First Lady Die neue Masche der Mrs. O
Washington - "Angesichts der aktuellen Wirtschaftslage wäre es schon sehr cool, wenn Mrs. Obama zum "Inauguration Ball" den Entwurf eines nicht zu hochpreisigen Designers trüge", mahnten die Jung-Designerinnen Sophie Buhai und Lisa Mayock vom Label "Vena Cava" vor wenigen Tagen in der amerikanischen Mode-Bibel "Vogue".
"Ist sie unsere Erlöserin?", fragte das Blatt in sehnsuchtsvoller Erwartung - seitdem Jackie Kennedy, Hohepriesterin der Haute Couture im Weißen Haus, selbiges im November 1963 verließ, hatte sich dieses in das modische Brachland zurückverwandelt, was es zuvor jahrhundertelang gewesen war.
Nach "Jackie O" nun also "Mrs. O" - die nicht beneidenswerte neue First Lady Michelle Obama, 45, hat neben ihren Jobs als Familienmanagerin, engster Vertrauten und Beraterin des mächtigsten Politikers der Welt und Repräsentantin des Staates nun auch noch den Nebenberuf "Stil-Ikone".
Sie scheint die Erwartungen zu erfüllen: In einem zitronengras-gelben Entwurf der kubanischen Designerin Isabel Toledo sorgte Michelle Obama, die für das Kleid, das sie in der Wahlnacht getragen hatte, noch bitterböse gegeißelt worden war, beim Amtsantritt ihres Mannes für Furore.
"Modisch, chic, geschmackvoll", lautet nun das Urteil von Modeexperten über die schlichte Mantel-Kleid-Kreation, die genau das Richtige für eine athletisch gebaute Frau wie Michelle sei. Und sogar eine politische Botschaft witterten sie dahinter: Das Goldgelb vermittle Frohsinn, Zuversicht in einer Zeit wirtschaftlicher Krisen. Michelle Obama sei eine willkommene Botschafterin für den Modern Style, jubelte die Modebranche.
Der neue Staats- und Regierungschef erschien im Anzug mit dem Sternenbanner-Sticker, darunter ein weißes Hemd und rote Krawatte. Die Töchter Malia und Sasha standen den eleganten Eltern in nichts nach und glänzten in blauen und pinkfarbenen Kreationen von J. Crew, der auch Michelle Obamas moosgrüne Handschuhe entworfen hatte. Die farblich passenden Pumps, auf denen die First Lady bei der Parade über die Pennsylvania Avenue lief, stammten von Jimmy Choo.
"Sie hat dieses Kleid heute für uns alle getragen"
Toledo verkörpert Modeexperten zufolge genau die Art von Designern, die Michelle Obama gefallen - ein bisschen Avantgarde, aber auch Mainstream. Die Designerin entwarf die Kleidung in der Hoffnung, dass die Frau des Präsidenten sie am Tag der Amtseinführung tragen werde. Sie habe aber erst am Dienstagmorgen erfahren, dass sich Michelle Obama für ihre Kreation entschieden habe, sagte Toledo.
Die Farbe "Zitronengras" habe sie als Ausdruck von Optimismus gewählt, erklärt die Modedesignerin. "Ich wollte kein traditionelles Blau oder Rot", erklärte sie. "In dieser Farbe ist Sonnenschein enthalten. Ich habe mich darin verliebt, und sie auch." Beim Stoff entschied sie sich aus einer Verbindung von Wolle und Seide. Eine zusätzliche Pashmina-Schicht sollte der First Lady die nötige Wärme an einem kalten Januartag geben.
Das ungewöhnliche Gelb sei ein besonderer Blickfang gewesen, lobte Modedesignerin Kai Milla, die als Frau von Stevie Wonder zu der Vereidigung eingeladen war. Und Hamish Bowles vom Modemagazin "Vogue" sagte: "Sie hat einen vielversprechenden Start hingelegt." Ihre Kleidung sei dem Ereignis angemessen, würdevoll und elegant gewesen, "hatte aber auch einen beträchtlichen Gehalt an modischem Flair".
Die Stylistin Mary Alice Stephenson betonte: "Sie hat dieses Kleid heute für uns alle getragen." Was an Michelle Obama so beeindruckend sei, sei die Tatsache, dass sie als moderne Frau modebewusst und sogar auffallend auftrete "und dabei immer noch ernst genommen wird".
Am Abend schulterfrei
Auch für die Bälle am Abend hatte Michelle Obama das Passende ausgesucht. "Wie gut sieht meine Frau aus?", fragte der neue Präsident die Menge zur Begrüßung auf dem "Neighborhood Ball". Da war Michelle Obama bereits umgezogen und präsentierte sich den Ballbesuchern in einer schulterfreien elfenbeinfarbenen Robe aus Chiffon von Jason Wu.
Der neue Präsident trug abends eine weiße Fliege und einen Smoking. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger George W. Bush, der vor vier Jahren längst erschöpft im Weißen Haus im Bett gelegen hatte, absolvierte Obama den Partymarathon ohne zu klagen. Zehn Bälle besuchte das neue "Erste Paar" und tanzte sich wacker von Veranstaltung zu Veranstaltung.
Ein wenig hölzern und verlegen schwangen die Obamas zu dem von Beyoncé gesungenen Chanson "At Last" unter den Blicken der Weltöffentlichkeit das Tanzbein. Wo es an tänzerischer Bravour mangelte, konnten sie dabei mit Charme, Selbstironie und unverhüllter Bewunderung füreinander punkten. "Ich liebe Obama. Endlich mal ein Schwarzer, der wie ein Weißer tanzt - miserabel", ulkte der Comedian und Schauspieler Jeffrey Ross ("CSI").
Etwas flotter wurde es kurz darauf mit einem Groove, zu dem sich Shakira, Mary J. Blige, Faith Hill, Mariah Carey und Stevie Wonder zusammentaten - ihr Lied "Sign, Sealed, Delivered" war ein Ohrwurm bei fast jeder Wahlkampfveranstaltung Obamas im vergangenen Jahr.