FOTOGRAFIE Leben ohne Hüllen
Sie schreiben alles klein, Fleisch ist tabu wie Alkohol und Tabak, sie lieben Luft und Sonne: Den Mitgliedern des »schweizer lichtbundes«, eines der ältesten Naturistenvereine der Welt, geht es um weit mehr als nahtlose Bräune. Wie die FKK-Gründer vor 70 Jahren verstehen sie sich als Avantgarde einer besseren Zivilisation. Wenn sie auf ihrem abgeschirmten Campingplatz »neue zeit« am Neuenburgersee ihre Kleider ablegen, wollen die Arbeiter und Professoren, Pfarrer und Sekretärinnen auch die Zwänge der Leistungsgesellschaft hinter sich lassen. Einfühlsam und diskret beobachtete Michael von Graffenried, 40, sieben Sommer lang die Lichtfreunde mit der Kamera (Michael von Graffenried: »Nackt im Paradies«. Vorwort von Harald Szeemann. Benteli Verlag, Bern; 69 Mark). Nackt unter Nackten, gelangen ihm Aufnahmen von großer Natürlichkeit. Daß sein schönes, schwarzweißes Bilderbuch wie eine Reportage über eine aussterbende Spezies wirkt, ist nicht Mangel, sondern Verdienst: Als Weltanschauung, zeigt von Graffenried, ist das Leben ohne Hüllen nicht weniger von Zwängen und Riten bestimmt als der Alltag in Kleidern. Seine Bilder zeigen die Galerie Scalo in Zürich (bis 15. April) und die Galerie Kabinett in Bern (10. bis 17. April).