Urban Explorations: Interview mit Ruinenfotograf Marat Dupri - DER SPIEGEL
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Urban Exploration: Streifzüge durch die Ruinen der Zivilisation

Foto: Marat Dupri

Russischer Ruinen-Fotograf "Ich stelle mir Leben vor, wo nie wieder Leben sein wird"

Marat Dupri ist ein Urban Explorer: Der Russe fotografiert verlassene Gebäude, die sich die Natur zurückerobert. Hier beschreibt er, was ihn daran reizt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihrem Blog veröffentlichen Sie atemberaubende Fotos verwaister Militärobjekte und verfallener Schlösser. Manche sind unwirklich wie Aufnahmen von einem Filmset. Wie kommen die zustande?

Dupri: Mein Hobby nennt sich Urban Exploration. Es geht darum, seit Langem verlassene Orte aufzuspüren, Ruinen der Zivilisation, die märchenhaften Plätze der Realität.

SPIEGEL ONLINE: Was reizt Sie daran?

Dupri: Menschen vergessen Orte, selbst wenn sie geschichtsträchtig sind. Sind die Menschen weg, kehrt die Natur zurück, Bäume wachsen, und ich stelle mir dann Leben vor, wo kein menschliches Leben mehr sein wird. Ich empfinde eine angenehme Traurigkeit, Melancholie.

SPIEGEL ONLINE: Geht es nicht auch darum, wer die schönsten Fotos schießt?

Dupri: Ich würde sagen: Nein. Natürlich mache ich Fotos und poste sie online. Ich poste aber nie die Koordinaten oder gar eine Wegbeschreibung zu dem Objekt. Das ist bei Urban Explorern verpönt. Es geht nicht um Ruhm.

SPIEGEL ONLINE: Worum geht es dann?

Dupri: Ich kann gut nachdenken an solchen Orten. Die Zeit bleibt stehen. Du fühlst dich sehr allein. Mich erfasst dann eine behagliche Einsamkeit. Ich setze mich auf den Boden, betrachte still die verlassene Schönheit, lasse diese Orte langsam durchsickern bis zu meinem Herz. Ich tauche ein. Das ist viel mehr, als nur ein schönes Foto schießen.

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SPIEGEL ONLINE: Sie sind ursprünglich als Roofer bekannt geworden, als Dachkletterer. Sie waren sogar mal Gast im Studio bei Stefan Raab . Wieso nun Urban Exploration?

Dupri: Ich habe mit den Dächern aufgehört, als das vor Jahren zu einer Massenbewegung wurde. Vor sechs Jahren kannten sich in Moskau noch alle Roofer persönlich. Heute sind die Dächer überlaufen, die Jüngeren liefern sich einen gefährlichen Wettstreit um immer halsbrecherische Selfies. Dabei wollte ich nicht mehr mitmachen. Deshalb habe ich aufgehört. Urban Exploration ist noch nicht sehr populär in Russland. Es gibt vielleicht zehn Leute, die diesem Hobby nachgehen. In Europa ist das viel stärker verbreitet.

Sehen Sie hier eine Auswahl von Marat Dupris Aufnahmen von russischen Dächern

Fotostrecke

Moskau von oben: Wie der "Skywalker" die Dächer erklimmt

Foto: Marat Dupri

SPIEGEL ONLINE: Man hört aber wenig davon.

Dupri: Niemand hängt das an die große Glocke. Das Motto von Urban Explorern lautet: Take only pictures, leave only footprints. Wenn ein Gebäude von Vandalen heimgesucht wurde, kommt es vor, dass sich die nächsten Besucher ans Aufräumen machen. Sie bemühen sich, den Zustand des geordneten Zerfalls wiederherzustellen. Es gibt einen Mann, der in verfallenen Schlössern Musikstücke komponiert. Es gibt auch in Belgien eine Gruppe, die sich "Die Gentlemen" nennt. Die ziehen Anzug und Fliege an. Mir macht das immer wieder klar, wie sehr wir Russen uns doch noch von Europäern unterscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Dupri: Solche Hobbys wie Urban Exploration sind in Russland Sache der Jungen. In Europa dagegen sind die meisten Urban Explorer bereits Mitte 40. Sie haben Karriere gemacht, eine Familie gegründet und sind der festen Überzeugung, dass ihr Leben jetzt erst richtig losgeht. Wir in Russland dagegen denken, dass wir uns in jungen Jahren beeilen müssen, alles zu erleben. Ab 40 gehörst du hier zum alten Eisen.

Viele im Westen dagegen leben in dem Bewusstsein, dass ihnen die Zukunft schon nicht wegläuft. Was uns unterscheidet, ist die Gewissheit für den morgigen Tag. Die kennen wir so nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie finanzieren Sie Ihr Hobby?

Dupri: Ich verdiene etwa 1000 Euro pro Monat. Das meiste Geld lege ich beiseite für die Flüge, ich wohne noch bei meinen Eltern. Ich bin sparsam: Nach Möglichkeit reise ich in einer kleinen Gruppe. Wir teilen die Kosten für Mietwagen und Benzin, schlafen im Auto oder in einem der Objekte. Unbeschreiblich, mitten in dieser Schönheit aufzuwachen!

Ansonsten brauche ich nicht viel: Fotoapparat, Taschenlampe, Schlafsack, Handschuhe zum Klettern, eine Ultraschallpfeife, um im Fall des Falles Hunde zu vertreiben. Unterwegs kaufe ich möglichst sättigendes Essen, Sachen mit hohem Energiewert. Donuts sind ganz gut.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind jetzt 25 und haben schon 70 Länder bereist. Seit dem Ausbruch des Ukraine-Konflikts haben sich die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen dramatisch verschlechtert. Spüren Sie das?

Dupri: Ich hatte 6000 Follower auf Facebook. Nach der Krim haben mich rund Tausend aus ihrem Freundeskreis geworfen. Viele davon waren Ukrainer. Ich habe mich gar nicht zu politischen Themen geäußert, aber denen hat schon gereicht, dass ich Russe bin. Auf Puerto Rico habe ich zu hören bekommen, alle Russen seien schlecht erzogen und notorische Lügner. Das macht mich krank. Ich sehne mich zurück nach den Zeiten, als das Wort Russe noch nicht so viele negative Assoziationen hervorrief. Wenn ich unterwegs bin, stelle ich mich jetzt aber demonstrativ vor: Marat Dupri aus Moskau.

SPIEGEL ONLINE: Wieso das?

Dupri: Ich will beweisen, dass die Vorurteile nicht wahr sind. Ich seh' mich auch als Diplomaten.


Hinweis: Dieses Interview wurde für das Buch "Generation Putin - Das neue Russland verstehen"  geführt. Marat Dupri ist einer von sechs jungen russischen Protagonisten, deren Geschichten das Buch schildert. Einen Eindruck vom Buch vermittelt das folgende Video.

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