Kunst am Brot - DER SPIEGEL
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Kunst am Brot

Wie ein Starkoch das teuerste Sandwich der Welt erschuf
• aus DER SPIEGEL 8/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jean-Christophe Novelli hat keine Lust, lange übers Kochen zu reden. Und über das Sandwich schon gar nicht. »Ach, das Sandwich. Wie teuer war das noch mal?«, fragt er. Es ist natürlich eine rhetorische Frage. »300 und ein bisschen, stimmt's? Junge, Junge.« Novelli lässt sich einen Rotwein bringen.

Jean-Christophe Novelli - Franzose, Starkoch, 42 Jahre alt. Erfinder des teuersten Sandwiches der Welt. Sein Restaurant heißt »Auberge du Lac«, es liegt eine halbe Autostunde nördlich von London auf dem Gelände eines Golfclubs - ein Clubhaus mit Michelin-Stern.

Als der Wein kommt, nimmt Novelli einen Schluck, prüft, verzieht das Gesicht und pfeift den Weinkellner an: »Den kann man nicht trinken. Viel zu kalt. Servieren wir so etwas auch unseren Gästen?« Für einen kurzen Moment trägt er das Alles-muss-man-hier-selbermachen-Gesicht eines Managers zur Schau. Der Sommelier steigt mit hängenden Schultern in den Keller zurück.

Novelli sieht jetzt zufrieden aus. Er hat nur einen Satz gebraucht, um zu zeigen, wer hier der Chef ist. »Wollen wir nicht von etwas anderem sprechen?«, fragt er nun. »Autos zum Beispiel?«

Vor der Tür parkt ein Mercedes SL 55. »Das beste Auto der Welt. Eben bin ich 230 gefahren.« Das war riskant, denn bei der nächsten Radarfalle wäre er nicht nur den Führerschein los, sondern auch das schöne Auto. Der Wagen ist nur eine Leihgabe von Mercedes - und ohne Führerschein könnte er keine Reklame mehr für Mercedes machen.

Vor ein paar Jahren, als er noch nicht so bekannt war und in seine erste Geschwindigkeitskontrolle fuhr, versuchte er den Polizisten beim Aufschreiben und Abkassieren zur Eile anzutreiben: »Sie können mich ja hier festhalten, Officer. Aber was wird dann aus meinen Pasteten?« Das Ergebnis: »Der Mann dachte, ich wolle ihn verarschen und hielt mich die ganze Nacht fest.«

Heute wäre das anders. Heute würden sie ihn mit Blaulicht zum Backofen eskortieren.

In England ist ein Koch nicht einfach nur ein Koch. Die besten Küchenchefs werden gefeiert. Novelli ist einer von ihnen. Der angesagteste Koch Londons.

Er ist Popstar, Werbeträger, Identifikationsfigur. Ins Auberge du Lac fährt man nicht wegen der Jakobsmuscheln auf Blutwurst und Korallenpulver oder wegen des Carpaccio von Ananas mit Ingwer und Chili (obwohl das ziemlich gut schmeckt und Novelli neben anderen Ehrungen auch mal einen Preis für den Nachtisch des Jahres gewonnen hat).

Ins Auberge du Lac fährt man, weil man den Meister dort persönlich treffen kann. Wenn er am Ende eines Abends die Gäste verabschiedet, gilt das genauso viel, als ob Madonna nach dem Konzert am Hallenausgang stünde und nachfragt, ob's denn gefallen hat.

Novelli macht Werbung nicht nur für Mercedes. Er wirbt oder warb für Nokia, Moulinex, portugiesische Weine, norwegischen Fisch, französisches Tafelwasser und britischen Tee. Demnächst kommt der Weltklasse-Golfspieler Nick Faldo vorbei. Um Club und Clubhausküche im Gespräch zu halten, werden die beiden erst ein paar Bälle schlagen und dann gemeinsam etwas kochen.

Für ein Männermagazin ließ sich Novelli in Unterhosen in seiner Küche fotografieren: Im Kalender »Men in Pants« ist er jetzt Mister März 2003 - eine Prominenten-Aktion, um Vorsorgeuntersuchungen für Hodenkrebs populär zu machen.

»Das Sandwich«, sagt Novelli, »war auch nur so eine PR-Aktion.«

Im Januar fand in London die »Vive La France« statt, eine dreitägige Tourismusschau, getarnt als Messe für französische Lebensart. Die Veranstalter hatten Jean-Christophe Novelli gebeten, auf der Messe zu repräsentieren. Der Koch stimmte zu.

»Novelli zum kulinarischen Gesicht der Messe erkoren«, textete also die PR-Agentur. Ein richtiger Knüller war das noch nicht. »Denen fehlte etwas Zündendes«, sagt Novelli.

Kurz zuvor hatten englische Zeitungen von einem New Yorker Restaurant berichtet, in dem ein einfacher Hamburger 26 Dollar kostet. Mit so was kommt man in die Schlagzeilen.

Und weil das englische Pendant zum Hamburger das Sandwich ist, und weil, so Novelli, »das englische Sandwich durchaus verbesserungswürdig ist«, bekam er den Auftrag, ein neues zu schaffen. Ein Sandwich aus französischen Zutaten, das besser schmeckt als das Original und das so irrwitzig teuer ist, dass man damit kostenlose Publicity für die »Vive La France« bekommt.

Novelli machte ein Marmeladenbrot: ungesalzene Butter aus der Vendée-Region, das Brot nach einem Rezept aus dem 14. Jahrhundert ohne Hefe gebacken. Die Marmelade ist aus Johannisbeeren, wobei vor dem Einkochen die kleinen Samenkörner aus der Masse herausgefegt werden, und zwar mit einer Gänsefeder. Das klingt herrlich luxuriös, ist aber die beste Methode - wie jeder weiß, der schon mal selber Marmelade eingekocht hat.

»Ich hab die Zutaten nicht hergestellt, ich hab nur das Brot geschmiert«, sagt Novelli. Und dann hat er reingebissen und behauptet, sein Sandwich sei mindestens so gut wie Sex. Den Preis von rund 486 Euro legte die Agentur fest.

Er war irrwitzig genug.

Verkauft wurde das Sandwich allerdings nicht. Nicht auf der Messe und nicht im Auberge du Lac. »Es wurde auch nur dieses eine Mal hergestellt«, sagt Novelli.

Allerdings: Eine Frau habe es tatsächlich bei ihm kaufen wollen, erzählt Novelli. »Verrückt, nicht wahr?«

ANSBERT KNEIP

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