Lebensmittel aus Fukushima: Verbotene Pilze - DER SPIEGEL
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Fukushima: Kampf gegen das Dauer-Desaster

Foto: CARLOS BARRIA/ REUTERS

Lebensmittel aus Fukushima Verbotene Pilze

In der japanischen Katastrophenprovinz Fukushima sind stark verstrahlte Shiitake-Pilze gefunden worden. Die Behörden untersagten daher Produzenten aus mehreren Städten, ihre Ware auszuliefern. Noch wenige Stunden zuvor hatte Regierungssprecher Edano für Lebensmittel aus der Region geworben.
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Tokio - Yukio Edano hat keinen leichten Job in diesen Tagen: Der japanische Regierungssprecher ist seit der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe vom 11. März im Dauereinsatz, vor allem wegen des Desasters in der AKW-Ruine Fukushima I. Am Dienstag propagierte er bei einer PR-Aktion noch die Unbedenklichkeit von Lebensmitteln aus der Katastrophenregion - und biss beherzt in Tomaten und Erdbeeren aus der Stadt Iwaki. Am Mittwoch musste er nun ein Verkaufsverbot für bestimmte Shiitake-Pilze aus der Präfektur Fukushima verkünden.

Der Lieferstopp gelte für unter freiem Himmel gewachsene Shiitake-Pilze aus insgesamt 16 Städten und Dörfern im Gebiet um das havarierte Atomkraftwerk, so Edano. Es sei aufgrund eines hohen Maßes an Radioaktivität verhängt worden. Pilze, die in Gewächshäusern gezüchtet werden, seien jedoch sicher und daher von dem Verbot ausgenommen, sagte Edano der Nachrichtenagentur Kyodo.

Bei den betroffenen Orten handelt es sich um Datum, Soma, Minamisoma, Tamura, Iwaki, Shinchi, Kawamata, Namie, Futaba, Okuma, Tomioka, Nahara, Hirono, Iitate, Katsurao und Kawauchi. Nordöstlich von Iwaki waren bereits in der vergangenen Woche verstrahlte Pilze entdeckt worden. Laut Gesundheitsministerium war in Shiitake-Pilzen Jod 131 gefunden worden, dessen Konzentration um das 1,55fache über dem gesetzlichen Grenzwert liegt. Bei Cäsium war es das 1,78fache. Die Provinzregierung hatte daraufhin 23 Pilzbauern in der Stadt angewiesen, keine der Pilze mehr auszuliefern.

Verseuchtes Wasser wird abgepumpt

Im zerstörten AKW setzen Arbeiter ihren Kampf gegen den Super-GAU fort. Sie pumpten am Mittwoch weiter hochgradig verseuchtes Wasser am Reaktor 2 ab. Mit Behelfspumpen leiteten sie Wasser, das aus dem Meiler stammt und in das Untergeschoss des Turbinengebäudes sowie angeschlossene unterirdische Tunnel gesickert war, in einen Auffangbehälter des Turbinengebäudes, wie die Nachrichtenagentur Jiji Press meldete.

Der Betreiber der Atom-Ruine schätzt die Menge an Wasser in dem Tunnelschacht auf rund 20.000 Tonnen. Die verseuchte Brühe behindert die Bemühungen zur Kühlung der Reaktoren.

Am Dienstag hatte das nukleare Desaster in Fukushima eine neue Dimension erreicht, zumindest auf dem Papier. Die japanische Regierung hob den Atomunfall von der Gefahrenstufe 5 auf Stufe 7 an - was bedeutet, dass es Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt in einem weiten Umfeld gibt. In der Geschichte der zivil genutzten Kernenergie wurde zuvor nur ein atomarer Vorfall offiziell in die gleiche Kategorie eingeordnet: Tschernobyl. Bei beiden Reaktorvorfällen handelt es sich laut der internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (Ines) per Definition um einen "katastrophalen Unfall".

Die Stufen der INES-Skala

Nachbeben der Stärke 5,8

Am Mittwoch wurde die Unglücksregion Fukushima von einem weiteren Nachbeben der Stärke 5,8 heimgesucht. Berichte über Schäden oder Verletzte lagen nicht vor. Auch eine Tsunami-Warnung gab es nicht.

Die Regierung korrigierte ihre Einschätzung der allgemeinen Wirtschaftslage im Land wegen der Katastrophe erstmals seit sechs Monaten nach unten. Das Erdbeben und der Tsunami vom 11. März hätten erhebliche Auswirkungen auf die wichtigen Exporte, die Produktion und den Privatverbrauch, hieß es am Mittwoch.

Die Regierung zeigte sich dennoch zuversichtlich, dass die wirtschaftlichen Folgen in relativ kurzer Zeit überwunden werden können. "Die Auswirkungen des Bebens werden vorübergehend sein. Es wird indirekte Folgen geben, wie eine Dämpfung der Konsumlaune, aber die Konjunktur wird zum Jahresende wieder anziehen", sagte Wirtschaftsminister Kaoru Yosano. Er räumte aber ein, dass die Wiederherstellung der Energieversorgung und die weitere Bewältigung der Atomkatastrophe mit erheblichen Unsicherheiten verbunden seien. Auch werde es Jahre dauern, die zerstörten Regionen des Landes wieder aufzubauen.

Der weltgrößte Autobauer Toyota muss wegen Engpässen beim Teilenachschub in Folge der Katastrophe die Fertigung an fünf europäischen Standorten vorübergehend einstellen. Betroffen sind Montageanlagen und Motorfabriken in Großbritannien, Montagewerke in Frankreich und der Türkei sowie ein Motorenwerk in Polen. Der Betrieb werde zwischen dem 21. April und 2. Mai für fünf Tage ausgesetzt, hieß es. Toyota hatte bereits zuvor angekündigt, Ende des Monats die Produktion in den meisten seiner 14 Werke in Nordamerika für vier bis fünf Werktage einzustellen.

Flughafen Sendai wieder geöffnet

In der Unglücksregion gehen die Aufräumarbeiten weiter. Der Flughafen Sendai, der von dem gewaltigen Tsunami überschwemmt worden war, nahm am Mittwoch wieder teilweise seinen Betrieb auf. Die Wiedereröffnung des Airports erleichtert Helfern aus dem Großraum Tokio und dem Westen des Landes die Reise in die Katastrophengebiete.

Eine Maschine der Japan Airlines landete um 8 Uhr morgens (Ortszeit) auf dem Flughafen. Eine Sprecherin der japanischen Fluglinie ANA, die den Flughafen ebenfalls anfliegt, zeigte sich erfreut über die rasche Inbetriebnahme des vor vier Wochen überschwemmten Airports. "Das Gebiet war zerstört und wir hatten eigentlich damit gerechnet, dass es länger dauern würde", sagte sie.

Die komplette Infrastruktur ist nach Angaben der Fluglinien aber bislang noch nicht wieder hergestellt. Bei dem Tsunami waren Hunderte Autos, Flugzeuge und Häuser des großen Geländes auf die Landebahnen gespült worden. Auch das Terminalgebäude wurde überflutet.

wit/dpa/Reuters/AFP