Anna Chapmann: "Agentin 90-60-90"
Anna Chapman Spionin in Spitzenhöschen
Im Sommer hat das amerikanische FBI die russische Spionin Anna Chapman enttarnt und nach Moskau ausgeflogen. Allerdings müssen die US-Fahnder etwas übersehen haben: Es gibt offenbar zwei Chapmans.
Wenn man Glück hat, kann man die eine treffen, zum Beispiel im "Starlite Diner", einem amerikanischen Schnellrestaurant im Herzen Moskaus. An den Wänden hängen alte Titelbilder von US-Magazinen, die Fernseher zeigen Nachrichten aus Übersee, CNN, versteht sich.
Anna Chapman, 28, hat einen sanften Händedruck. "Wie haben Sie mich erkannt?", fragt sie. Wären nicht die roten Haare, man könnte Anna Chapman wirklich übersehen: Sie wirkt unscheinbar, blass und fast ein bisschen schüchtern. Und natürlich hat sie ihre Tarnung vergessen. "Sonst trage ich Sonnenbrille und Mütze."
Die andere Anna Chapman wird von Boulevardmedien in Russland wie im Westen als Top-Spionin und "Agentin 00Sex" verehrt und von Politikern hofiert.
Russlands Premierminister Wladimir Putin, selbst ein ehemaliger KGB-Mann, hat sie zusammen mit den anderen in Amerika aufgeflogenen Spionen empfangen. Dann stimmte man das patriotische Lied "Wo fängt die Heimat an?" an, sagte er auf Nachfragen von Journalisten - aber vielleicht war das auch nur Ausdruck des ihm eigenen, speziellen Humors.
"Agentin 90-60-90"
Auch Präsident Dmitrij Medwedew hat Chapman am Montag empfangen und ihr einen Orden an die Brust geheftet. Der Staatschef habe der Veteranin der Auslandsaufklärung die "höchste Auszeichnung" verliehen, verkündete der Kreml. Normalerweise gebührt der "Stern des Helden" russischen Kosmonauten und Frontkämpfern aus dem Nordkaukasus, wo Untergrundkämpfer für einen islamistischen Gottesstaat kämpfen.
Die neueste Foto-Session von Russlands "Bond-Girl" war da bereits im Kasten. Kräftig geschminkt räkelte sich Chapman für die russische Ausgabe des Männermagazins "Maxim" in Stöckelschuhen und Reizwäsche. "Agentin 90-60-90" posiert da zudem verspielt im knappen Jäckchen mit Pistole vor zwei Zielscheiben.
Chapman, vom FBI trotz überschaubarer konspirativer Begabung als "Deep Cover Agent" geadelt, bastelt mit Hochdruck an einer zweiten Karriere als Society Girl - Paris Hilton statt Mata Hari.
Als Stargast tritt sie in Moskauer Nachtclubs auf, das Magazin "Schara" (zu deutsch "Hitze") druckte laszive Bilder aus dem mondänen Baltschug Kempinski Hotel.
"Fragt nicht, in welches Studio wir den betäubten Fotografen bringen mussten"
Eine Moskauer Bank engagierte Chapman gar als "Beraterin" in Sachen Investition und Innovation. Das Institut arbeitet vor allem mit russischen Rüstungskonzernen und der Raumfahrtbranche zusammen.
Am 8. Oktober beehrte die Russin zudem Russlands Weltraumbahnhof im kasachischen Baikonur mit einer Visite.
Für das Magazin "Maxim" war "Operation Anna" allerdings mit erheblichem Aufwand verbunden.
"Fragt mich nicht, in welches Studio wir unseren betäubten Fotografen bringen und welche Dokumente wir unterschreiben mussten, um Anna Chapman zu überreden" so Redaktionsleiter Ilja Besugli. Vermutlich dürfte eine stattliche Summe das überzeugendste Argument gewesen sein: Der Boulevardzeitung "Komsomolskaja Prawda" nannte die für ein Interview angefragte Chapman zunächst den Preis von 25.000 Dollar, meldete sich danach gleichwohl nicht mehr bei dem Blatt.
"Maxim" hat auch ein kurzes Gespräch mit Chapman gedruckt, ein paar Sätze zu ihrem Männergeschmack, ein paar Sätze zu ihren Vorlieben.
"An Stelle der Russinnen wäre ich beleidigt"
Es gibt ein paar Indizien, dass die beiden Chapmans doch gewisse Gemeinsamkeiten haben könnten. Russlands neues, verruchtes Sexsymbol hat es abgelehnt, mit den Reportern von "Maxim" über den Spionageskandal und ihre Lebensgeschichte zu sprechen.
"Bitte verstehen Sie, dass ich aus bestimmten Gründen zu bestimmten Fragen nichts sagen kann", hatte auch das Mädchen Anna im Schnellrestaurant im Zentrum von Moskau dem SPIEGEL gesagt.
Vor vier Wochen haben Paparazzi die Sexbombe Chapman im Moskauer "Soho Rooms"-Club abgelichtet. Sie trug dicken Lippenstift und nippte an einem Sektglas, es war eine rauschende Party, spendiert von "Maxim" mit den angeblich "100 attraktivsten Russinnen".
"An Stelle der Russinnen wäre ich beleidigt", spottete daraufhin der Satiriker Anton Orech vom Sender "Echo Moskau". In Wahrheit finde man solche Mädchen in jedem Metrowaggon.
Oder in einem amerikanischen Schnellrestaurant im Herzen von Moskau.