Leben mit einem Schreibaby: Was eine Mutter erlebt - DER SPIEGEL
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Säuglinge Stress mit dem Schreibaby

Zwölf Stunden am Tag, lauter als ein Presslufthammer: Eltern von Schreibabys haben massiven Stress. Vom Leben unter der Dauerbeschallung und der Suche nach Entspannung.
Von Gesa Fritz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als das Schreien wieder einmal kein Ende nahm, kam Simone L.* der Gedanke, ihr Baby einfach wegzugeben. Eine schnelle Adoption. Und endlich wäre Ruhe. Elias* schrie. Immer. Beim Wickeln, im Kinderwagen, im Tragetuch, engumschlungen auf dem Arm. Ein kerngesunder Säugling, satt, frisch gewickelt - und doch weinte er untröstlich, zwölf Stunden am Tag. Still war er nur, wenn er an der Brust trank - oder wenn er schlief. "Ich habe mir den Gedanken ans Weggeben aber sofort verboten", sagt die 42-Jährige.

Elias ist ein Wunschkind. Seine Eltern, Simone und Michael L., haben sich sehr bewusst für Nachwuchs entschieden. Beide sind Akademiker, sie arbeitete bis zur Geburt im Marketing, er ist IT-Experte. Das Paar hat vorab Bücher darüber gelesen, wie das so ist, mit einem Neugeborenen. Fischölkapseln und Folsäure für die vorgeburtliche Entwicklung standen selbstverständlich auf dem Speiseplan der Schwangeren. Auch die Schule für den Sohn war schon ausgewählt.

Doch das Leben mit Elias hatte nichts mit den Wunschträumen der Eltern zu tun. Die ersten Wochen nach der Geburt gab es für Simone L. genau eine Möglichkeit zu schlafen: Sie band sich das Baby ganz eng mit einem Tuch an den Bauch. Nur so beruhigte sich Elias irgendwann und fand in den Schlaf.

Lauter als ein Presslufthammer

Elias ist ein Schreibaby. So bezeichnet man Babys, die an drei Tagen pro Woche mehr als drei Stunden lang schreien. Und das über einen Zeitraum von mindestens drei Wochen. Bei den Eltern löst das Geschrei einen Adrenalinstoß aus. Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, viele Mütter berichten über Schweißausbrüche. Für die Eltern ist das Stress pur. Auch die Lautstärke hat es in sich: Schreiende Babys kommen immerhin auf bis zu 120 Dezibel und sind damit lauter als ein Presslufthammer. Am Arbeitsplatz wird bereits ab 85 Dezibel auf Hörschutz zurückgegriffen.

Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 25 Prozent der Säuglinge Schreibabys sind. Warum manche Babys exzessiv schreien und andere nicht, darauf haben die Experten keine klare Antwort. "Manchmal waren Schwangerschaft oder Geburt schwierig", so die Beobachtung von Kathrin Seidl. Sie leitet die Schreibaby-Ambulanz für den Main-Taunus- und Hochtaunus-Kreis. Beides trifft bei Simone L. nicht zu.

"Ich konnte nicht mehr", erinnert sich die Mutter. Eigentlich sei es doch das Natürlichste auf der Welt, ein Kind zu bekommen und aufzuziehen. Weil ihr das nicht glückte, habe sie an sich selbst gezweifelt, gedacht: "Ich bin keine gute, sondern eine doofe Mutter." Hilflos und wütend sei sie gewesen - auf sich und auf Elias.

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Das Thema ist mit großer Scham besetzt. Von anderen Schreibabys in ihrem Umfeld hat Simone L. nichts gehört. Dafür viel von pflegeleichten Musterexemplaren, die von Anfang an durchschlafen, nur alle drei bis vier Stunden die Brust wollen und sich - noch kaum auf der Welt - schon drehen können. "Die Mütter gaukeln sich gegenseitig eine heile Welt vor und setzen sich dadurch noch stärker unter Druck", sagt Kathrin Seidl.

Mit dem schreienden Kind beim Einkaufen oder Spazierengehen gab es böse Blicke. Und Kommentare satt. "Jetzt helfen Sie dem Kind doch!", "Kein Wunder, dass das ohne Schnuller so schreit!", "Was sind Sie denn für Eltern?!" Unter Menschen hat sich das Paar mit Elias irgendwann gar nicht mehr getraut.

Dabei versuchten die beiden alles, um ihren Sohn zu beruhigen. "Wir haben x Schnullersorten gekauft, uns Bücher zu dem Thema besorgt und so viel ausprobiert", sagt Simone L. Manche Eltern versuchen die Babys durch Apps mit dem Surren eines Föhns, dem Brummen eines Staubsaugers oder mit Herztönen zu beruhigen. Bei Elias half nichts.

"Ich bin keine Versagerin"

Auch die Ratschläge der Experten sorgten mehr für Unsicherheit als für Entspannung. "Das Kind darf auf keinen Fall im Ehebett schlafen, das erhöht das Risiko des plötzlichen Kindstodes", hieß es vom Kinderarzt. "Nehmen Sie das Kind unbedingt zu sich ins Bett, Säuglinge brauchen diese Nähe für eine gesunde Entwicklung", erklärte dagegen die Hebamme, die zur Nachsorge kam. Hier sieht Seidl ein grundlegendes Problem: "Es gibt zu viele verschiedene Fahrpläne, und das verunsichert die Eltern zutiefst." Die Babys - auf emotionaler Ebene hochempfindlich - würden dies spüren und noch mehr weinen. "Die Kinder brauchen Klarheit und Sicherheit", sagt Seidl.

Völlig verzweifelt und am Ende ihrer Kräfte stieß Simone L. zwei Monate nach der Geburt auf die Schreibaby-Ambulanz. Schon beim ersten Treffen seien ihr Wackersteine vom Herzen gefallen, erzählt Simone L. Ratschläge gab es von Seidl nicht. Sie hörte zu, stellte Fragen und versuchte dem Paar Sicherheit zu geben. "So banal es klingt - von jemand Kompetenten zu hören: ,Sie sind in Ordnung, und Ihr Kind ist es auch', das war eine unglaubliche Hilfe", sagt Simone L.

Seidl versucht, den Eltern bei der Suche nach individuellen Lösungen zu helfen, sie in ihrem eigenen Weg zu bestärken. Wichtig sei auch, dass es den Müttern gut gehe. Seidl glaubt, dass nur eine entspannte Mutter ihr verzweifelt weinendes Baby trösten kann.

Heute ist Elias fünf Monate alt. Noch immer ist er ein Schreibaby. Bis zu sechs Stunden brüllt er, an etwa drei Tagen pro Woche. Aber die meiste Zeit der Tage ist er ein ausgeglichenes Baby, strahlt auf dem Arm seiner Mutter, erkundet einen Ball auf dem Boden und schläft friedlich im Ehebett zwischen seinen Eltern. "Meine Einstellung hat sich geändert. Ich weiß: Ich bin keine Versagerin", sagt Simone L. Sie finde es nicht mehr schlimm, wenn Elias weint. "Er kann ja nicht reden, wie soll er sonst loswerden, was ihn beschäftigt?", fragt sie.

Also nimmt sie das weinende Baby auf den Arm und hört ihm zu. Unter Menschen traut sie sich auch wieder. Und wenn sie heute von Wildfremden aufgefordert wird, dem schreienden Kind doch zu helfen, fragt sie zurück: "Haben Sie vielleicht einen guten Tipp für mich?"

* Namen der Eltern und des Kindes geändert