"Lasst sie frei!" Prominenten-Appell an Osthoffs Entführer
Hamburg - In einem gemeinsamen Appell in der "Bild am Sonntag" unter der Überschrift "Lasst Sie frei!" haben sich hochrangige Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft an die Entführer der im Irak verschleppten Deutschen Susanne Osthoff gewandt und die Freilassung der Archäologin gefordert. Ein sofortiges Ende der Geiselnahme verlangen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), EU-Außenbeauftragter Javier Solana und der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel.
Weitere Unterzeichner sind Bischöfin Maria Jepsen, Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU), der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Nadeem Elyas, der Vorsitzende des Islamrates in Deutschland, Ali Kizilkaya, DGB-Chef Michael Sommer, der Vorsitzende des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Ludwig Georg Braun, FDP-Chef Guido Westerwelle, Grünen-Chefin Claudia Roth, die Vorsitzende von Unicef Deutschland Heide Simonis und der Vorsitzende von CARE International Deutschland, Heribert Scharrenbroich.
"Unser Land nimmt Anteil an ihrem Schicksal", sagte Merkel der "BamS". "Seit mehr als einer Woche befindet sie sich in der Gewalt ihrer Entführer. Die Bundesregierung setzt alles daran, das Leben von Susanne Osthoff und auch das ihres Begleiters zu retten. Dafür arbeiten die Mitarbeiter des Krisenstabes rund um die Uhr. Wir appellieren an die Täter, die Entführten unverzüglich freizulassen."
Nadeem Elyas, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, bezeichnete die Taten der Entführer als Verstoß gegen die Werte des Islam: "Die Entführung von Frau Osthoff und ihrem Fahrer verstößt gegen die Werte des Islam, der Vernunft und einer jeden Zivilisation. Auch wenn die Identität und die Beweggründe der Entführer nicht bekannt sind, sollte mit Rücksicht auf diese Werte die unverzügliche und bedingungslose Freilassung der Geiseln das mindeste sein, was wir erwarten."
EU-Chefdiplomat Javier Solana erklärte: "Ich verurteile aus Schärfste die Entführung von Susanne Osthoff und ihres Begleiters im Irak. Ich wünsche den Entführten und ihren Familien in diesen schwierigen Tagen Kraft. An die Entführer appelliere ich, ihren Terror zu beenden und Susanne Osthoff und ihren Begleiter sowie alle anderen derzeit im Irak entführten Zivilisten sofort freizulassen."
Der Appell an die Entführer kommt eineinhalb Tage nach Verstreichen eines ersten von diesen gestellten Ultimatums. Darin verlangten die Entführer von der Bundesregierung, umgehend die Ausbildung irakischer Polizisten einzustellen. Ansonsten würden die Geiseln getötet. Das Ultimatum verstrich in am frühen Freitagmorgen.
Regierungsbemühungen: Ohne Resultate
Außenminister Frank-Walter Steinmeier musste am Samstag vor einer Sitzung des Krisenstabes zugeben, dass es der Regierung bisher nicht gelungen sei, "mittelbar oder unmittelbar" Kontakt zu den Entführern zu bekommen. Steinmeier: "Wir wären gerne weiter."
Nach Recherchen von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE geht der Krisenstab davon aus, dass die Entführer der Archäologin dem arabisch-nationalistischen Milieu angehören könnten. Dafür spreche der Name "Saradscha el Salasil" (Sturmtruppen der Erdbeben), unter dem die Kidnapper agierten. Eine Gruppe ähnlichen Namens habe bereits früher mit den sunnitisch dominierten Ischrin-Brigaden kooperiert, die seit Sommer 2003 im Irak aktiv seien. Der Krisenstab rekonstruierte teilweise die letzten Stunden vor der Entführung. Danach war Osthoff am 25. November um 6 Uhr morgens mit ihrem irakischen Fahrer in einem weißen Taxi mit Bagdader Kennzeichen ins rund 350 Kilometer entfernte Arbil im Nordirak aufgebrochen. Nach etwa 200 Kilometern sei die Straße angeblich wegen eines Militäreinsatzes gesperrt gewesen. Zu einem für zehn Uhr vereinbarten Termin mit irakischen Gesprächspartnern in Arbil sei Osthoff nicht erschienen.
Am Samstag habe dann die US-Botschaft im Irak einen Hinweis auf eine Entführung erhalten und die deutsche Botschaft alarmiert. Um Kontakt zu den Entführern aufzunehmen, setzt die Bundesregierung unter anderem auf kurdische Vermittler und den sunnitischen Geistlichen Abd el Muneim el Badari. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Ewald Schurer, der Susanne Osthoff gut kennt, sagte dem "Focus", das Auswärtige Amt habe auch Kontakt zum Ex-Mann der Entführten aufgenommen. Die Familie von Salem Bachan gelte als einflussreich im Nordirak. Die größte muslimischem Dachorganisation, die Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB), bot der Bundesregierung ihre Hilfe an. In der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" verurteilte ihr Präsident Ridvan Cakir die Entführung "aufs Schärfste".