Laternelaufen: Schluss mit der nervigen Anspruchshaltung! - DER SPIEGEL
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Elterncouch "Katastrophe" beim Laternelaufen

Von Theodor Ziemßen
Laternelaufen: Was kann da schon schiefgehen?
Laternelaufen: Was kann da schon schiefgehen?

Laternelaufen: Was kann da schon schiefgehen?

Foto: imago/ Eibner
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Kleinen fanden den Abend okay, für die Eltern war er trotzdem ein Desaster? Da muss dringend was passieren: Wir müssen aufhören, unsere Kinder mit unseren überzogenen Ansprüchen zu belästigen.

Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

Theodor Ziemßen schreibt auf der Elterncouch  im Wechsel mit Juno Vai und Jonas Ratz.

Es war großer Probiertag im Supermarkt, die Kinder waren bei den Großeltern und ich hatte gerade ein herrlich fettiges Stück Trüffelpizza in der Hand, als das Telefon in meiner Tasche summte. Katja rief an, die Mutter von Benjamins Kindergartenfreundin Anna. Mit Fettfingern patschte ich auf dem Handyschirm herum.

"Hallo Theodor, das war ja was. Alle Eltern sind total aufgebracht", begrüßte sie mich.

Ich war sofort besorgt. "Was ist denn los?", fragte ich.

"Na, wegen gestern." Sie betont das letzte Wort, als sei gestern ein offizieller Staatstrauertag.

Ich versuchte mich daran zu erinnern, was gestern gewesen sein könnte. Katja holperte in meine Denkpause.

"Na, dieses 'Laternelaufen'." Ich konnte die Anführungszeichen in ihrer Betonung hören.

"Haben die Kinder sich beschwert?"

"Nein, die nicht. Aber ich habe mit verschiedenen Eltern gesprochen. Und alle waren echt enttäuscht und genervt."

Herrje, was hätten wir sonst mit den 20 Minuten angestellt?

Das Laternelaufen ging so: Alle Eltern und Kinder versammelten sich in einem Pulk vor der Kita. Irgendwann ging es irgendwie los. Als wir durch die Pforte auf den Gehweg strömten, wurde die Gruppe in eine ungefähre Wurstform gebracht, nach zwanzig Metern leitete uns ein Polizist in die nächste Seitenstraße, dann ging es weitere 30 Meter bis zum benachbarten Altersheim, wo alle auf den Hinterhof getrieben, Zettel verteilt und die drei Lieder darauf halbherzig abgesungen wurden. Und als wir dachten: So, jetzt geht's endlich los - ging es …wieder zurück zum Kindergarten. Das Ganze dauerte keine 20 Minuten. Und, ja, ich war ein bisschen enttäuscht. Es war noch nicht mal richtig dunkel. Irgendwie fand ich das Ganze in seiner Absurdität aber auch witzig. Und letztlich: Herrje, was hätten Benjamin, Willem und ich sonst mit den zwanzig Minuten angestellt?

Es war ja auch nicht mein Laternelaufen, sondern eine Veranstaltung für die Kinder. Und als ich Benjamin fragte, wie es ihm gefallen hat, meinte er: "Gut." "Cool", sagte ich.

Katjas Anruf machte mich dann doch noch nachdenklich. Klar, es wäre schöner gewesen, wenn der Umzug länger gedauert hätte. Aber vielleicht war es schwierig, mehr als einen Polizisten länger als eine Stunde dafür abzustellen. Vielleicht mussten sie einen Kompromiss finden, vielleicht hätte es sonst gar kein Laternelaufen gegeben. Vielleicht hätte es Benjamin gar keinen Spaß gemacht, länger zu laufen. Vielleicht ist das alles aber auch gar nicht so wichtig.

Ich stellte mein verkatertes Genervtsein aus wie ein Teenager

Manchmal neigen wir einfach dazu, unsere Kinder mit unserer Enttäuschung über etwas zu nerven, das sie total in Ordnung finden. Sie hätten mich vor ein paar Monaten im Museum für Völkerkunde erleben sollen. Ich glaube, ich war am Abend davor auf einer Party gewesen und noch etwas verkatert. Außerdem verstehe ich die Faszination für alten Schmuck und alte Tonkrüge in Glasvitrinen nicht - ganz im Gegensatz zu Benjamin und Therese. Während die beiden aufgeregt von Ausstellungsstück zu Ausstellungsstück rannten, drückte ich mich mit Willem, der ein Jahr alt ist und sich gerade für nichts interessiert, was man nicht auf den Boden schmeißen darf, in den Ecken herum. Ich stellte mein verkatertes Genervtsein aus wie ein Teenager. Zum Glück ließ Benjamin sich nicht davon beirren.

Das heißt nicht, dass wir vor unseren Kindern so tun müssen, als würde uns alles wahnsinnig begeistern. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es meist spannender ist nachzufragen, wie Benjamin etwas findet, statt ihm meine Ideen aufs Brot zu schmieren.

Wie oft vermitteln wir unseren Kindern, dass etwas, das sie eigentlich ganz gut finden, nicht gut genug ist? Und: Werden sie mit so einer Anspruchshaltung zu glücklicheren Menschen? Oder zu nörgligeren?

Der kürzeste Weg von der Kita zu uns führt durch einen kleinen Park. Als Benjamin, Willem und ich nach dem Laternelaufen nach Hause gingen, war es richtig dunkel. Benjamin fragte, ob wir die Lieder noch mal singen könnten. Haben wir gemacht. Laut und schief.

Willem lachte in seinem Kinderwagen und die Laterne leuchtete wie ein riesiges Glühwürmchen.



Liebe Leserinnen und Leser, erwischen Sie sich auch manchmal dabei, wie Sie Ihre Kinder mit Ihren Ansprüchen nerven? Oder sind Sie anderer Meinung? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften! 

Zum Autor
Foto: Illustration: Michael Meißner

Theodor Ziemßen,
Vater von Benjamin, 6, und Willem, 2

Liebstes Kinderbuch: "Pu der Bär", das Original. Aber immer, wenn ich daraus vorlesen will, sagt Benjamin "Das andere 'Pu der Bär'" - und holt ein hässliches Winnie-Puuh-Buch von Disney raus, das er mal von meiner Mutter bekommen hat.

Nervigstes Kinderspielzeug: Mein kaputter ferngesteuerter Hubschrauber. Weil ich versprochen habe, ihn wieder zum Laufen zu bringen.

Erziehungsstil: Immer versuchen, fair, freundlich und verlässlich zu sein - auch sich selbst gegenüber.

Theodor Ziemßen eine E-Mail schreiben .

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