erdbebengebieten angekommen.
Auch diesmal zeigt sich die Politik unfähig. Mangels einer vernünftigen Hilfsinfrastruktur hat die Regierung der Provinz Khyber-Pakhtunkhwa beschlossen, die einzelnen Abgeordneten des Provinzparlaments sollten Gelder und Hilfsgüter in ihren Wahlkreisen verteilen. "Da können wir lange auf Hilfe warten", sagt ein Verkäufer in der Innenstadt von Mingora. "Die Politiker werden nur die Leute versorgen, die sie mögen. Sonst niemanden."
Auf Politiker sind die Menschen in Mingora insgesamt schlecht zu sprechen. "Die denken nur an sich selbst", schimpft ein alter Mann, der vor den Resten seines Hauses hockt und Zeitung liest. "Gestern war ein Abgeordneter hier. Er kam mit drei Autos plus Polizeieskorte, nur um sein Gesicht ein paar Minuten lang zu zeigen."
"Was, um Himmels willen, haben wir falsch gemacht?"
Terror, Krieg, ständig neue Naturkatastrophen, Korruption - all das dürften Gründe sein, weshalb zunächst trotz größter Not nur zögerlich für Pakistan gespendet wurde.
Weil die Spenden so spärlich fließen, hat die Regierung jetzt, drei Wochen nach Beginn der Flutkatastrophe, eine Kommission gegründet, die die Hilfe für die Opfer parteiübergreifend regeln soll. Namhafte, glaubwürdige Persönlichkeiten sollten garantieren, dass die Mittel auch tatsächlich dort ankommen, wo sie hinsollen.
Die ersten Kinder sind in Pakistan bereits verhungert, hier im Swat-Tal gibt es bestätigte Fälle von Cholera. Die Lage wird von Tag zu Tag schlimmer. "Ich habe gelesen, dass manche Leute sagen, diese Flut sei die Strafe Gottes für unsere Fehler", sagt Jawad. "Aber was, um Himmels willen, haben wir falsch gemacht, dass wir so oft bestraft werden?"