Miss Germany 2007: Nellys Verwandlung - DER SPIEGEL
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Miss Germany 2007 Nellys Verwandlung

22 junge Frauen, alle perfekt gestylt und in teuren, traumhaften Kleidern und in Bademode: Dieses Jahr war die Wahl zur Miss Germany besonders schwer. Es gab keinen Geheimtipp - aber die Verwandlung einer Schülerin aus Kleinmachnow zur schönsten Frau des Abends.
Von Franziska Badenschier
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Oh nein, die Zuschauer werden denken 'Und die will Miss Germany werden!?'" Nelly Marie Bojahr sitzt mit gut 15 Leuten in einer sechs Quadratmeter großen Nische im Backstagebereich - ungeschminkt, in Jeans und mit einem schlichten schwarzen Oberteil, ihre dunklen Haare sind etwas zerzaust.

Die 18-jährige Schülerin wartet darauf, endlich ihr Make-Up zu bekommen. Es ist kurz nach 16 Uhr, seit über zwei Stunden werden Fingernägel lackiert oder künstliche Nägel angeklebt, werden Haare auf Lockenwickler gedreht, werden Gesichter gepudert, Wimpern getuscht, die letzten Abendkleider gebügelt.

Nelly aber, die amtierende Miss T-Online, hat gerade einmal die Maniküre hinter sich - und zwei Kamerateams neben sich. Sie wird interviewt - obwohl sie ungeschminkt ist. Vier Frauen und ein Mann verpassen in der Nische gerade fünf von 22 Missen das Make-Up für die Show am Abend, die Miss Germany Wahl 2007 im Europa Park Rust. Nelly soll als nächste dran kommen. "Diese Verwandlung ist so spannend", sagt Nelly, die aus Kleinmachnow bei Berlin stammt, "die Haare, das Make-Up, das Kleid!" Was Nelly zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Die Verwandlung betrifft nicht nur ihr Outfit. Sie wird ihr Leben verändern.

Fünf Stunden später, kurz nach 21 Uhr: Da steht sie. Auf dem Laufsteg. Mit 21 hübschen jungen Frauen. Vor rund 800 Gästen. Vor Dutzenden Kameras und Fotoapparaten. Sie ist verwandelt - ihr Haar, das Make-Up, das Kleid. Nellys schwarze Abendrobe ist atemberaubend, das heißt: vor allem dessen Ausschnitt. Das bodenlange Kleid hat keine Träger, dafür einen Schlitz Richtung Bauchnabel. "Da kann man seitlich reinschauen", fürchtete Nelly, als sie zusammen mit ihren Eltern im Laden stand und das Kleid sah. Ja, man hat ein wenig Einsicht. Sie hat es trotzdem gekauft. "Das Kleid ist doch das Entscheidende", meint Mutter Anke. Deren kleines Schwarzes zeigt ebenfalls großzügig Dekolletee.

Siegerin im Tortenbackwettbewerb

"Miss zu sein, heißt nicht, ein Model zu sein, sondern ein Repräsentant", sagt Katie Steiner, die 23-jährige Miss Norddeutschland. "Ich weiß, dass ich kein Modeltyp bin", sagt sie, "im Vergleich zu anderen bin ich pummelig." Was nicht stimmt. Katie ist stolz auf ihre Kurven - und bäckt seit eh und je und auch weiterhin ständig Kuchen, vor allem mit Schokolade und Nüssen. Den Tortenbackwettbewerb während der Woche in Ägypten, wo alle Missen sich auf die Finalrunde vorbereitet haben, hat Katie gewonnen. Keine andere Miss hat eine so leckere Schwarzwälder Kirschtorte herbeigezaubert wie sie.

Überhaupt: Neben den mit roten Stoffwänden abgetrennten Nischen - Garderoben, Nagelstudio, Friseursalon, Maske, Bügelecke - steht eine Tafel mit Nudeln, Croissants, Desserts. Die Mädchen essen. Die Aufregung hat ihnen nicht den Appetit verschlagen. Im Gegenteil. Als ein Mädchen mit einem Schokoriegel in die Fön-Nische kommt, sagt eine andere: "Oh, gibt es endlich wieder welche?" Nein, leider nicht, sie habe sich nur rechtzeitig welche gebunkert, lautet die Antwort.

"Selbst wenn mir jemand sagen würde, ich wäre zu dick, würde ich auf nichts verzichten", sagt Katie. Sie hätte eine Diät auch gar nicht nötig. Ihr cremefarbenes Kleid, verziert mit Stickereien, passt wie angegossen. Auch im zweiten Durchgang macht sie - im Tankini - eine gute Figur. Wie eigentlich alle.

Lockeres Lächeln und Catwalk-Hüftschwung

Trotzdem: Nun ist die Jury an der Reihe. 28 Promis - darunter Haddaway und Lou Bega, Ex-Fußballer Fredi Bobic, der Boxweltmeister im Mittelschwergewicht Arthur Abraham und das Jahrhundert-Playmate Gitta Saxx - sollen aus den 22 Mädchen ihre Top 10 auswählen.

Alle sehen schön aus, gestehen die versammelten Mütter. Auch wenn sie eigentlich nur Blicke für ihre herausgeputzte Tochter haben. Wegschauen können sich dennoch nicht, als die anderen Mädchen sich auf dem Laufsteg präsentieren. Auf den ersten Blick kann sich wohl niemand sofort für eine Top-Favoritin entscheiden. Doch klar ist: Einige werden nicht zu den Top 10 gehören. Manch eine Miss lächelte verkrampft, anderen fehlte der lockere Catwalk-Hüftschwung.

Gegen 22 Uhr werden zehn Nummern aufgerufen: 1, 3, 6, 7, 8, 11, 13, 14, 15, 16. Weiter sind somit: Miss Norddeutschland Katie Steiner, Miss Bayern Julia Mürkens, Miss Sachsen-Anhalt Juliane Brändle, Miss Niedersachsen Bianca Starke, Miss Ostdeutschland Lisa-Meta Brüsch, Miss Nordrhein-Westfalen Manuela Casparic, Miss Hamburg Ferda Tunc, Miss T-Online Nelly Marie Bojahr, Miss Berlin Ivonne Beeskow, Miss Baden-Württemberg Katharina Kögel.

Da stehen sie nun, in einer Zehnerreihe. Die anderen Mädchen verlassen die Bühne, manche beginnen vor Enttäuschung zu weinen. Derweil müssen die zehn Finalistinnen einzeln vortreten - um sich den Fragen von Moderator Ingo Dubinski und Co-Moderatorin Ines Kuba, einst ebenfalls Miss Germany und heute Frau des Veranstalter-Juniorchefs Ralf Klemmer, zu stellen.

"Viel Hüfte, viel Brust"

Julia, das "wandelnde Filmlexikon" (Dubinski), soll einen Film empfehlen. "Wer früher stirbt, ist länger tot" ist ihr Rat - und das nicht nur, weil es ein Film aus ihrem Heimatland Bayern sei, sondern auch weil sie ihn wirklich zum Lachen gefunden habe. Manuela wird kurz darauf gefragt, welche Kurse sie im Fitnessstudio besucht hat. "Kickboxen und Reggaedance", antwortet sie. Dubinski: "Was ist Reggaedance?" Manuela: "Viel Hüfte, viel Brust, viel Hüfte." Dazu schwingt sie die Hüften und zeigt auf ihre Oberweite. Das Publikum johlt auf.

Doch dann wird es wieder ernst. Die Jury muss nun ihre Top 3 wählen. Die Spannung steigt. Im Saal wird es ruhig.

Platz 3 geht an - Trommelwirbel - Katie Steiner aus Norddeutschland. Sie scheint froh und traurig zugleich. Keine Freudentränen, keine Trauertränen. Sie bekommt die Schärpe und eine kleine Krone. Platz 2 geht an - Trommelwirbel - Juliane Brändle aus Sachsen-Anhalt. Die gleiche Szenerie. Es ist verhalten ruhig, die Preisverleihung geht recht nüchtern von statten.

Derweil denkt sich Nellys Mutter Anke Bojahr: Schade, dann hat es halt nicht geklappt.

Und Platz 1 geht an - extra langer Trommelwirbel - "die Nummer eins - vier - vierzehn"! "Oh Gott, das ist ja meine Nummer." Es dauert einen Moment, bis Nelly realisiert, dass sie gemeint ist, dass sie nun Miss Germany 2007 ist. Die Miss Germany 2006, Isabelle Knispel, setzt ihrer Nachfolgerin die Krone auf - und hat Tränen in den Augen. Weil sie an ihre Siegerehrung vor einem Jahr denken musste und daran, welch ein toller Moment das war.

Tochter gewinnt Misswahl, Vater operiert

Nelly aber scheint ihr Glück, ihren Erfolg immer noch nicht fassen zu können - oder einfach schon sehr professionell zu sein. Keine Tränen kullern ihr über die Wangen, es gibt auch keine Jubelschreie und keinen Ohnmachtsanfall. Stattdessen haucht Nelly den Kameras um sie herum Küsschen zu und winkt. Ein Blitzlichtgewitter beginnt. Kamerateams stürmen zu ihr auf die Bühne.

Derweil werden - eher nebenbei - noch Platz 4 und 5 bekannt gegeben: Katharina Kögel und Lisa-Meta Brüsch. Der Freund von Katharina, Tim Stobbe, ist überrascht. Zwar war er von Anfang überzeugt, dass sie es unter die Top 10 schaffen müsste. Doch er war auch pessimistisch - weil Katharina Halbphilippinerin ist und gemunkelt wurde, dass die Jury so etwas nicht gerne sehe. "Sie ist die viertbeste von insgesamt 6300 Mädchen, die sich dieses Jahr beworben haben", sagt Ralf Klemmer von der Veranstalter-Organisation Miss Germany Corporation. Tim Stobbe ist beruhigt und freut sich über den vierten Platz seiner Freundin. Er überreicht ihr einen großen Blumenstrauß, das Paar küsst sich - und eine Kamera hält drauf.

Um Nelly stehen immer noch viele Kamerateams, mittlerweile auch zwei Wachmänner. Sie gibt Interviews, lächelt, lässt sich fotografieren. Derweil sehnt sich Anke Bojahr danach, ihre Tochter endlich in die Arme schließen zu können. Der Vater konnte seiner Tochter beim Gewinnen nicht einmal zuschauen - er stand im OP. Er sei stolz, berichtet Anke Bojahr nach einem Telefonat mit ihrem Mann. Und die anderen Mädchen sagen unisono: "Wir freuen uns alle für Nelly." Sie sei so superlieb, sympathisch und die Hübscheste von allen - das Mädchen, dessen Make-Up in der Schule nur aus Wimperntusche besteht.