Looney Design Bazillus als Therapie
Hamburg - Alessandro A. ist schwer beschäftigt. Der 28-jährige psychisch Kranke bastelt im Karlsruher "Frommelhaus" am "Bazillus", einem Geschirrtuchhalter aus Katzenspielzeug und einen Saugnapf. Er schneidet ein Loch in den genoppten Katzenball, nimmt eine Gewindestange, schmiert sie mit Kunststoffkleber ein und dreht die Stange mit einem Ende in den Ball und mit dem anderen in den Saugnapf. Fertig.
Alessandro A. nimmt an einem ungewöhnlichen Projekt in Baden-Württemberg teil. Das "Frommelhaus" ist zusammen mit elf weiteren integrativen Werkstätten mit Designstudenten der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Stuttgart eine Kooperation eingegangen. Die Kreativen entwerfen schicke Alltagsware, die die Bewohner der Heime dann in ihren Werkstätten herstellen. "Bazillus" ist ein Produkt aus einer breiten Angebotspalette, die unter dem Label "Loony Design" erscheint. Dazu gehören unter anderem der "Brandmeister", ein Portemonnaie aus Feuerwehrschlauch, oder der "pocket advent", Adventskerzen in Streichholzschachteln.
"Für Loony Design arbeiten 6 Menschen in Vollzeit und bis zu 15 in Teilzeit", sagt Loony-Sprecher Günther Knauthe SPIEGEL ONLINE. Die Frauen und Männer litten unter Schizophrenie oder schweren Depressionen. Auf dem freien Arbeitsmarkt könnten sie keine Stelle finden. "Hier in den Werkstätten erfahren sie, dass sie nützlich sind. Das hilft ihnen sehr", berichtet Knauthe.
Das glaubt auch auch Roland Bauer. Der Sozialarbeiter aus dem "Frommelhaus" ist für die Arbeitstherapien der seelisch gestörten Heimbewohner zuständig. "Das Loony-Projekt ist aus therapeutischer Sicht Gold wert. Das ist einfach ein Glücksgriff", erklärt Bauer. Das Wichtigste dabei "ist das Gefühl für unsere Bewohner, dass sie keine Mitleidsarbeit machen. Sie produzieren hochwertige Designer-Ware. Das gibt Selbstvertrauen".
Für diesen Einsatz für psychisch Kranke wurden die Initiatoren von Loony Design nun ausgezeichnet. Der Deutsche Caritasverband, das Diakonische Werk und das Magazin "Chrismon" haben das im Februar begonnene Projekt mit dem sozialen Preis "Innovatio 2005" geehrt. Über 240 Initiativen hatten sich für den Preis beworben, der alle zwei Jahre ausgeschrieben wird.
Der Präsident des Deutschen Caritasverbandes, Peter Neher, sagte in seiner Laudatio bei der Verleihung des mit 13.000 Euro dotierten Preises: "Das Loony-Projekt verbindet Soziales und Design auf unkomplizierte Weise. Hier kommen Menschen zusammen, die sich wahrscheinlich nie kennen lernen würden." Das helfe, Vorurteile abzubauen.
"filo" verkauft sich tausendfach
Die Früchte der Arbeit lassen sich zurzeit nur über die
Homepage des Projektes ordern. Obwohl einige Stücke, wie das Filz-Brillenetui "filo", sich "tausendfach verkaufen", trage sich das Projekt noch nicht selbst, erklärt Knauthe. Dennoch setzen er und seine Kollegen aus den Werkstätten große Hoffungen in die Initiative. Denn die Zukunft der Hilfshäuser ist unsicher.
"Wir verlieren zunehmend Arbeitsaufträge von großen Unternehmen, die in den Werkstätten Bedienungsanleitungen oder Verpackungen herstellen ließen", stellt Knauthe fest. "Mit unseren Eigenentwicklungen können wir aber die Existenz der Werkstätten sichern und Menschen Arbeit geben, die sonst keine hätten."
Für dieses Ziel setzen sich auch die Designer der Stuttgarter Akademie ein. Schließlich profitieren auch sie von dem Projekt. "Hier können unsere Entwürfe endlich zu Produkten umgesetzt werden", sagt Manuel Meßmer. Der 26-Jährige hatte eine Obstschale aus Draht entworfen, die Loony nun in seinem Programm anbietet.
Der ehemalige Design-Student Sven Baacke möchte noch einen Schritt weiter gehen. Nach dem Studium hat der Entwickler des "schwäbischen adventlichts" den Kontakt zu Loony aufrecht erhalten. Er will das Projekt nun weiter vorantreiben. "Der nächste Schritt wäre, dass wir mit den Werkstätten zusammen neue Produkte entwickeln", sagt der 31-Jährige. Die psychisch Kranken würden dann nicht nur die Vorgaben der Designer ausführen, sondern könnten ihre eigenen Ideen einbringen und neue Produkte entwickeln.
Doch jetzt, kurz vor Weihnachten, müssen erstmal die aktuellen Bestelllisten abgearbeitet werden. Für den Geschirrtuchhalter "Bazillus" kam vor kurzem noch ein Großauftrag, berichtet Bauer. So muss Alessandro A. wieder ran - schneiden, kleben und den "Bazillus" zusammenschrauben.