Leichenbergung: Die Toten von Gulfport - DER SPIEGEL
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Leichenbergung Die Toten von Gulfport

Wie viele Menschen hat Hurrikan "Katrina" getötet? Hunderte? Tausende? Auch knapp eine Woche nach der Katastrophe finden Helfer ständig neue Leichen. Suchhunde spüren die Toten auf, mobile Leichenbestatter nehmen sie in Empfang. Doch Vielerorts haben sie noch nicht mal die Hälfte der Trümmer durchkämmt.
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Gulfport - Um kurz nach fünf finden sie wieder einen. Jason Greens Funkgerät piepst, und eine knarzende Stimme gibt die Koordinaten durch: "Holly-Hill-Apartmentsiedlung, Ende der Straße." Green wühlt in einem roten Ordner mit Straßenkarten, sechs Männer springen in zwei Chevrolet-Trucks, rasen los. "We're ready to go", ruft Green ins Funkgerät. "Zwei Wagen sind unterwegs." Auf zum nächsten Einsatz.

Green ist der Direktor des Bestattungsinstituts Riemann in Gulfport. Der 71.000-Einwohner-Ort an der US-Golfküste, 100 Kilometer östlich von New Orleans, wurde von "Katrina" dem Erdboden gleichgemacht. Jason Green und seine Leute haben viel zu tun, Dutzende sind allein hier umgekommen. Fast eine Woche nach dem Sturm finden die Suchmannschaften täglich neue Leichen. Womit für Green die Probleme erst anfangen.

"Es ist überwältigend", murmelt Green und vergräbt das Gesicht in den Händen. "Absolut überwältigend." Das schweißnasse T-Shirt klebt ihm am Leib, er trägt Shorts und grüne Gummistiefel, die seine Füße vor der Verwesungssuppe schützen sollen. Tote sind sein Geschäft, doch die Dimensionen dieser Katastrophe kann selbst ein Profi wie er nur schwer verkraften. "Ich habe seit Montag nicht geschlafen", sagt er. Dabei hätte er genug anderes zu tun: "Katrina" spülte auch sein Haus weg. "Darum kümmere ich mich später."

Verwesungsgeruch durchdringt alles

Seine Firmenzentrale indes ist stehengeblieben, direkt im Ortszentrum von Gulfport, an der 25th Avenue, gleich hinter dem unversehrten Court House. Der Bestatter und der Richter, grausige Ironie: Viel mehr ist nicht übrig geblieben von der einst blühenden Küstenstadt. Der Rest ist eine Mondlandschaft aus Staub, Schlamm und Steinmehl, durch die halb verhungerte Hunde streifen. "Gott ruft", steht auf dem seltsam sauberen Schild einer Kirche. "Sei bereit."

Riemann Funeral Services, ein alt eingesessenes Familienunternehmen, hat ein Motto, ein "Versprechen an unsere Familien": "Wir sind bestrebt, Ihnen den persönlichsten und bedeutungsvollsten Tribut an Ihre Lieben zu bieten. Wir können den Weg der Trauer weniger einsam machen und vielleicht etwas einfacher." Im Gras steckt ein kleines Schild: "Bitte nicht parken, Begräbnis im Gang."

Persönlich und bedeutungsvoll: Davon ist längst keine Rede mehr. Auf der Straße vor dem Beerdigungsunternehmen mit seinen nur leicht angeschrammten Ziersäulen parken zwei Tiefkühl-Trucks, drei weitere stehen hinterm Haus. Eigentlich sind es Bananen-Transporter. Jetzt aber fasst jeder Truck mehrere Dutzend Leichen, zur Not auch mehr, aber "wir stapeln nicht", beharrt Green energisch. Generatoren summen. Verwesungsgeruch durchdringt alles, Nase, Kleidung, Poren, Haut.

Zermalmte Armenviertel

Der amtliche "Katrina"-Totenstand für den Bundesstaat Mississippi lag am Sonntag früh bei 147, die meisten davon in Gulfport und den Nachbargemeinden Biloxi, Long Beach und Pass Christian. Doch das, weiß Green, dessen Haus als zentrale Auffangstelle für alle Leichen des Landkreises dient, "ist ja nur der Anfang".

Es gibt ganze Stadtviertel hier, in die selbst die Bergungstrupps bisher nicht vorgedrungen sind, so dicht liegen da die Trümmer. Bay St. Louis, Waveland und Biloxi sind gerade mal zur Hälfte durchsucht. Nach Pearl River und Diamondhead hat sich noch gar keiner gewagt.

"Versuchen Sie mal zum Point rauszugehen", sagt der erschöpfte Feuerwehrmann Matt Bigelow, einer der Suchexperten, der gerade im Schatten Verschnaufpause macht. Am "Point", jenseits von Biloxi, hat "Katrina" nicht nur die Spielcasinos zu Rohbauten reduziert, sondern auch die Hütten der schwarzen Armenviertel dahinter zermalmt. Die Croupiers haben sich rechtzeitig davongemacht, das zumeist schwarze Hilfspersonal nicht.

Eigenhändig ausgegraben

Hunderte beteiligen sich an den Suchaktionen: Feuerwehr, Polizei, Katastrophenamt. Mit alten Plänen und Adresslisten bewaffnet, knöpfen sie sich systematisch Quadrant für Quadrant der Stadt vor, von der nur noch die Grundrisse erkennbar sind - wie Anfang des Jahres im indonesischen Banda Aceh. Suchhunde schnüffeln durch die Ruinen. "Wir gehen nach Geruch", sagt Bigelow lakonisch und beißt in ein Sandwich. Wobei die Behörden auch am Samstag noch betonten, dass dies weiterhin eine "Search and Rescue Mission" sei, also eine Suche nach Überlebenden, nicht nur Toten.

Doch meistens sind es Tote. "Wir finden alle paar Stunden einen Neuen", sagt John Jennings, der stellvertretende Feuerwehrchef, vor dessen notdürftig repariertem Büro das Sternenbanner auf Halbmast dümpelt. "Und das wird noch eine Weile so weitergehen."

Werden sie fündig, alarmieren sie den städtischen Leichenbeschauer. Der wiederum piepst Jason Greens Funkgerät an, die einzige Kommunikationsform, die nach der Zerstörung der Infrastruktur hier noch funktioniert. Und Green setzt daraufhin seine Abholteams in Marsch. Manchmal müssen sie die unter dem getrockneten Schlamm begrabenen Körper eigenhändig ausgraben.

Verwest und verstümmelt

In den Kühlwagen werden die Toten so gut wie möglich identifiziert. "Alles hilft", sagt Green. "Fingerabdrücke, die Adresse der Fundstelle, Papiere." Doch bei vielen ist das erst mal nicht möglich, sie sind verstümmelt, verwest oder, so sagt Green, "unter dem Schutt zerrieben".

Dazu rücken dann die Spezialisten an: die so genannten Disaster Mortuary Operational Response Teams (Demort) der staatlichen Katastrophenbehörde Fema - eine einzigartige Expertengruppe von landesweit 1200 Gerichtsmedizinern, die einst zur Bewältigung von Flugzeugabstürzen gegründet wurde und bei den Anschlägen des 11. September 2001 zum ersten Großeinsatz kamen. Sie haben Tricks im Repertoire, mit deren Hilfe sie auch dem kleinsten menschlichen Überrest einen Namen entringen können.

"Ich bin seit 35 Jahren im Business", sagt der Bestattungsunternehmer Tony Poss. Mit anderen Worten: Er ist einiges gewöhnt. "Doch so was wie hier habe ich noch nie erlebt." Poss lebt in Amory, fünf Autostunden im Norden, auf seinem T-Shirt steht "Mississippi Funeral Directors Association". Als Poss hörte, dass in Gulfport Leichenexperten gebraucht würden, hat er sich gleich auf den Weg gemacht - einer von 30 Freiwilligen, die die Belegschaft von Reimann Funeral Services verstärken. 40 Angestellte hat Jason Green. Doch auch von denen wird eine Handvoll noch vermisst.

Zahllose bis heute verschollen

Die zugereisten Totenpfleger haben sich im Hauptsaal des Bestattungshauses einquartiert. Sie schlafen auf den hölzernen Kirchbänken, in Schlafsäcken und auf Decken, geduscht oder gebadet haben sie seit Montag nicht. Neben Kisten mit Kopfschmerztabletten und Mundwasser liegen einzeln in Plastik verpackte "Hygiene-Beutel": Zahnpasta, Zahnbürste, Waschlappen, Kamm. Auf dem Altar stehen drei Dosen Zitrus-Raumspray, extra stark.

Eine Schwarze mit zwei Mädchen erscheint schüchtern auf der Veranda. Sie fragt Green höflich, ob er vielleicht ihren Mann gefunden habe. Green blättert in einem Buch mit Namen, sein Zeigefinger streicht langsam über die Seite. Er schüttelt den Kopf und schickt die Frau zum Court House, wo die Demort-Gruppe eine Betreuungsstelle eingerichtet hat. Da können Familien einen achtseitigen Fragebogen ausfüllen: Name, Adresse, besondere Kennzeichen der Vermissten. Die Frau bedankt sich überschwenglich bei Green.

Dutzende fragen ihn Tag für Tag nach dem Verbleib von Angehörigen, sagt Green. "Sie haben ja keinen anderen Anlaufpunkt." Zahllose sind bis heute verschollen. Ohne Telefon, Internet und Strom ist es für die Ortsbewohner unmöglich, sie aufzuspüren: Haben sie überlebt und sind sie nur nicht erreichbar? Sind sie tot? Wurden sie geborgen?

"Das Leben ist sehr wertvoll"

Das Rote Kreuz, die Radiosender und die Lokalzeitung "Sun Herald", die eine Online-Ausgabe herausgibt, haben gebührenfreie Telefonnummern eingerichtet, unter denen die Verzweifelten ihren Angehörigen Nachrichten hinterlassen können. Der "Sun Herald" unterhält außerdem eine Online-Suchbörse. "Suche Glenn Huff, Ocean Springs", so ein kürzlicher Eintrag. "Glenn, bitte rufe Mark und Janet an." Ein anderer: "Bitte helft mir!!!!!!!! Ich suche meine Freundin Ruby Dell Sears!"

Die zwei Chevy-Trucks kommen wieder zurück. Ein Toter wird ausgeladen, auf einer Bahre, mit einer Plane verhüllt. Er wird auf einer Liste notiert, die Green führt, und dann sofort in den Tiefkühlwaggon geschoben, zu den anderen. Als die Ladetür aufgeht, wird der süßliche Geruch für einen kurzen Moment unerträglich.

"Verwesung ist ein böser Duft", seufzt Poss und setzt sich auf die Veranda des Riemann-Hauses. Hier hocken sie den ganzen Tag lang, warten, scherzen, dösen, trinken. "Eins kann ich Ihnen sagen", sagt Poss. "Ich habe hier etwas gelernt, was man in meiner Branche schnell vergisst. Das Leben ist sehr wertvoll."

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