Lorenz-Chat: Das Protokoll, zweiter Teil - DER SPIEGEL
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Lorenz-Chat Das Protokoll, zweiter Teil

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

guefisch: Entwickelt man nicht so etwas wie Mitleid, wenn man mit Menschen zu tun hat, die so offensichtlich ungebildet und weltfremd (Ist Deutschland eine Insel?) sind?

Andreas Lorenz: Einige waren nicht ungebildet: Eines scheint mir aber festzustehen: Nur mit mehr Chancen auf Bildung und mit mehr wirtschaftlicher Hilfe, Chancen auf Jobs, ist dem Problem beizukommen.

RobertS: Was empfinden Sie im Nachhinein für Ihre Entführer?

Andreas Lorenz: Kein Mitleid. Zorn und Verachtung. Sie sollten bestraft werden.

Jabberwocky: Was denken Sie welche Rolle Gouverneur Tan in dem Drama spielt?

Andreas Lorenz: Schwer zu beurteilen. Er ist für die Insel Jolo verantwortlich und sicherlich eine schillernde Figur. Mir hat er geholfen

strassner: Finden Sie nicht, dass der Rummel um Ihre Person ein bisschen geschmacklos ist. Nach dem Motto: Der Spiegel hat eine Exklusiv-Geisel und das schlachten wir jetzt aus.

Andreas Lorenz: Ich hoffe, dass sich die Aufmerksamkeit bald auf die Freilassung der anderen Geiseln konzentriert. Sonst: Ich denke, viele Menschen interessieren sich dafür, wie die Einzelheiten der Entführung waren.

jjo: Wie wird man als Journalist auf solche Extremsituationen vorbereitet?

ChannelMaster: Es ist jetzt 16.30 Uhr.

Andreas Lorenz: Es gibt kein Rezept, aber es ist natürlich besser, wenn man Erfahrungen in der Region hat und sich so gut wie möglich informiert, bevor man dort hinreist

"Ich denke, ich habe mich nicht bewusst in Gefahr begeben"

Eigentor: Welches Motiv hatten Sie nach der ersten kurzzeitigen Festnahme, sich erneut in Gefahr zu begeben? War es auch Druck, um exklusiv für den Spiegel berichten zu können?

Andreas Lorenz: Es gab keinerlei Druck. Ich denke auch, dass ich mich nicht bewusst in Gefahr begeben habe. In solchen Situationen muss man Schritt für Schritt entscheiden. Wem vertraue ich, mit wem arbeite ich zusammen?

Cornelius Winter: Werden/sollten Ihre Erfahrungen Konsequenzen für die zukünftige Berichterstattung aus Krisenregionen haben?

Andreas Lorenz: Ich werde weiterhin in solche Regionen fahren und versuchen, mich so klug wie nur möglich zu verhalten. Sollen wir denn nicht mehr aus Krisenregionen berichten?

SPIEGEL ONLINE: Liebe Chatter, ein kurzer Hinweis zwischendurch: Dies ist ein moderierter Chat, das heißt, die Fragen werden von uns Moderatoren gesichtet, beispielhaft ausgewählt und erst dann freigeschaltet. Dies ist notwendig, da der Andrang der Fragen sich sonst nicht beantworten ließe. Hiefür bitten wir um Euer Verständnis.

Guido: Unter welchen Umständen würden Sie nach Jolo zurückkehren?

Andreas Lorenz: Unter keinen

wollner: Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass die Entführer alle restlichen Geiseln freilassen?

Wann die anderen Geiseln freigelassen werden, ist nur eine Frage der Zeit

Andreas Lorenz: Hoch, die Frage ist nur wann

jazzical: Haben Sie das Gefühl, dass die Entführer das Ganze bewusst in die Länge ziehen, um lange medienpräsent zu bleiben und um so möglichst viel für sich herausholen zu können?

Andreas Lorenz: Nein, ich denke, es geht ihnen vor allem darum, sich selbst zu schützen. Solange sie Geiseln haben, hoffen sie, dass es keinen Angriff des Militärs gibt

Gordon: Sind Sie mit bereits entlassenen Geiseln (Frau Wallert, malaysischen Geiseln) in Kontakt getreten?

Andreas Lorenz: Nein

"Die Lage für die Sipadan-Geiseln ist viel komplizierter"

Marco: Fühlen Sie sich nicht privilegiert, dass Sie jetzt frei sind und die anderen nicht?

Andreas Lorenz: Das ist ein großes Glück für mich. Aber es liegt daran, dass meine Entführergruppe nur eine einzige Geisel hatte: mich. Die Lage für die Sipadan-Geiseln ist viel komplizierter. Die Entführergruppe ist größer, da wollen sich mehr Leute eine Scheibe vom Kuchen abschneiden

Arch-Stanton: Hatten Sie konkrete Hinweise, dass Ihre Entführergruppe mit der Gruppe, die Familie Wallert und andere entführt hat, in Kontakt stand?

Andreas Lorenz: Sie erklärten, dass sie eine Splittergruppe waren. Aber: Sie gehörten früher zur Abu Sayyaf. Ich hatte den Eindruck, dass sie auch recht gut über die Lage im anderen Lager Bescheid wussten

phogenkamp: Haben Sie die öffentliche Diskussion um Renate Wallert nachvollzogen? Was halten Sie von der Fragestellung: Durfte sie gehen oder nicht?

Andreas Lorenz: Ich habe diese Debatte nicht mitbekommen

Gordon: Sahen Sie eine Gefahr darin, dass ihre Entführung die Weltöffentlichkeit von der Gruppe Commandant Robots ablenkte?

Andreas Lorenz: Nein

Eigentor: Was ist dran am Bericht der Süddeutschen Zeitung, dass es vor Ort um deine Befreiung zwischen den STERN-Reportern und den SPIEGEL-Leuten zu Komplikationen, bzw. wenigstens Kommunikationsproblemen kam

Andreas Lorenz: Ich war daran nicht beteiligt, kann ich leider nicht beantworten

Die Abu Sayyaf wird von vielen in der heimischen Bevölkerung gehasst

beeep: Werden die Rebellen durch die heimische Bevölkerung unterstützt?

Andreas Lorenz: In der Gegend ihrer Hochburgen, also Talipao und Patikul ganz sicher. Sonst hatte ich den Eindruck, dass die Abu Sayyaf von den Menschen gehasst werden.

Andreas Lorenz: Denn: Vielen Menschen ist bewusst, dass sie nur Unglück über die Region bringen, dass zu viele Menschen sterben müssen, dass sie die wirtschaftliche Entwicklung durch ihre Taten behindern.

nice2829: Was wünschen Sie den Entführern, wenn alle Geisel einmal frei sind? Sollte die Armee hart durchgreifen??

Andreas Lorenz: Ich halte einen Militärschlag grundsätzlich für falsch. Das Problem ist nicht zu lösen, indem man sich gegenseitig umbringt. Die einzige Lösung ist zu versuchen, so etwas wie Gerechtigkeit zu schaffen, eine Gerichtsbarkeit aufzubauen und den Tätern den Prozess zu machen

"Militärschlag nein, das Risiko für die Geiseln ist zu groß"

swimmingpool: Denken Sie, die Regierungen sollten Lösegelder bereitstellen oder sollten die Entführer mit anderen Mitteln zur Freigabe der Geiseln gebracht werden?

Andreas Lorenz: Militärschlag nein, das Risiko für die Geiseln ist zu groß. Lösegeld scheint kaum zu verhindern zu sein

Skyduck: Wie werden Sie diese Entführung verarbeiten, wie hat sich Ihr Leben verändert?

Andreas Lorenz: Der Abstand ist noch zu kurz. Es hat mir geholfen, meine Erfahrungen aufzuschreiben und mit Kollegen und Freunden darüber zu sprechen. Ich hoffe, dass ich schnell und ohne Probleme zu meinem normalen Leben zurückzukehren

rudolf: Haben Sie als Objekt der Medien Schlüsse ziehen können für Ihre Arbeit als Journalist? Schlüsse, aus denen Sie Konsequenzen ziehen werden?

Andreas Lorenz: Ich habe auch früher gedacht, dass man Leute, über die man schreibt, mit Respekt behandeln muss.