Deutschlands älteste Telefonseelsorgerin Barbara Hoffmann-Fliedner - DER SPIEGEL
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Deutschlands älteste Telefonseelsorgerin Die Zuhörerin

Ein halbes Jahrhundert lang hat Barbara Hoffmann-Fliedner Menschen geholfen. Jetzt ist Deutschlands älteste Telefonseelsorgerin mit 87 Jahren in den Ruhestand gegangen. Ihr Geheimnis: niemals Ratschläge geben.
Telefonseelsorgerin Barbara Hoffmann-Fliedner: Tiefe, ruhige Stimme
Telefonseelsorgerin Barbara Hoffmann-Fliedner: Tiefe, ruhige Stimme

Telefonseelsorgerin Barbara Hoffmann-Fliedner: Tiefe, ruhige Stimme

Foto: SPIEGEL ONLINE
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Barbara Hoffmann-Fliedner hebt den Hörer mit der rechten Hand ab. Mit der linken hält sie das gekringelte schwarze Kabel fest und wickelt es um den Zeigefinger. Sie steht gebeugt da, ihr weißes Telefon mit kleinem Tastenfeld und ohne Display steht auf einem viel zu niedrigen Tisch in ihrer kleinen Wohnung in Hamburg-Blankenese. Ein Handwerker ruft an, er will wegen der Waschmaschine kommen. "Ich habe leider erst später Zeit", sagt sie und legt auf.

Barbara Hoffmann-Fliedner hat ihr Leben lang telefoniert. Meistens mit Menschen, die sie nicht kannte und die ihr trotzdem ihre tiefsten Geheimnisse anvertraut haben. 53 Jahre, ein halbes Jahrhundert lang war die heute 87-Jährige bei der Telefonseelsorge der Diakonie. Fürs Zuhören hat sie das Bundesverdienstkreuz bekommen. Denn das ist es hauptsächlich: zuhören. "Ich habe nie Ratschläge gegeben", sagt sie. "Das kann ich auch gar nicht, ich kenne den Anderen doch kaum."

Sie wollte immer, dass die Menschen selbst auf die Lösung kommen. Das sei die einzige Möglichkeit, wie sie helfen könne. "Oft hab ich einfach nur Fragen gestellt. Woher kommt das Problem? Was haben Sie bisher dagegen getan? Was verhindert eine Lösung?" Ihre Stimme ist tief, sie spricht langsam und weich, immer sehr deutlich. Schon in jungen Jahren hielten die Hilfesuchenden sie deshalb für eine erfahrene Frau, manche glaubten, einen Mann am Telefon zu haben.

Mehr psychische Probleme

Ihr Vater war Pastor, sie konnte schon immer gut reden. Sie hat früh gemerkt, dass ihr die Menschen mehr erzählen als anderen. Nach dem Krieg war sie zunächst allein, verlobt hatte sie sich zweimal, beide Männer fielen in Russland. Später lebte sie 55 Jahre lang mit ihrem Lebensgefährten, ohne zu heiraten. Sie wurde Gemeindehelferin in Blankenese und meldete sich freiwillig, zusätzlich ehrenamtlich, bei der Telefonseelsorge. Das war damals etwas Neues, sie waren zu fünft, keiner war geschult oder wusste, worauf er sich einlässt.

Am Anfang ging es hauptsächlich um "handfeste" Probleme, wie Hoffmann-Fliedner es nennt. Streit mit dem Nachbarn, Streit mit den Kollegen, Streit mit dem Ehepartner. Dann kam die 68er-Bewegung und die Menschen redeten mehr über Sexualität.

Ein Mann rief an und fragte, ob er am Telefon onanieren dürfe. Sie sagte, klar dürfe er das und fragte dann, warum er allein sei und ob er seine Sexualität nicht mit jemandem teilen wolle. Die neue Offenheit fand sie erst gut, dann sei es aber zu viel geworden. Wenn nachts im Fernsehen Pornos liefen, oder wie sie es nennt "Bettszenen gezeigt werden", dann sei das richtige Maß nicht mehr da.

Es habe sich viel geändert, seit sie angefangen hat. Heute rufen viel mehr Menschen mit ernsten psychischen Problemen an. Da könne sie wenig tun, sie habe jetzt zwar eine therapeutische Ausbildung, aber wenn jemand bereits in der Psychiatrie war und Medikamente bekommt, stößt die Telefonseelsorge an ihre Grenzen. "Es gibt heute so viele Reize, ständig lesen und hören wir von Katastrophen." Und immer weniger Menschen könnten richtig zuhören. Den Satz "Jaja, das kenn ich" höre sie so oft, und er sei einer der schlimmsten, den man sagen könne. "Damit würge ich das Gespräch schon im Ansatz ab."

Was tut sie, wenn jemand von Selbstmord spricht?

Sie hat für jedes Problem eine passende Frage, es ist unmöglich, ein Tabuthema anzusprechen. Was tut sie, wenn jemand anruft und von Selbstmord spricht? "Ich frage ihn, auf wen er wütend ist." Wütend? "Wer Selbstmord begehen will, tut das meistens aus Rache, oder um anderen ein schlechtes Gewissen zu machen." Sie sage dann, dass er die Früchte seiner Arbeit nicht ernten könne und ob er bereits alle anderen Lösungen versucht hat. Die meisten haben das nicht.

Ob sie damit Leben rettet, weiß sie nicht, genauso wenig, wie viele Ehen nur dank ihrer Beratung gehalten haben. "Das ist das Frustrierende an dem Beruf", sagt sie. "Weil alles anonym ist, weiß man nie, ob das Gespräch was gebracht hat." Sie spricht ohne große Gesten, ihre Hände sind ruhig, während sie erzählt, manchmal verschränkt sie die Arme vorm Körper.

Sie philosophiert viel, redet von Freud und von Gott, beschäftigt sich mit moderner Theologie. Was Gott genau ist, darüber denkt sie oft nach, eine Antwort hat sie noch nicht gefunden. Am Telefon beruft sie sich aber nur auf die Religion, wenn ihr Gesprächspartner dazu selbst einen Zugang hat. "Ich konnte und wollte nicht missionieren", sagt sie.

"Ich war neugierig"

"Ich war immer neugierig. Auf jeden einzelnen Fall." Weil sie von ihren Gesprächspartnern immer nur die Stimme hört, liest sie viel daraus ab. Spricht jemand deutlich und klar die Probleme an? Laviert er rum? Sie kam immer besser mit Männern zurecht. Die seien bei Problemen weniger emotional. Das mache es leichter, aber natürlich könne man das nicht völlig verallgemeinern.

Ihre kleine Wohnung zwischen all den Villen in Blankenese finanziert sie mit einer kleinen Rente. 2009 starb ihr Lebensgefährte. Sie hat nie viel Geld verdient, der Telefondienst war immer ehrenamtlich. Heute telefoniert sie nur noch selten, sie geht abends oft ins Kino, morgens ins Café. "Da setz ich mich zu den Leuten", sagt sie. "Und dann rede ich mit ihnen."

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