Oscars: J.K. Simmons und Patricia Arquette sprechen backstage - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
SPIEGEL ONLINE

Backstage bei den Oscars "Es ist Zeit für Frauen"

Was bleibt von den Oscars 2015? SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Marc Pitzke verfolgte die Gala in Los Angeles backstage. Fünf denkwürdige Momente hinter den Kulissen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Tische biegen sich. Buchstäblich: Wie immer ist im Backstage-Bereich des Dolby Theatres ein enormes Buffett aufgefahren. Shrimps, Steak-Spießchen, Frühlingsrollen, Bruscetta, veredelte Nudelsalate, viele Törtchen und noch mehr Kaffee: Die Journalisten, die hier hinter den Kulissen der großen TV-Show über die Oscars berichten, sind so heißhungrig, dass die Kellner das Buffett mehrmals nachfüllen müssen.

Die Stärkung, so scheint es, brauchen nicht nur sie. Stundenlang dauert die Parade der Oscar-Gewinner, die hier vor die Presse treten, während vorne auf der Bühne die TV-Gala läuft. Viele zittern noch von ihrem Sieg, Oscar in der Hand. Andere sind cool und gelassen. Die fünf besten Backstage-Momente.

Ein Oscar für die Edward-Snowden-Doku

Fotostrecke

Oscars 2015: No Surprises

Foto: John Shearer / AP / dpa

Laura Poitras, die im Berliner Exil lebende US-Regisseurin der Edward-Snowden-Dokumentation "Citizenfour", lässt sich auch durch ihren - erwarteten - Oscar-Gewinn nicht von ihrer typisch unterkühlten Nonchalance abbringen. (Alle Oscar-Gewinner finden Sie hier.) Die Frage eines deutschen TV-Reporters hinter der Bühne, wann und wie sie denn feiern werde, ignoriert sie ganz einfach, ebenso eine weitere, woran sie denn als Nächstes arbeite: "Ich spreche nicht über Projekte, die noch in Arbeit sind."

Poitras klemmt ihren Oscar in die Armbeuge und spricht schnell und leise, als wolle sie wirklich möglichst bald verschwinden. Nicht, dass sie sich nicht freue: "Wir alle fanden das ein Erlebnis, wie man es nie mehr im Leben hat", sagt sie. "Dass die Academy einem die Arbeit so anerkennt, das ist ein Traum, der wahr geworden ist." Poitras hat neben ihrem deutschen Co-Produzenten Dirk Wilutzky und dessen Ehefrau Mathilde Bonnefoy, der Cutterin des Films, auch den damaligen "Guardian"-Reporter Glenn Greenwald und seinen Lebensgefährten David Miranda mitgebracht, die beide in Rio leben.

Edward Snowden selbst ist natürlich nicht dabei, der steckt in Moskau fest und verfolgt die Show nach Angaben von Poitras via Webstream. Dafür steht ein weiterer, eher unbekannter Gast mit Poitras auf der Bühne, eine Dame im Taftrock - Snowdens Freundin Lindsay Mills.

Fotostrecke

Oscars: "Ein Traum, der wahr geworden ist"

Foto: Mike Blake / REUTERS

J.K. Simmons, Hollywoods neuer, alter Darling

Als erster Sieger des Abends wird Simmons hinter der Bühne umjubelt, er gewinnt als bester Nebendarsteller für "Whiplash". Der 60-jährige Charakterdarsteller ist einer der verlässlichsten Haudegen Hollywoods, als Stammgast in Serien und bisher im Schatten der großen Stars. "Wahrscheinlich haben mich heute Abend mehr Leute gesehen als in den Werbespots", scherzt er, seinen Oscar umklammernd - eine Anspielung an seine bisher populärste Rolle als TV-Model für die US-Versicherung Farmers Insurance. "Dies ist das Sahnehäubchen auf dem außerordentlichsten Erlebnis."

Simmons erinnert sich an seine Zeit, als die guten Rollen nicht so schnell kamen, er spricht von den mageren Jahren. Wie das war im Vergleich zu seinem jetzigen Erfolg? "In diesen mageren Jahren ist man auf jeden Fall ausgeschlafener", lacht er. Aber es sei auch eine "wundervolle und wunderschöne" Zeit in seinem Leben gewesen - "ich musste keine Frau und keine Kinder unterstützen".

Ein ernster Spaßvogel aus Polen

Ernster Film, lustiger Regisseur: Der Pole Pawel Pawlikowski, dessen "Ida" als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet wird, lässt sich schon vorne während seiner überlangen Dankesrede nicht vom Orchester unhöflich von der Bühne geigen. Auch backstage schäumt er über: Ob er seiner Rede nicht noch etwas hinzufügen wolle? Da lacht er: "Ich weiß, ich weiß!"

Was ihm denn durch den Kopf gegangen sei? Da wird er ernst: "Ich habe an meine Kinder gedacht, die zugucken. Ich hoffe, dass sie zugucken. Und ich wollte nur sagen, dass dies toll ist und wundervoll, aber dass meine Kinder das Wichtigste sind in meinem Leben, und das ist mein Hauptpreis." Ach ja, und Polens erster Oscar überhaupt: Das sei "wirklich fantastisch", sagt er. "Ich hoffe, dass es die Welt ermutigt, sich das polnische Kino noch mal genau anzusehen."

Hier geht's um mehr als Glanz und Glamour

Auffallend viele Gewinner repräsentieren diesmal ernste Themen und nutzten die Oscars auch fleißig, darauf hinzuweisen. Ellen Goosenberg Kent und Dana Perry etwa, deren Kurzdokumentation "Crisis Hotline: Veterans Press 1" gewinnt. Der Film beobachtet die Mitarbeiter einer Hotline dabei, psychisch traumatisierte US-Kriegsveteranen telefonisch davon abzuhalten, sich das Leben zu nehmen. "Natürlich habe ich eine persönliche Verbindung zu dem Thema", sagt Perry hinter der Bühne. "Ich habe meinen Sohn verloren. Er war 15, als er sich umbrachte."

Auf einen etwas unpassenden Scherz des Oscar-Moderators Neil Patrick Harris über ihr seltsames Kleid mit schwarzen Pelzkugeln angesprochen, sagt Perry, dass sie das in ihrem Speicher gefunden habe, in der Klamottenkiste ihrer Mutter: "Sie hatte einen tollen Stil."

Frauenpower!

Patricia Arquette, beste Darstellerin in einer Nebenrolle ("Boyhood"), appelliert in ihrer Dankesrede für mehr Rechte und gleiche Gehälter für Frauen. Hinter der Bühne machte sie weiter, mit Klasse und Stil: "Es ist Zeit für Frauen", sagt sie. "Gleich bedeutet gleich." Es sei "nicht zu entschuldigen", dass die USA der ganzen Welt vorschrieben, die Rechte der Frauen zu fördern - ein Seitenhieb auch gegen Hillary Clinton -, "und wir tun das dann nicht".

Besonders freut sich Arquette darüber, dass Oscar-Konkurrentin Meryl Streep bei ihrer Polit-Rede aufgesprungen sei: "Sie ist die Queen der Schauspielerinnen, die Schutzheilige der Schauspielerinnen." Am Ende muss sie dann aber doch - widerwillig - eine Frage nach ihrem Kleid beantworten: "Ich trage ein Kleid, das meine beste Freundin entworfen hat." Sie beide hätten als kleine Mädchen schon beisammen gesessen und geträumt von ihren Lieblingsberufen. Der ihrer Freundin: Modedesignerin. Und ihr eigener Traumberuf? "Schauspielerin."

Fotostrecke

Oscar-Momente: Was Sie auf dem roten Teppich nicht gesehen haben

Foto: SPIEGEL ONLINE

Der Autor bei Twitter: