kurz & krass: Der Winterwahn als Psychotrip - DER SPIEGEL
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Kurz und krass: Ist denn schon Ostern?

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kurz & krass Der Winterwahn als Psychotrip

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Dem einen wird auf vereister Fahrbahn ganz schwummerig, der andere sucht verzweifelt seinen Tannenbaum - nur die ganz Entspannten frönen der neuen Langsamkeit. SPIEGEL-ONLINE-Redakteure erzählen, wie sie das Beste aus dem harten Winter machen. Klicken Sie sich durch.

Christian Gödecke kriecht nach Berlin

Draußen ist es dunkel und kalt und nebelig, aber hier drinnen gibt es Sitzheizung, Musik und knusprige Brötchen. Ich bin auf der Autobahn von Hamburg nach Berlin, und vor zwei Stunden hatte mich meine Mutter am Telefon noch angefleht, den Zug zu nehmen. Jetzt läuft im Radio gerade zum vierten Mal die Meldung über die armen ICE-Fahrgäste, die sie nach vier Stunden kurz vorm Kältetod endlich aus dem Wagen befreit hatten. Ich schaue auf freie Straßen, es schneit nicht mal, das einzige Problem ist die neue Scheibenwischerflüssigkeit: sie riecht nach verfaulten Eiern. Noch 200 Kilometer bis Berlin. Irgendwann klingelt das Telefon. Meine Mutter. Es ist ein Triumph, "bin gleich da". Dann schneit es.

Es gibt plötzlich immer weniger rasende BMWs mit OHV-Kennzeichen, es gibt überhaupt weniger Autos auf der Straße, weil die sich immer mehr mit einem seifigen Gemisch aus Schnee und Matsch bedeckt. Dafür gibt es zwei Räumfahrzeuge, die sich plötzlich an einer Auffahrt vor mein Auto geschoben haben. Auf dem Dach rotieren unablässig gelbe Warnlampen, hinten rieselt Salz aus einer Art Rad. Die orangefarbenen Ungetüme mit ihren gigantischen Schneeschiebern blockieren beide Spuren - und fahren 30 km/h. Die nächsten anderthalb Stunden werden zum Psychotrip. In Gedanken schlage ich den Fahrern der Räumfahrzeuge auf die Schulter, weil sie mich sicher fahren lassen. Dann schlage ich ihnen ins Gesicht, weil sie mich bremsen. Auch dann noch, als es schon lange nicht mehr schneit. Die Schneeschieber schlagen schon Funken! Aber sie fahren einfach weiter. Irgendwann klingelt wieder das Telefon. Ich gehe nicht ran.

Martin Heller verliert seinen Weihnachtsbaum

"Lassen sie ihn im Netz, dann bleibt er frisch! Legen Sie ihn einfach bis Weihnachten ins Freie!" Der Mann vom Weihnachtsbaumverkauf am Botanischen Garten klang kompetent. 37 Euro hat seine Nordmanntanne immerhin gekostet, bei einer Größe von gerade mal 1,20 Meter. Klar, die angewinkelten Äste schützen den Stamm. Ab auf die Terrasse, irgendwo auf die Schneedecke.

Das war vor gut einer Woche. Und seitdem ist viel passiert auf der 24-Quadratmeter-Fläche vor dem Wohnzimmerfenster. Die Kinder spielen mit großen Schneekugeln aus dem Garten. Und von der Dachterrasse schippen wir Massen von Schnee nach unten, eine weiße Hügellandschaft ist entstanden und darauf: immer wieder Neuschnee.

Taut es nicht bis Heiligabend, werden wir wohl beim Technischen Hilfswerk anfragen müssen: Können Lawinensuchhunde eigentlich auch Weihnachtsbäume finden? Immerhin: eine Idee haben wir. Irgendwo neben dem mutmaßlichen Bambusstrauch könnte er liegen. Heiligmorgen wird gebuddelt.

Florentine Dame frönt der Langsamkeit

Berlin - Die Autofahrer mögen fluchen, als Fußgänger genieße ich die Gemächlichkeit, zu der Winterwetter die Autofahrer zwingt. Wo sonst gehupt, hektisch beschleunigt und abrupt auf die Bremse getreten wird, herrscht jetzt vorsichtiges Schneckentempo. Als wagten sie erste Schritte auf einem gefrorenen See, rollen die eisverkrusteten Autos an, schieben sich dann wie Schlitten über schneebedeckte Straßen. Es geht auch ohne Räumfahrzeuge - vorausgesetzt man gönnt sich die angemessene Langsamkeit.

Annette Langer liebt Problemlöser

Neulich in Sierksdorf wurde ich aus dem Zug geworfen, weil eine Schneewehe im Weg war. Mist, dachte ich. Wir könnten nach Lübeck zurückkehren oder aussteigen, diktierte eine Stimme über Lautsprecher die Alternativen. Na denn, dachte ich. Im Waggon drängten sich viele Menschen: Ein Ballerspiel daddelnder Alt-Hippie, der eine ältere, ihr Missgeschick mit Würde tragende Dame sehr charmant dazu überredete, während des Wartens seinen Platz einzunehmen. Eine dynamische Frau aus Oldenburg, die ohne viel Federlesens eine exorbitant teure Taxifahrt ausschlug und selbst mehrere Mitfahrgelegenheiten organisierte. Und eine junge Mutter, die ihr Kind im eiskalten Warteraum neben den Toiletten gelassen im Matsch spielen ließ, während sie eineinhalb Stunden auf ihren Freund wartete.

Ein verdutzter Migrant schüttete sich aus vor Lachen, als er sah, wie der Mythos der pünktlichen, verlässlichen Deutschen sich vor seinen Augen auflöste wie ein Schneeball im Lagerfeuer. Hier rief niemand nach Schienenersatzverkehr, weil der eh nicht durchgekommen wäre. Keiner forderte sein Geld zurück, weil es eben schneite. Es trafen einfach erwachsene Menschen aufeinander, die zusammen lachten und ein Problem lösten. Wunderbar.

Julia Jüttner und die Reise nach Jerusalem

Hamburg-Altona: Der ICE steht bereits auf dem Gleis, ganz gemütlich sucht sich mein Bekannter einen Platz. Es gibt einen Waggon ohne Reservierungen, er freut sich, richtet sich ein, fährt den Laptop hoch, lockert die Krawatte. In fünf Minuten soll der Zug starten. Plötzlich wechselt die Anzeige auf dem Reservierungsdisplay: "ggf. freigeben" steht jetzt da. Der Freund packt zusammen, immerhin will er bis Stuttgart fahren und nicht von seinem Platz vertrieben werden. Der Mantel, das Handgepäck, der Laptop, der Riesenkoffer.

Er quält sich durch den Wagen 6, viele Plätze sind inzwischen schon besetzt. In Wagen 7 leuchtet über jedem Platz "ggf. freigeben". In Wagen 8 auch. Er muss also Roulette spielen. Er setzt sich hin, lässt den Mantel an, den Laptop zu, das Gepäck in Reichweite. In Hamburg-Dammtor kommt der Erste: "Hallo? Sie sitzen auf meinem Platz!" In Hamburg-Hauptbahnhof raunzt eine Frau: "Also, das kann definitiv nicht Ihr Platz sein!" Ist ja schon gut. Man zwängt sich auf einen letzten freien Platz. In Hamburg-Harburg stürmt ein Mann hinein: "Eine Unverschämtheit! Machen Sie meinen Platz frei! Aber dalli!"

Wie wär's mal mit: "Entschuldigung, ich habe eine Reservierung für diesen Platz"?

Stefan Kuzmany und der Blitzwinter

In Berlin ist der Winter auch dieses Jahr wieder völlig überraschend eingebrochen - jedenfalls für die städtischen Busbetreiber von der BVG. Dabei ist es nicht etwa so, dass Berliner Busse bei Schnee nicht fahren würden. Ihre Fahrer sind nur offenbar angewiesen worden, den Passagieren möglichst deutlich zu machen, dass man sie in der Kälte lieber nicht befördern möchte.

Morgens an der Haltestelle Ecke Graefe-/Urbanstraße in Berlin-Kreuzberg: Eigentlich sollte hier alle fünf Minuten ein Bus halten. Nach zehn Minuten erscheint endlich einer am Horizont. Vorfreude im Pulk der Wartenden - aber zu früh. "Betriebsfahrt" steht im Display über der Fahrerscheibe. Stur richtet der Fahrer seinen Blick geradeaus und rauscht vorbei. Weitere zehn Minuten später: Da kommt endlich unser Bus. Denken wir. Aber nein. Noch eine leere "Betriebsfahrt". Ungläubiges Raunen in der schon deutlich angeschwollenen Menge der Wartenden. Als nach weiteren fünf Minuten die nächste "Betriebsfahrt" an uns vorbei brummt, werden Fäuste gen Himmel geschüttelt. Hilft selbstverständlich nichts. Kurz darauf endlich ein Bus, der tatsächlich Menschen transportiert. Die Wartenden gruppieren sich vorne an der Haltestelle. Leider öffnet der Fahrer die vordere Tür nicht, so dass sich alle durch die hintere zwängen müssen. Kann man ja verstehen: Wahrscheinlich ist ihm kalt.

Mike Glindmeier wartet auf die nächste Ausrede

Mittwoch, 17. Dezember. Mit dem Zug soll es von Hamburg nach Berlin gehen. Der ICE aus Kiel ist pünktlich, schafft es dann aber, eine Viertelstunde Verspätung im Hamburger Hauptbahnhof anzusammeln, "aufgrund von witterungsbedingten Umständen".

In Berlin geht das Chaos weiter. Die S-Bahnen fahren nach dem Lust-und-Laune-Prinzip, Busse entweder gar nicht oder direkt hintereinander auf derselben Linie. Doch es kommt noch besser: Auf dem Rückweg lahmt mein als ICE deklarierter Ex-Metropolitan plötzlich in Friedrichsruh. Eigentlich sollen wir in zehn Minuten endlich wieder am Hamburger Hauptbahnhof sein. Aber das Ausreden-Rad hält diesmal eine ganz besonderes lustige Variante für den Zugchef parat: "Aufgrund eines Lokschadens können wir nur noch 40 Stundenkilometer fahren. Wir werden den Hauptbahnhof mit rund einer Stunde Verspätung erreichen."

ala