Streit um Jackson-Erbe: Katherine die Große - DER SPIEGEL
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Streit um Jackson-Erbe Katherine die Große

Sie schneiderte die Kostüme für ihren Sohn, tröstete ihn in Krisen: Jetzt hat Michael Jacksons Mutter Katherine das Sorgerecht für die Kinder des toten Stars erstritten. Die 79-Jährige behauptet sich damit als Chefin des Clans - doch der Streit um das Millionenerbe geht weiter.
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Schon nach Minuten droht das Chaos. Kaum hat Richter Mitchell Beckloff die Sitzung eröffnet, da ergreift der Anwalt Mark Vincent Kaplan mit einem ebenso unerwarteten wie dramatischen Eilantrag das Wort: Sein Mandant, der Dermatologe Arnold Klein, verlange ein Mitspracherecht bei "der Erziehung, der Gesundheitsfürsorge und dem Wohlergehen" von Michael Jacksons Kindern.

Raunen im Saal. "Was ist denn das rechtliche Verwandtschaftsverhältnis?", erkundigt sich Richter Beckloff leicht irritiert. Klein habe eine "langjährige Beziehung" zu Jackson und dessen Kindern gehabt, antwortet Kaplan. "Rechtlich", fügt der weißhaarige Anwalt jedoch kryptisch hinzu, "wird davon ausgegangen, dass er kein Elternteil ist." Beckloff lehnt den Antrag ab.

Mit dieser kurzen, doch spektakulären Szene begann am Montag in einem Gerichtssaal in Los Angeles das jüngste Kapitel im Streit um das Multimillionenerbe des toten "King of Pop". Dass dabei auch ein Hautarzt mitreden durfte, zeigt, wie bizarr diese moderne Saga geworden ist.

Dr. Klein, ein fülliger Herr mit etwas wirrem Blick, saß selbst stumm im Saal. Er hatte Jackson ein Vierteljahrhundert lang behandelt, unter seiner Aufsicht war das Gesicht des Sängers zu jener weißen Maske mutiert, die es zum Schluss war.

"Guter Freund der Familie"

Kleins Anspruch auf die Kinder nährt sich aber noch aus einer anderen, grotesken Verbindung: Debbie Rowe, die Mutter der zwei ältesten Jackson-Kids, war mal Kleins Praxisassistentin, und Klein selbst, so wird gemunkelt, sei deren leiblicher Vater - ein Gerücht, das er nur halbherzig abstreitet: "So viel ich weiß - nicht", kokettierte er neulich bei CNN-Talker Larry King. Er sei ein "guter Freund der Familie" und habe die Kinder "wie ein Vater geliebt".

Womit wir auch schon wieder mitten drin wären in dieser endlosen Seifenoper um Jackson, seinen Nachlass, seine Schulden, seine Kinder. All diese losen Fäden wurden am Montag, fünfeinhalb Wochen nach Jacksons Tod, vor Gericht erstmals fein ausgesponnen, um wenigstens die brisantesten Knackpunkte endlich zu klären: das Sorgerecht für die drei Kinder - und, offenbar wichtiger für manche, die Verfügungsgewalt über Jacksons Vermögen.

Die mächtige Figur im Mittelpunkt dieses Spektakels ist Jacksons Mutter Katherine. Die 79-Jährige, die sich gerne als "Matriarchin" des Musik-Clans bezeichnen lässt, muss sich als Chefin der Dynastie behaupten. Dazu will sie das bisher ihr nur vorübergehend übertragene Sorgerecht für die Kinder offiziell zugesprochen bekommen - und künftig bei der Verteilung des Erbes mitreden, das derzeit von zwei Herren gemanagt wird, die nicht nur ihr suspekt sind.

Wobei dieses Gerichtsdrama für Katherine Jackson auch noch etwas viel Persönlicheres bedeutet. Es ist die ultimative Herausforderung ihres Mutterinstinkts - und logische Folge für eine willensstarke Frau, die hinter den Kulissen immer schon das Heft fest in der Hand hielt.

Geografischer Anker der Familie

Einst schneiderte sie alle Glitzerkostüme der Jackson Five selbst. Später "herrschte" sie über "Hayvenhurst", das heute von der Zwangsvollsteigerung bedrohte Anwesen in Los Angeles, das der weit verstreuten Familie als geografischer Anker diente, derweil die anderen Geschwister eigenen Karrieren nachjagten und Vater Joe sich ins sündige Las Vegas absetzte.

1985 kürte sie die schwarze Frauenzeitschrift "Essence" zur "Mutter des Jahres". Schon damals war sie die einzige Konstante im Leben ihres Sohnes. Sie nahm ihn stets in Schutz - gegen die Kindesmissbrauchsvorwürfe in den neunziger Jahren und dann 2005 bei seinem Sensationsprozess, bei dem sie als einziges Familienmitglied täglich ins Gericht humpelte, aufgrund einer Gehbehinderung, die ihr eine jugendliche Kinderlähmung beschert hatte.

Eine solche Rolle lässt sich schwer aufgeben, selbst wenn der Tod dazwischenfunkt - und vor allem nicht, da es jetzt um Millionensummen geht. Dabei weiß niemand, von wie viel Geld hier wirklich die Rede ist. Selbst die teils handgekritzelten Gerichtsakten benennen das Vermögen nicht: "Noch festzulegen", steht da.

Der Gesamtwert wird in der US-Presse oft auf 500 Millionen Dollar geschätzt. Katherine Jacksons Lager spricht sogar von zwei Milliarden Dollar, verteilt auf "zahlreiche Bankkonten", davon gehen aber mindestens noch mal 300 Millionen Dollar Schulden ab. Der posthume Verkaufsboom für Jackson-Songs lässt erahnen, dass "MJ" zugleich in die makaberen Erfolgsgefilde von Elvis vorstößt. Hinzu kommt Jacksons Anteil an den Rechten der Beatles-Songs, allein die sollen heute noch rund 45 Millionen Dollar im Jahr einspielen.

Der Super-Anwalt

Kein Wunder also, dass Katherine Jackson einen smarten Staranwalt angeheuert hat: Londell McMillan, kürzlich nicht ohne Grund Coverboy des Branchenblatts "Super Lawyers". Der 41-Jährige, der in den Armenviertel Brooklyns aufwuchs, hat schon so schwarze Ikonen wie Prince, Stevie Wonder, Spike Lee, Kanye West und Wesley Snipes vertreten.

McMillan will nun dafür sorgen, dass Jacksons "unvergleichbares Erbe aus Musik und Fürsorge ewig hell scheinen wird" - durch seine Mutter und nicht zuletzt wohl auch durch ihn, McMillan, selbst. Schließlich gibt McMillan - der seit Jacksons Tod auch der offizielle Sprecher der Familie ist - nebenher das Musikmagazin "Source" heraus und versucht sich neuerdings als Produzent und Entertainment-Investor.

Das alles reichte dem Richter am Montag aber nicht aus, um McMillans Mandantin als neue Co-Nachlassverwalterin Jacksons einzusetzen. Stattdessen beließ es Beckloff zunächst bei der bisherigen Regelung: Das Testament wird weiter ausschließlich von zwei alten Vasallen Jacksons vollstreckt, dem Musikproduzenten John McClain und dem Anwalt John Branca.

Jackson hatte die beiden 2002 dazu bestimmt - per Testament, das freilich erst nach seinem Tod auftauchte. Das sprach die Kinder der Großmutter zu und die Aufsicht über Jacksons Finanzen den beiden Veteranen. McClain hatte einst Janet Jacksons ins Musikgeschäft geholfen, Branca war derjenige gewesen, der 1985 die Beatles-Rechte beschafft hatte.

An dem Testament änderte auch nicht, dass Jackson seit 2006 gar nichts mehr mit Branca zu tun gehabt hatte. "Michaels Wünsche in 2002", protestierte Jackson-Anwalt McMillan, "entsprachen nicht seinen Wünschen in 2009."

Bittere Beschwerden

Katherine Jackson beschwerte sich bei Gericht bitter: McClain und Branca ließen sie über die Finanzlage völlig "im Dunkeln" - dabei habe Michael Jackson nur sie als engste Vertraute betrachtet, auch in geschäftlichen Fragen. Die Beschuldigten wehrten sich umgehend: Mrs. Jackson wolle "das Testament umschreiben".

Erschwerend kommen die Verbindungen der Testamentsvollstrecker zur Konzertfirma AEG Live hinzu, die Jacksons Comebackshows produziert hatte und nun auf millionenschwere Erlöse aus der Vermarktung des Probematerials hofft. Der Richter vertagte die Entscheidung über die komplexe Nachlassverwaltung schließlich auf Anfang Oktober. Er befahl McClain und Branca zugleich aber, Mrs. Jackson bis dahin in alle finanziellen Details einzuweihen - so lange sie ihrerseits darüber öffentliches Stillschweigen bewahre.

Endgültiges Sorgerecht

Eine Urteil fällte Beckloff jedoch am Montag schon: Katherine Jackson bekam das endgültige Sorgerecht für Prince Michael, 12, Paris, 11, und Prince Michael II. genannt "Blanket", 7. Debbie Rowe, die Mutter der beiden Älteren, hat weiter Besuchsrechte, die Leihmutter von "Blanket" wurde hingegen nie identifiziert.

Auch billigte Beckloff Mrs. Jackson eine Art monatliche Unterhaltszahlung für sich und die Kinder aus dem Jackson-Erbe zu. Andernfalls, so hatte ihr Anwaltsteam das Gericht gewarnt, habe sie "keine unabhängigen Mittel" - außer ihrer "extrem bescheidenen Rentenbezüge".

Am Ende des Verhandlungstags trafen sich einige der Hauptbeteiligten mal wieder dort, wo sie seit Jacksons Tod fast jeden Abend verbringen wie Gäste einer Stammkneipe - in Larry Kings TV-Studio am Sunset Boulevard. "Wir haben eine Menge erreicht", freute sich Mrs. Jacksons Anwalt McMillan. "Wir hätten keinen besseren Ausgang erwarten können."

Katherine Jackson selbst blieb den Kameras fern. Statt dessen gab sie ihr erstes Interview seit dem Tod ihres Sohnes per Telefon. "Ich glaube nicht", sagte sie dem TV-Sender Fox News, "dass er eines natürlichen Todes starb." Aber das ist natürlich wieder eine ganz andere Frage, für ein anderes Gericht, zu anderer Zeit.

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