HAPPENINGS Lieber Cuba libre
Der Kubaner verstand nur drei deutsche Worte: Zigarre, Tanzen und Techno. Aber das war auch schon das Wesentliche des Abends. Sowieso war der Mann eher Teil der Dekoration bei der kubanischen Party im »Subground« am Prenzlauer Berg. An der Wand hingen da noch die Nationalflagge und Poster von Fidel Castro, dicke Havanna-Zigarren wurden zum Verkauf angeboten.
Der Technoveranstalter Matthias Hentschler, 24, mixte »Mojitos«, Cocktails aus Rum mit Limonenscheiben, Rohrzucker, Eis und Minzblättern. Ein Projektor warf Dias aus Kuba an die Wand - abgeschabte Hauswände, holprige Straßen, Berlin oft gar nicht unähnlich. Aus den Boxen wummerte Techno, die moderne Berliner Tanzmusik. Das war auch die Botschaft des Abends: Berlin ist das deutsche Havanna.
Und umgekehrt: Havanna ist das kubanische Berlin. So jedenfalls sieht es der Partymacher Hentschler - und bezieht sich dabei vor allem auf die Parallelen zwischen Techno und Salsa. Die unterschieden sich zwar im Rhythmus, nicht aber in der Lebenshaltung: Tanzen, Feiern, Trinken als Fröhlichkeitsrevolution gegen den deprimierenden Alltag. Deshalb bereitet der Berliner gemeinsam mit seinen Freunden vom »Gestalterkollektiv zur Erzeugung von Tanzstellen« nun ein größeres Projekt vor. Wenn in Havanna vom 28. Juli an die 14. und mittlerweile reichlich abgeblätterten Weltjugendfestspiele stattfinden, startet er in der kubanischen Hauptstadt das erste Techno-Freundschaftsfest für die Tanzenden dieser Welt.
Kubanische Musiker dürfen mit Berliner DJs zusammenarbeiten, Windobjekte sollen über den Tänzern fliegen und als Projektionsflächen für Videoanimationen dienen. Schwarzlichtscheinwerfer und dreidimensionale Laserfiguren könnten Havannas Innenstadt wenigstens für eine Nacht zur bunten Glamour-Kulisse aufbessern.
Am Erfolg seiner kuriosen Großveranstaltung hat Hentschler keinen Zweifel. Vor eineinhalb Jahren war er mit seinem Freund Michael Doering, 35, einem Filmemacher aus Berlin, in die Vereinigten Staaten gereist, um an einer Dokumentation über Techno- und Housemusik zu arbeiten. Spontan entschlossen sie sich zu einem Abstecher nach Kuba. Dabei spielten sie auch kubanischen Jugendlichen aus Berlin mitgebrachte Kassetten vor.
Das Ergebnis war phänomenal. Die Kubaner tanzten sofort zu den Stampfrhythmen und verlangten nach mehr. Die beiden Deutschen pendelten daraufhin des öfteren als Import- und Exportkaufleute zwischen Havanna und Berlin hin und her - Techno für Kuba, Salsa und Havanna-Zigarren für Deutschland.
Im Februar veranstalteten sie in Kubas Hauptstadt eine erste große Raveparty: Mehr als 600 junge Menschen tanzten bis zum Morgengrauen zu Technoklängen, und es wären noch mehr gewesen, hätten die Berliner einen größeren Raum gefunden. Hentschler wäre am liebsten gleich dageblieben: »Kuba ist klasse«, behauptet er, »Berlin, die deutschen Frauen, das miese Wetter - das geht mir auf die Nerven.« Lieber Cuba libre als Berliner Weiße.
»Kuba ist zwar eine Militärdiktatur«, sagt er, »aber da sich die Strukturen mehr und mehr auflösen, entsteht Platz für ganz neue Ereignisse und Erlebnisformen.« Ähnlich sei das Anfang der neunziger Jahre in Berlin gewesen: Da gab es Technopartys in Bunkern, und in verlassenen Häusern eröffneten Kneipen. Weil aber inzwischen vom »Tacheles« bis zum »E-Werk« das Nachtleben etabliert und kultiviert ist, will der Mann nun im fernen Havanna die Weltjugend in Bewegung setzen.
Die Behörden in Havanna sind zwar nicht begeistert von dem Jugend-Spaß, der aus Europa kommt. Doch Hentschler plagt sich derzeit vor allem mit den Ärgernissen des real existierenden Kapitalismus. Er muß Sponsoren finden, um die aufwendigen Licht- und Soundinstallationen zu bezahlen. Das ist offenbar schwierig. Die üblichen Verdächtigen aus der amerikanischen Softdrink- und Zigarettenbranche kommen nicht in Frage, weil sie das US-Handelsembargo gegen Kuba brechen müßten. Auch deutsche Firmen wollen sich nicht gern mit den Amerikanern anlegen und haben erst mal abgewunken.
So bleiben dem Berliner am Ende wohl nur zwei Möglichkeiten: Entweder feiert er nur mit einem sehr kleinen Teil der sozialistischen Technojugend, oder er muß noch ein paar Zigarren mehr nach Deutschland importieren. Die kann er dann bei seinen Salsapartys in Berlin verkaufen - zu Marktpreisen, selbstverständlich.
* Am 12. Juli.