Laut gebellt, nicht gebissen
Mittags, schon nach der Hauptrede, schieben sich die Eigentümer des zweitwertvollsten Autokonzerns der Welt über die grau und braun gewürfelte Auslegware im ICC Berlin. Die weiten Flure zwischen den Sälen 1, 2, 3 sind mit Menschen gepackt, 10 000 Leute drücken sich durch die verwinkelte Architektur wie auf einem Unterdeck des Raumschiffs »Enterprise«. Sie befahren die Rolltreppen, laufen über Brücken, sie lehnen an hell verschalten Wänden und stippen dünne Würstchen in den Senf. Diese Mahlzeit sagt: Das große Fressen ist vorüber.
Die Stimmung sagt: Hoffentlich kommt nicht ein noch dickeres Ende. Die Klein- und Kleinstaktionäre von DaimlerChrysler halten sich missmutig schadlos an 40 000 gecaterten Würstchen und 20 000 Portionen Kartoffelsalat. Broker und Trader machen sich wichtig, mit sperrigen Fremdwörtern auf den Lippen. Mayonnaise klebt am Revers.
Man redet darüber, wie der Konzern »in Asien aufgestellt« sei, ob in Amerika der »Turnaround« zu schaffen sei und wie der »Operating Profit« dieses Jahr höher zu kitzeln wäre. Die Blicke zwischen den Rednern klären die eigentlichen Fragen: Wie viel magst du wert sein? 50 Stück? 500? Oder, guter Gott, 500 000?
Die Freundschaft hört auf beim Geld. Ein Euro Dividende pro Daimler-Aktie sind 1,35 Euro weniger als im vergangenen Jahr. Das bringt Feindschaft. Die Versammlung zürnt, die Faust in der Tasche. Wer immer an eines der Saalmikrofone tritt und Schrempp samt Vorstand und Aufsichtsrat Versagen vorwirft, Deppentum, Nutzlosig- und Unfähigkeit, erhält rauschenden Beifall im Saal 1 des ICC. Wer Schrempps sofortige Ablösung fordert, fängt sich zustimmende Rufe von Shareholdern ein. Geht es denn wirklich um Schrempps Kopf? Wird hier Geschichte geschrieben? Eine Revolution gemacht?
Das Rednerpult, aus dünnem Rohrgestänge, bietet weder Schutz noch Versteck. Jürgen E. Schrempp, 57, ist in voller Größe zu sehen, vom Scheitel bis zur Sohle, er muss auf seine Beine achten, um gute Wirkung zu erzielen. Er schiebt die Füße vor und zurück, das macht die Figur schmal, er wechselt hin und wieder Stand- und Spielbein, aber oft steht er breitbeinig, fest, das Kinn oben, wie ein Turnlehrer, und dann meint man zu ahnen, was er von dieser Versammlung wirklich hält.
Mit ruhiger Hand blättert er sich durch den Redetext. Es ist eine Litanei des Eigenlobs und der Erfolgsmeldungen. Ein heiterer Spaziergang durch eine Welt, bevölkert von Bussen, Lastern, Limousinen, eine Welt, gesehen durch den Rückspiegel eines SL 500, in der Massenentlassungen »Personalanpassung« heißen und Euro-Milliarden Peanuts.
Schrempp spricht ruhig, sein Anzug ist schwarz mit feinsten Kreidestreifen, das Hemd blau, übermäßig fein hat er sich nicht gemacht für die Rechenschaft vor den Eigentümern der Firma. Leinwände übertragen sein Brustbild überlebensgroß in alle Säle, sie zeigen einen elder businessman, der die Aggression des scharfen Machers gedämpft hat im Lauf der Jahre, mild fast spricht er, gerührt vom eigenen Laden, von der »Strahlkraft des Sterns«, den »begeisternden Produkten«, den »hervorragenden Mitarbeitern« und überhaupt: Daimler, Chrysler, Welt AG.
Hinter seinem Rücken sitzen drei Dutzend Männer verteilt über die ganze Breite der großen Bühne, Vorstand und Aufsichtsrat, sie sehen aus wie einst in Osteuropa die Zentralkomitees, stumme Gesichter in Reih und Glied, kein Lachen, ein Anzug wie der andere, und ist einmal eine Frau zu sehen, bringt sie einem der Herren Kaffee, Cola oder ein Stück Papier.
Wer die Namensschilder zu lesen versteht, weiß Bescheid über die Geschäfte, Projekte und Filialen, über Mitsubishi, Hyundai, Freightliner, Mercedes, Setra, Maybach und Smart. Von links sitzen Grube, Sidlik, Mangold, Bischoff, in der Mitte Kopper, irgendwo Fleig, Cordes, Klemm, Namen aus Wirtschaftsteilen und Finanzzeitschriften, Jahresgehälter wie in der Formel 1, umwölkt von vielen Geheimnissen.
Und also vielen Spekulationen über wichtige, börsenrelevante Fragen dieser Hauptversammlung: Warum ignoriert Zetsche (Chrysler) den neben ihm sitzenden Bernhard (Operating Officer), kniet aber manchmal jovial neben Hubbert (Mercedes-Benz)? Kann Vöhringer (Forschung) eigentlich mit Bischoff (Raumfahrt)? Und hat Valade (Einkauf) ein Problem mit Gentz (Finanzen)?
In einem Rückraum des ICC klackern die Laptops beim Verfassen von Antworten, Meinungen, Vorschlägen. Agenturen, Börsendienste, Fachblätter produzieren in Echtzeit Neuigkeiten für die kleinen und großen Börsianer weltweit.
»Scharfe Kritik an Schrempps Kurs« wird es heißen; »Harte Widerworte für Daimler-Vorstand«; »HV attackiert Schrempp«. Aber es ist ein Gebell, auf das ein Biss nie folgt.
Abstimmung, spät. Graue Stuhlreihen, Neonlicht in fensterlosen Räumen. Der Vorstand wird entlastet mit einer Mehrheit von 93,67 Prozent. Der Aufsichtsrat wird entlastet mit 93,65 Prozent. 99,27 Prozent sprechen sich dafür aus, die Dividende auf einen Euro pro Aktie zu senken. Stimmergebnisse wie einst in Osteuropa. Zufriedenheit auf dem Podium: 100 Prozent. Damals wie heute. ULLRICH FICHTNER