Der Fall Britney Spears: "So hilf doch einer diesem Mädchen" - DER SPIEGEL
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Der Fall Britney Spears "So hilf doch einer diesem Mädchen"

Erneut nimmt Britney Spears' Leben eine Wendung zum Schlechteren. Die Sängerin hat das Sorgerecht für ihre Kinder bis auf weiteres verloren. In Amerika diskutieren die üblichen Verdächtigen den Fall Spears - eine Gratwanderung zwischen Sensationsgier, Hilf- und Ratlosigkeit.
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Los Angeles - In der Flut der Britney-Spears-Bilder, die in den vergangenen Wochen mit weit größerer Vehemenz als üblich die Angebote internationaler Fotoagenturen dominierten, gab es ein besonders berührendes.

Es zeigt die Sängerin, die sich eines Abends in Los Angeles am Steuer ihres Wagens einen Weg durch ein Heer blitzender Paparazzi zu bahnen versucht. Dicht gedrängt umringen die Sensationsfotografen und Kameraleute das Auto. Von dessen Rücksitz aus blicken Spears' Söhne, ein und zwei Jahre alt, mit großen Augen auf das Chaos. Der ältere von beiden ergreift die Hand seines Bruders. Die Blitze zucken.

Wenige Stunden später veröffentlicht der erfolgreichste Celebrity-Blogger Amerikas, Perez Hilton, das Foto der händchenhaltenden Kleinkinder und versieht es mit dem Kommentar: "Helft uns!" Darunter der Nachsatz: "Vorsicht Jungs, Mami sitzt am Steuer!"

Die zweifelhaften Chauffeurdienste ihrer Mutter und deren Paparazzi-Entourage bleiben den Kindern nun vorerst erspart. Richter Scott Gordon sprach das Sorgerecht, das sich Spears und ihr Ex-Mann Kevin Federline bislang geteilt hatten, bis auf weiteres allein Federline zu. Am 3. Oktober soll Spears die Söhne ihrem Vater übergeben, letzte Meldungen besagen, sie habe dies bereits getan.

Die letzte Chance, diesen jüngsten und traurigsten Akt ihrer Absturz-Saga zu vermeiden, hatte Spears ungenutzt verstreichen lassen. Richter Gordon hat in dem Sorgerechtsverfahren zuvor festgestellt, Spears konsumiere "gewohnheitsmäßig, häufig und fortgesetzt" Alkohol und Drogen. Er hatte die zweifache Mutter aufgefordert, sich wöchentlichen, unangekündigten Tests zu unterziehen, einen Elternkursus zu absolvieren und zudem psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Anordnungen, denen Spears nicht nachkam.

Zudem wurde Spears und Federline untersagt, ihre Kinder im Auto zu befördern, sofern sie nicht über eine in Kalifornien gültige Fahrerlaubnis verfügten. Erst nachdem sie nun das Sorgerecht verlor, bemüht sich Spears offenbar um den gültigen Führerschein.

Kevin Federline, noch kürzlich einer der meistverachteten Männer Amerikas, war es im Gegensatz zu seiner Ex-Frau seit der Scheidung gelungen, Boden gut zu machen. Federline verhielt sich - wohl auf Anraten seines cleveren Anwalts - sehr dezent, sobald die Kinder in seiner Obhut waren: Während Spears mit ihren Söhnen die Kameras geradezu zu suchen schien, tauchten von Federline und den Kindern kaum Paparazzo-Aufnahmen auf.

Diese paradoxerweise auf Enthaltsamkeit gegründete Image-Offensive ging auf. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wie komplett überfordert muss Spears mit der Aufgabe sein, zwei Kinder zu behüten und vernünftig zu erziehen, um einen Nichtsnutz wie Federline als vorbildlichen Vater erscheinen zu lassen?

Fragen, die in den US-Medien jetzt mit Verve diskutiert werden. Larry King, Grandseigneur der amerikanischen Talkshow-Gastgeber, bestellte sogleich eine Experten-Runde ein, die den Fall Spears sezierte.

"Niemand hat jemals 'Nein' zu Britney gesagt"

Kings Gäste, denen das fiebrige Entzücken ob dieses gefundenen medialen Fressens an den Mienen abzulesen ist, prophezeien sogleich eine noch turbulentere Weiterentwicklung des Dramas: "Britney Spears ist im Besitz eines Privatjets", presst der Journalist Tony Potts von "Access Hollywood" aufgeregt hervor, "wird sie die Kinder nun außer Landes bringen?" Ihm erteilt King im Verlauf der Sendung nicht mehr das Wort.

Harvey Levin vom Internetdienst "TMZ" sieht dagegen sogar Anlass zur Hoffnung: "Niemand hat jemals 'Nein' zu Britney Spears gesagt, Richter Gordon hat es nun getan." Das könne eine heilsame Erfahrung, ja sogar eine echte Chance für Spears sein.

Ob Spears tatsächlich ihr Leben zu ordnen vermag, ist mehr als zweifelhaft. Sie scheint weder über den nötigen Verstand noch die gesundheitliche Verfassung oder eine funktionierende soziale Vernetzung zu verfügen, die dafür unverzichtbar wären.

Ebenfalls in der Larry-King-Jury sitzt "Dr. Drew" Pinsky, der in der beliebten Radiosendung "Loveline" Amerikas Liebessuchende und Verzweifelte berät. Der Kummerkastenonkel ist der Mann der Stunde - und er sieht schwarz für Spears.

"Selbstmordgefährdet" sei die 25-jährige Spears nun, da sie die wichtigsten Fixpunkte ihres Lebens, die Söhne, verloren habe: "Vergessen wir mal Britney Spears, denken wir uns eine Britney Smith", führte Pinsky bereits zuvor für "E!online" aus. "Britney Smith hat eine furchtbare Scheidung hinter sich, eine stressige Karriere, leidet an postnatalen Depressionen, Britney Smith steckt in Schwierigkeiten. Wenn der Verlust des Sorgerechts hinzukommt, dann haben wir jemanden, der selbstmordgefährdet ist, davon bin ich felsenfest überzeugt."

Doch im Gegensatz zu seinen Zuhörern hat es Britney Spears bislang versäumt, sich vertrauensvoll an Dr. Drew zu wenden. So bleibt auch ihm nur der Appell: "So hilf' doch einer diesem Mädchen."

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