Claus Theo Gärtner: Der Mann hinter der Rolle Matula - DER SPIEGEL
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Foto-Interview mit Claus Theo Gärtner Der Mann, der Matula wurde

Matula, der unkaputtbare Detektiv aus "Ein Fall für zwei", ist zurück: Das ZDF dreht neue Filme, Darsteller Claus Theo Gärtner veröffentlicht eine Autobiografie. Hier blickt er auf sein Leben zurück.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine Stunde bis zum Interview, schnell noch in Stimmung bringen. "Ein Fall für Zwei", mehr als 30 Jahre im ZDF, so lange schaffte nicht mal Derrick. Deutsche TV-Geschichte. Ein Anwalt und ein Privatdetektiv kämpfen in der Bankenmetropole Frankfurt für Gerechtigkeit. Die Anwälte wechselten mit den Jahren, aber der Detektiv blieb derselbe: Matula. Josef Matula.

Ein Kollege im Büro stimmt die Titelmusik an. Unverwechselbar. Der Vorspann auf YouTube: Matula macht Crunches am Bauchmuskeltrainer, Matula stoppt ein führerloses Auto kurz vor dem Abgrund, Matula sprintet ein Treppenhaus hoch. Der Detektiv ist für die Action zuständig, oft bezieht er Prügel, doch Matula ist unkaputtbar.

Darsteller Claus Theo Gärtner spielte die Stunts selbst. Nach genau 300 Folgen machte er Schluss. Das war 2013. Jetzt, im Alter von 73 Jahren, dreht er doch wieder. Mehrere Matula-Filme sind in Arbeit. Und er hat seine Autobiografie geschrieben, gemeinsam mit seiner Frau Sarah, 37.

Die Lederjacke, die knurrige Stimme, der Alfa! Matula ist so groß geworden, dass irgendwann der Schauspieler Gärtner hinter der Rolle verschwand. Für die Serie hatte er anfangs sogar seinen Privatwagen zur Verfügung gestellt. "Frag ihn, ob er immer noch Alfa fährt", ruft ein Kollege am Fahrstuhl.

Der Treffpunkt: ein italienisches Restaurant in Berlin Charlottenburg. Auf dem Tisch stehen kleine Nachspeisen bereit, neben Gärtner sitzt seine Frau. Mit dem Buch wollen sie erzählen, was er in seinen 73 Jahren alles erlebt hat. Eine Annäherung an den Jungen, der zu Matula wurde - in Fotos von der Einschulung bis zu späten Träumen.


1/10: Die Kindheit

Das war mein dritter oder vierter Schultag. Als einziges Kind hatte ich keine Schultüte mitbekommen. Tragisch. Die wurde schlicht vergessen. Da ich so aufgeregt war, hatte ich auch nicht daran gedacht - erst als die anderen Kinder sich alle mit ihrer Tüte aufstellten. Ich war natürlich fertig. Das waren die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Mir hat sonst nichts gefehlt, wir kannten es ja nicht anders. Wir hatten die schönsten Kinderspielplätze der Welt, die Ruinen Oberhausens. Da haben wir alles gelernt. Es war verboten, in den Ruinen rumzuturnen, wir waren ständig auf der Flucht vor der Polizei. Das war wie Räuber und Gendarm. Unsere Spielpartner waren Polizisten.

Claus Theo Gärtner kam am 19. April 1943 in Berlin zur Welt. Seine Mutter war Balletttänzerin, sein Vater als junger Mann in die Wehrmacht eingezogen worden. Als CTG zur Welt kam, war sein Vater gerade an der Ostfront stationiert. Nach dem Ende des Kriegs zog die Familie nach Oberhausen. Der Vater arbeitete dort zunächst in der Ledermanufaktur des Großvaters, später als Angestellter in einer Fabrik und Leiter einer Kokerei.


2/10: Eine Lektion des Vaters

Foto: Privat

Mein Vater. Er hat ganz schön was abgekriegt, über seine Kriegserlebnisse hat er nie gesprochen. Er brachte mir bei, was Sprache bedeutet. Ich musste als Schüler den Erlkönig lernen und habe den nur so runtergeleiert. Allgemein hat mein Vater sich nicht groß dafür interessiert, was ich in der Schule machte. Aber das hat ihn interessiert - weil er heimlich Schauspieler sein wollte. Hat er sich zwar nie getraut, aber ich hab's gemerkt. Er hat mit mir eine Nacht lang das Gedicht durchgearbeitet. Da ist mir aufgegangen, was Sprache bedeutet, was Leidenschaft bedeutet. Am nächsten Tag in der Schule hat selbst die Streberabteilung sehr gestaunt. Der Lehrer auch. Und es gab Applaus.

Claus Theo Gärtner wusste sich immer durchzuschlagen. Als junger Mann verdiente er mit diversen Aushilfsjobs sein Geld, gründete eine Autoreinigung und lebte, so schreibt er es in seinem Buch, eine Zeit lang von einem Euro pro Tag. Geld für Zigaretten und Bier sei allerdings auch immer irgendwie da gewesen. Dann absolvierte er die Schauspielschule in Hannover und begann anschließend seine Karriere als Theaterschauspieler, die ihn bis zur Berliner Schaubühne führte.


3/10: Auf der Bühne

Foto: Helga Kneidl

Bruno Ganz, Elke Petri und ich als Kleinaktionär Kilb in "Die Unvernünftigen sterben aus" von Peter Handke. Die Zeit an der Schaubühne war toll. Diese Präzision, diese Genauigkeit. Wir hätten tausendmal spielen können, ohne dass sich etwas verändert hätte. Ich spielte immer mit vollem Einsatz, so gab es auch öfter Verletzungen. In einer Probe stürzte ich mit einem Messer auf die Bühne, um den Großaktionär Quitt umzubringen. Der Boden war nass, ich rutschte aus, eine Glaskante am Flügel schlitzte mir den Oberschenkel auf. Dann kam Bruno Ganz, der war früher Sanitäter bei der Schweizer Armee, riss die Hose auf und kippte eine ganze Flasche uralten Jod auf die Wunde. Da wusste ich erst, was richtig wehtut.

Als er sein erstes Angebot für eine Filmhauptrolle bekam, setzte Gärtner gegen die Widerstände an der Schaubühne durch, das er in "Zoff" mitspielen durfte. Es war eine wegweisende Entscheidung.


4/10: Auf der Leinwand - "Fred is'n Schläger"

Foto: ddp images

"Zoff" war ein Kleinkrimineller im Ruhrpott, der mit dem bürgerlichen Schützenkönig um ein Mädchen kämpfte. Nicht nur das Geld hat mich gereizt, sondern auch die Rolle. Film zu machen, das war für einen jungen Theaterschauspieler ein hohes Ziel. Und es hat sich gelohnt: Ich habe für "Zoff" den Bundesfilmpreis bekommen. An der Schaubühne wurde das ein bisschen belächelt, für die wäre der Iffland-Ring interessanter gewesen. Fernsehen war ja Afterkunst.

Bei der Preisverleihung 1972 ließ sich Gärtner, ganz der junge Rebell, zu einer politischen Geste hinreißen.


5/10: Sturm und Drang

Black Panther war damals angesagt. In meinem jugendlichen Wahn habe ich dann auch mal die Faust gereckt. Kam bei manchen nicht so gut an. Ich habe darüber überhaupt nicht nachgedacht. Gott sei Dank wurde das nicht groß thematisiert, weil die Fotografin das Foto zurückhielt. Sie ging davon aus, dass es mir schaden würde.

Den angepassten Weg ist Gärtner selten gegangen. Im Alter von 14 Jahren fuhr er heimlich das Auto seines Vaters - und setzte es prompt gegen einen Baum. Weil er anschließend die Sozialstunden nicht ableistete, landete CTG für zehn Tage im Jugendarrest. Abgeschreckt hat ihn das allerdings nicht, im Gegenteil. Er fuhr noch öfter heimlich. Und später wurden Autorennen seine große Leidenschaft. Er fuhr Rallye, Langstreckenrennen, Porsche-Supercup auf dem Nürburgring.


6/10: Der Rennfahrer

Foto: Porsche Motorsport

Der Porsche hier auf dem Foto ist mein Lieblingsrennwagen. Ich brauchte das Adrenalin, den Kampf mit dem Mann vor mir oder hinter mir. Mein Produzent wollte es mir mal verbieten und stellte mich vor die Wahl. Ich sagte: "Gut, dann fahre ich halt nur noch Rennen." Und damit war das Thema erledigt.

Als Claus Theo Gärtner Ende der Siebzigerjahre auf eine mögliche Rolle als Privatdetektiv angesprochen wurde, war er zunächst gar nicht begeistert. Zu der Zeit spielte er erfolgreich Theater in Hamburg, von Serien hatte er nach seiner Rolle als Sozialarbeiter Hanno in "Die Straße" vorerst genug. Doch Produzent Georg Althammer ließ nicht locker, und so kritzelte er eines Tages auf einen Rechnungszettel "100 Folgen OK! CTG". Die Rolle als Privatermittler Josef Matula wurde zur Rolle seines Lebens. Die erste Folge lief am 11. September 1981. Am Tag danach habe er in Berlin zum ersten Mal in seinem Leben ein Autogramm schreiben müssen, schreibt er in seinem Buch.


7/10: "Ein Fall für Zwei"

Foto: Jörg Schmitt/ dpa

Der Ruhm wuchs peu à peu, so habe ich mich langsam daran gewöhnt, eine öffentliche Person zu werden. Ich empfand das als Bestätigung. Wenn man das Feedback vom Zuschauer auf der Straße bekommt, ist das wie Applaus im Theater.

"Ein Fall für zwei" wurde zu einer der größten Erfolgsgeschichten des ZDF. Und Matula war ihr Star. Vier Anwälte spielten in den 300 Folgen an seiner Seite: Dr. Renz (Günter Strack), Dr. Franck (Rainer Hunold), Dr. Voss (Mathias Herrmann) und Dr. Lessing (Paul Frielinghaus). Gärtner spielte weiterhin andere Rollen, aber Matula überlagerte alles. Hing der Charakter ihm irgendwann zum Hals raus?

Zum Hals rausgehangen ist er mir nicht. Aber als ich in einem Kohl-Film den Heiner Geißler gespielt habe ("Der Mann aus der Pfalz", 2009) stand in einer Kritik: Was macht denn Matula in der Kohl-Verfilmung? Da war mir klar, dass ich hinter der Maske verschwunden war. Also sagte ich den Produzenten: Wir machen noch bis zur 300. Folge.


8/10: Abschied

Foto: Sarah Ga¿rtner

Die letzte Szene, Matula reitet in den Sonnenuntergang. Was man auf dem Foto leider nicht sieht: Hinter uns läuft noch das ganze Team her. Ich wollte gehen, bevor es Witze gibt wie bei Derrick: In München hat's Hochwasser gegeben, nur bei Derrick nicht, der hat seine Tränensäcke vor die Tür gestellt. So etwas wollte ich nicht hören. Ich wollte was Neues, das Dumme war nur: Ich war verbrannt. Es kamen keine Angebote. Gar nix. Ich war schon etwas erschrocken. Tja, und dann kam an meinem 70. Geburtstag doch wieder das ZDF: Die Leute wollten wissen, wie es mit Matula weitergeht, hieß es. Jetzt ist der erste Film abgedreht.

Nach dem Ende von "Ein Fall für zwei" war Gärtner frohen Mutes, denn er hatte private Pläne: Mit seiner Frau wollte er reisen, die Panamericana entlang, mit einem großen Allradfahrzeug. Sie schafften sich einen Giganten an, einen sieben Meter langen, dreieinhalb Meter hohen Mercedes Atego, zum Reisemobil umgebaut. Testreisen führten nach Spanien und Marokko.


9/10: Abenteuer

Foto: Sarah Gärtner

Mit kleinen Autos komm ich wunderbar zurecht, aber mit einem 12,5 Tonnen-Truck ist alles schwer. Ich hab mir die Birne aufgehauen, die Finger geklemmt. Ich bin ja auch kein Mechaniker.


10/10: Träume

Es ist vor allem Sarah Gärtner, die schließlich eine Entscheidung trifft: Vielleicht ist diese Art des Reisens doch nicht das Wahre, vielleicht ist Panamericana (Foto) mit diesem Gefährt doch keine so gute Idee. Der Traum platzt. Gibt es noch andere?

Es gibt immer noch andere Ziele. Iran zum Beispiel, aber nicht mit so einem Riesenauto, sondern mit leichtem Gepäck. Das muss ein wunderschönes Land sein.

Im Mai sollen die Dreharbeiten für den nächsten Matula-Film beginnen, sagt Claus Theo Gärtner noch. Drei, vielleicht vier sollen es insgesamt werden. Für immer Matula? Es gibt Schlimmeres.

Ach ja, bleibt die Frage nach dem Alfa - ist der Flitzer noch das Auto seiner Wahl? Ja, ist er. "Ich habe einen Youngtimer, einen Spider Cabriolet", so Gärtner. "Mit dem konnte ich in diesem schönen Berliner Sommer ausgedehnte Spritzfahrten unternehmen."

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Foto: Schwarzkopf & Schwarzkopf

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