Loch im Sarg - DER SPIEGEL
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MYTHEN Loch im Sarg

Bayerische Royalisten haben seltsame Spuren am Sarkophag des Märchenkönigs Ludwig II. entdeckt. Wurde der Leichnam beseitigt?
Von Ulrich Jaeger
• aus DER SPIEGEL 31/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf Krücken gestützt, zwei Freunde zur Seite, plagte sich der Königsfan die Stufen in der Münchner St.-Michaels-Kirche hinab. Unten in der Gruft, vor dem Sarkophag Ludwigs II., der Bayern prunkvolle Schlösser und das Mysterium seines jähen, unnatürlichen Todes hinterließ, legte der »Lahme« die Gehhilfen ab.

Während eine attraktive Komplizin den Wächter im Vorraum ablenkte, packten die drei Männer ein kleines Wägelchen aus, auf das sie einen Fotoapparat samt Blitzanlage montiert hatten. Mit Hilfe der Krücken schoben sie die Apparatur nach einem festgelegten Schema unter dem auf Sockeln ruhenden Sarg hin und her.

Sensationell sei die Fotoausbeute der Gruft-Mission, behaupten die drei Heimlichtuer nun, bewiesen die Bilder doch: »Ein Loch ist im Sarg!«

Die drei Männer gehören zu den »Guglmännern« Ihrer Majestät, einem selbst ernannten Geheimbund von Royalisten, der bislang vor allem durch Gedenkaktionen für Ludwig II. auffiel. Mit dem Fototrip in die Gruft, so behaupten sie, hätten sie eine Sensation aufgetan: Die letzte Ruhestätte des am 13. Juni 1886 Verstorbenen sei gewaltsam geöffnet worden, so Richard H., einer der Königstreuen. Außer dem Loch sei bei der Aktion Ende Mai auch eine verdächtige Lötnaht entdeckt worden, die sich rund um den Boden des Zinnsarkophags zieht.

Wie eine Sardinenbüchse sei der Sarg einst aufgetrennt worden, so die Guglmänner. Das Loch, etwa 40 Zentimeter lang, sei entstanden, als Grabräuber den Sargboden mit roher Gewalt aufhebelten, um den Leichnam des Märchenkönigs verschwinden zu lassen. Der hatte nach amtlichem Obduktionsbefund einst die »ganz auffallende Körpergröße« von 191 Zentimetern und »kolossale Dimensionen« von Bauch und Brust. Nur, warum den toten König stehlen?

Darauf kennen die Geheimbündler, die sich als Nachfahren jener Kapuzenträger (bayerisch: Guglmänner) sehen, die einst den Särgen bayerischer Könige voranschritten, nur eine Antwort: um den »Mord« an Ludwig »auf ewig zu vertuschen«. Der Sarg müsse geöffnet, zumindest durchleuchtet werden, fordern die Ludwig-Fans vom Königshaus der Wittelsbacher, das seit Jahrzehnten derartige Ansinnen als Störung der Totenruhe ablehnt.

Anfang Juni 1886 war der 40-jährige Ludwig, der ein Vermögen mit dem Bau seiner Schlösser verprasst hatte, von Gutachtern unter Leitung des Irrenarztes Bernhard von Gudden, 62, für geisteskrank erklärt worden. Das bayerische Kabinett entmündigte den König, ließ ihn am 9. Juni verhaften und ins Schloss Berg am Starnberger See bringen.

Vier Tage später wurden Ludwigs Leiche und die des Gutachters von Gudden im See gefunden. Die offizielle Version: Der König verübte Selbstmord, und von Gudden wurde entweder vorher von ihm ertränkt oder kam bei dem Versuch ums Leben, ihn zu retten. Das halten Ludwigologen freilich für einen Schmarrn. Der König, so ihre Verschwörungstheorie, sei hinterrücks erschossen und in den See gestoßen worden. Der Tat verdächtigt werden, selbstverständlich, die Preußen, der damalige bayerische Ministerratsvorsitzende Johann von Lutz und das bayerische Königshaus.

In den dreißiger Jahren, so die Theorie der Guglmänner, hätten die Wittelsbacher dann fürchten müssen, dass sich Adolf Hitler über ihre Rechte an Sarg und Leichnam hinwegsetzt. Er hätte Ludwig II. exhumieren lassen können und wäre dabei dem Mord auf die Spur gekommen. Deshalb habe das Königshaus den Leichnam in einer »Nacht-und-Nebel-Aktion«, so die Guglmänner, verschwinden lassen.

Der Verdacht, der König liege nicht mehr in der Kiste, treibt Ludwig-Fans seit Generationen um. Neu sind Loch und Lötnaht. Doch: Für einen Mord, so Christof Botzenhart vom Münchner Institut für Bayerische Geschichte, »gibt es kein Motiv«. Weder Reichskanzler Otto von Bismarck noch die Wittelsbacher oder die bayerische Regierung hätten Grund gehabt, den entmündigten Ludwig zu ermorden.

Das Kapitel um Ludwigs Tod ist damit aber nicht geschlossen. Eine Öffnung des Sarkophags, so Experte Botzenhart, sei wünschenswert, das sei die einzige Möglichkeit, »noch Licht in Ludwigs Todesumstände zu bringen«.

Die Wittelsbacher um Herzog Franz von Bayern wollen freilich auch heute nichts von einer Exhumierung hören. Die Lötnähte am Sargboden seien »original«, das Loch, so der Sprecher der Wittelsbacher Andreas von Majewski, Folge organischer Zersetzungsprozesse im Holzsarg ("z. B. Leichenwasser"). Sie hätten den Boden des umhüllenden Zinnsargs »partiell angegriffen«.

Damit geben sich die Gugl-Gruftologen nicht zufrieden. Eine Analyse der »fraglichen Stelle« habe ergeben, dass das Loch mit Lehm zugekleistert wurde. Solchen Pfusch mache doch nur jemand, der eilends einen Patzer verschleiern müsse. Und die Lötnaht sei eine »außerordentlich grobe Arbeit«, die im Widerspruch zur sonst »perfekten handwerklichen Ausführung des Sarkophages« stehe. ULRICH JAEGER

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