"Kursk" Moskau will von Abschussversion nichts wissen
Hamburg - Ob das nur ein Gerücht ist, dass das Atom-U-Boot vom Kreuzer "Pjotr Weliki" (Peter der Große) bei einem Manöver abgeschossen worden war, ist noch unklar. Die Abschussversion macht die Runde, seitdem die "Kursk" im Trockendock Rosljakowo bei Murmansk liegt. Dem SPIEGEL liegen entsprechende Dokumente vor. Deren Echtheit lässt sich im Moment jedoch nicht endgültig beweisen. Möglicherweise gab den Spekulationen ein anderes Unglück Auftrieb: Erst vor kurzem hatten ukrainische Militärs ein russisches Passagierflugzeug über dem Schwarzen Meer versehentlich abgeschossen und das nur ungern zugegeben.
Das Verteidigungsministerium in Moskau hat den "Kursk"-Abschuss gegenüber SPIEGEL ONLINE weder bestätigt noch dementiert. "Gerüchte kommentieren wir nicht", so ein Sprecher. Es müssten die offiziellen Ergebnisse abgewartet werden. Und diese kämen "sehr bald".
Die Version vom Abschuss ist nicht neu: Sie kam auf, nachdem die "Kursk" in der Barentssee untergegangen war. Vor allem die Berliner Presse berichtete, dass das gesunkene Atom-U-Boot Opfer eines irrtümlichen Angriffs aus den eigenen Reihen geworden sei. Damals war auch in der russischen Presse davon die Rede. Während sich die Russen aber auf die angeblichen Augenzeugenaussagen und die Vermutungen der Familien der 118 umgekommenen Besatzungsmitgliedern berufen hatten, berichtete die deutsche Presse von Ergebnissen einer geheim gehaltenen Studie des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB. Diese sei kurz nach der Katastrophe dem Präsidenten Wladimir Putin vorgelegt worden. Demnach habe der Kreuzer "Peter der Große" am 12. August 2000 während eines Manövers eine Rakete vom Typ Granit mit einem neuen Gefechtskopf gegen Unterwasserziele abgeschossen und damit die "Kursk" versehentlich versenkt.
Der Vorsitzende der Regierungskommission, die mit der Klärung des Falles betraut ist, Vizepremier Ilja Klebanow, hatte diese Berichte entschieden zurückgewiesen. Begründung: In der Zeit, in der sich das Unglück ereignet hatte, habe es keine Schießübungen gegeben. Offiziell zugelassen waren damals zwei Versionen der Katastrophenursache: ein Zusammenstoß mit einem ausländischen U-Boot oder eine Explosion eines Torpedos in der vorderen Bootssektion. Die Gerüchte über den versehentlichen Abschuss verstummten.
Eine Meisterleistung
Inzwischen wurde das Schiff "Giant 4" aus dem Dock gezogen - die "Kursk" liegt frei. Das Wasser wurde abgepumpt. Die im Umfeld der Atomreaktoren gemessenen Strahlungswerte seien normal, teilte die Marine mit.
Der russische Generalstaatsanwalt Wladimir Ustinow ist zusammen mit 40 Experten an Bord des Atom-U-Boots gegangen. Sie wollen zunächst die Außenhaut des Bootes inspizieren, ehe sie sich Ende dieser Woche in das Innere der "Kursk" vorwagen, wo sich die Leichen der Besatzungsmitglieder befinden.
Obwohl in Russland viele bezweifeln, dass die tatsächliche Katastrophenursache jemals publik wird, versprechen die Militärs nun eine endgültige Klärung des Vorfalls. Der vordere Teil der "Kursk", der zur Klärung tatsächlich beitragen könnte, wurde allerdings abgesägt und liegt nach wie vor auf dem Meeresgrund.
Die "Kursk" war das modernste U-Boot der russischen Marine - 18.000 Tonnen schwer, 154 Meter lang und so hoch ist wie ein vierstöckiges Haus. Diesen Unterwasserkreuzer aus 108 Meter Tiefe an die Oberfläche zu bringen war ein Meisterwerk. Pro Stunde wurde es um rund zehn Meter gehoben. Das einzigartige technische Verfahren dafür war von den niederländischen Bergungsunternehmen Mammoet und Smit entwickelt worden. Wegen der beiden atomaren Antriebsreaktoren der "Kursk" war die Operation besonders gefährlich.
Am 8. Oktober dockte aber die "Kursk" unter der "Giant 4" an und wurde mit einer Geschwindigkeit von einem Kilometer in der Stunde über das Meer bis zum Trockendock Rosljakowo bei Murmansk geschleppt. In Rosljakowo wurde das Atom-U-Boot Millimeter um Millimeter in das Schwimmdock geschoben.
Leichen unversehrt
Bei einer Tauchaktion im vergangenen November gelang es, zwölf der Leichname aus den hinteren Abschnitten des Rumpfes zu bergen. Nun müssen noch 106 Besatzungsmitglieder geborgen werden. Nach Einschätzung des Leiters des Instituts für Rechtsmedizin der Freien Universität Berlin, Volkmar Schneider, dürften die Leichen relativ gut erhalten sein. Innerhalb der ersten drei Monate, die sich eine Leiche unter Wasser befindet, verwandele sich das Unterhautgewebe in Fettwachs. "Von dieser Masse umhüllt, ist der Körper wie konserviert", so Schneider. Niedrige Wassertemperaturen tragen dazu bei. Das Salz im Wasser zerstöre die Körper nicht. Sollten die Leichname trotzdem nicht leicht zu identifizieren sein, ist eine DNS-Analyse ohne weiteres möglich.