Models über Topmodels "Das ist doch peinlich"
Hamburg - "So ein derber Zirkus", sagt Jiri. Er guckt "Germany's Next Topmodel" - zum ersten Mal. Jiri beobachtet die "Topmodel"-Kandidatinnen Janina und Carolin, die zitternd und eng umschlungen vor der Jury stehen, dazu dröhnt aus dem Off laut und unheilschwanger schwermütige Instrumentalmusik.
Die ersten Tränen rollen. Es ist Zeit für die nächste Entscheidung.
Jiri, 33, aus Hamburg modelt seit zehn Jahren und sieht Deutschlands derzeitige Lieblings-Castingshow "Germany's Next Topmodel" (GNT) am Dienstag zum ersten Mal. Der Blonde - Kurzhaarschnitt, blaue Augen, durchtrainiert - hat in New York, London und Paris gelebt. "Gemacht" hat er seitdem "eigentlich alles": Gucci, Dolce & Gabbana, Hugo Boss - "nur Versace nicht".
Lilo, 18, kennt sich bei "GNT" besser aus, gilt in der Branche aber als "New Face": Die Schülerin modelt seit zwei Jahren - soweit der Stundenplan es zulässt. Viele ihrer Freunde wissen gar nicht, dass sie in der Freizeit schon mal ein Shooting macht.
"Wie alt ist die? 23? Heutzutage ist das biblisch!"
"Einiges spricht für dich", setzt Hiobsbotschafterin Heidi Klum auf dem Bildschirm an und hält die Carolin dabei fest im Blick, "aber mehr spricht für Janina." Die Blondine ist raus aus der Show, Janina weiter. "Wenn, dann sollte die's auch werden", sagt Lilo. "Wie alt ist die denn?", fragt Jiri, "23?". Kopfschütteln. "Heutzutage ist das biblisch. Selbst die Jungs fangen mit 17 an."
Er selbst sei als damals 23-Jähriger spät gestartet. "Ich frag mich, ob die wirklich denken, dass was aus ihnen wird. Die wollen zu Gucci, aber dort nehmen sie dich nicht, wenn du von Germany's Next Topmodel kommst."
Designer wollen unverbrauchte Gesichter, "New Faces", das weiß Jiri aus Erfahrung. "Die fragen, was du gemacht hast. Wenn du schon mit einer großen Kampagne in Verbindung gebracht wirst, bist du raus - es sei denn, du bist Gisele Bündchen." Schwer hätten es die im Mittelfeld, ohne echtes Profil.
"Wie stolz die sind. Nur wegen dieser Fantasy-Modenschau"
Die drei GNT-Finalistinnen, die erfolgreich wie Gisele Bündchen werden wollen - Janina, 23, Jennifer, 17, Christina, 21 - treffen in der Sendung auf ihre Familien: Nach drei Monaten Model-Drill kehren sie nach Hause zurück, Ausspannen vorm letzten Showdown. Von schluchzenden Müttern und stolzen Freunden werden sie in Empfang genommen. "Das ist doch peinlich", kommentiert Jiri. "Wie stolz die sind. Nur wegen dieser Fantasy-Modenschau."
Die wirklich Großen der Branche seien ohnehin auf der Straße gecastet worden. Jiri selbst wurde in einer Discothek angesprochen, Lilo beim Shopping. "Die Frau hat nur gefragt, ob ich in Hamburg wohne und wie groß ich bin", die damals 16-Jährige erhielt eine Visitenkarte - und eine Einladung zum Probe-Shooting. "Wenn du was werden willst, musst du zu 'Open Calls', offenen Castings, gehen oder Polaroids verschicken: zwei, drei Posen, möglichst natürlich und ungeschminkt", sagt Jiri.
Die beiden Models sind bei einer Hamburger Agentur unter Vertrag, Jiri auch bei Partnern im Ausland. "Immer das Gerede um die Verträge - das heißt doch nichts. Du bist dann in der Kartei einer Agentur, mehr nicht", sagt Jiri. Ob man gebucht wird, entscheide allein der Kunde. Tage mit bis zu vier erfolglosen Castings sind da keine Seltenheit.
"Die Zeit der Topmodels ist eh' vorbei"
Das Topmodel-Halbfinale im TV geht in die Werbepause. Da die spannendste Frage - welches der Mädchen fliegt heute raus? - nach fünf Minuten geklärt war, wird die Sendezeit mit einer hastig inszeniert wirkenden Männerversion des Formats gefüllt: Schnellcasting mit männlichen Models.
Zunächst aber: Werbung. "Da ist Alex!", sagt Jiri. Der durchtrainierte Dunkelhaarige, der sich mit einer Kollegin für Shampoowerbung im Sand räkelt, ist ein Kumpel von ihm. "Der ist einer von den Großen. Komisch, dass die den für so einen Spot nur in der Nebenrolle nehmen." Lilo hat noch nie von Alex gehört. "Die Zeit der Topmodels ist eh' vorbei", meint Jiri. "Mit Namen kennt man sich nur noch in der Branche und von Jobs", sagt Jiri.
In der Show dürfen die Mädels zeigen, was sie von Scharfrichterin Klum gelernt haben, sie machen auf Jury, bewerten die männlichen Kollegen. "Und jetzt flirte Jenny an", wird einer aufgefordert. Jennifer lehnt ungelenk am Tisch, flirtwillig sieht sie nicht aus. Der Mann in Hotpants ist unsicher, seine Hand fährt verlegen Richtung Schritt. "Deine Hand ist ja wohl total deplaziert", herrscht ihn die sonst so scheue Christina vom Jurytisch aus an.
"Ist doch nur bei der Prostitution so"
Einige der Männer-Models sind schmalbrüstig, andere überladen mit massiven Muskelsträngen. "Die wollen es richtig, das sieht man denen an", meint Jiri. "Der ist so ein Bulle, in Designer-Anzüge passt der überhaupt nicht mehr." Jiri gibt dem Jüngling aus Bayern keine große Chancen. "Die wirklich Großen würden bei dieser Farce wahrscheinlich sofort 'rausfliegen. Hier geht's ja nur um Drama."
"Fehlende Selbsteinschätzung ist bei den meisten eh' das größte Problem", ergänzt Lilo. "Jungs müssen einfach Typen sein, gutes Aussehen reicht nicht. Cool müssen die sein. Bei Mädels ist es schon so, 90-60-90."
Jiri stimmt zu. "Weibliche Models erkennt man an der Figur, Männer nicht unbedingt." Dabei ist das Model-Business eine der weniger Branchen, in denen Frauen im Vergleich zu Männern mehr als das Doppelte verdienen. "Ist doch sonst eigentlich nur bei der Prostitution so" - Jiri kann damit leben.
Gewicht 55 Kilo: "Für Paris müsste ich abnehmen"
Ob's mit der großen Karriere schließlich klappt, ist nach Meinung der beiden eher Glückssache. Lernen könne man Modeln nicht, das Laufen vielleicht. "Das ist eben gegeben, du musst Glück haben mit dem Aussehen", sagt Jiri. Er sieht Lilo an. "Du bist ja eher der Katalogtyp. In Mailand wirst du nie laufen." Lilo nickt. "Und für Paris müsste ich fünf Kilo abnehmen." Die 18-Jährige wiegt bei einer Körpergröße von 1,76 55 Kilo.