Katastrophe bei der Love Parade: Tod im Tunnel
Love-Parade-Katastrophe Lena im Tunnel
Ein grauer Turnschuh mit schwarzem Schnürsenkel baumelt am Absperrgitter vor den 21 Bildern von 21 Opfern am Alten Güterbahnhof in Duisburg. Lena hat ihn dort hingehängt. Sie hat ihn kaum getragen. Den anderen trägt sie in ihrer roten Umhängetasche bei sich, egal, wohin sie geht. Er ist Teil ihrer selbstauferlegten Therapie.
Lena trug am Tag der Love Parade in Duisburg exakt solch ein Paar. Obwohl sie die Turnschuhe fest zugeschnürt hatte, bis oben hin, verlor sie sie im Gedränge im Tunnel, nahe der kleinen mickrigen Leiter, über die sich Hunderte aus dem Gedränge in Sicherheit bringen wollten.
Lena war mit ihrem Freund Tim zu der Techno-Party gekommen. Beide studierten in Essen, es war ihre erste Love Parade. Lena hatte ihre Haare aufwendig hochgesteckt, kleine Blumen eingeflochten, ihr Gesicht kunstvoll mit viel Glitzer geschminkt, ihre hellblauen, katzenförmigen Augen mit dickem Kajalstift verziert. Sie wollten unter freiem Himmel zu den wummernden Bässen tanzen, den Haupt-Act David Guetta live sehen. Er hatte seinen Fans "the biggest music livestream ever" versprochen.
Es war der letzte unbeschwerte Tag in Lenas Leben.
Hand in Hand passierten Tim und Lena die Kontrolle am Eingang des Tunnels in der Karl-Lehr-Straße, lernten im Gewühl eine Gruppe Studenten aus Dortmund kennen. Teilweise stockte der Strom, eng klebte man mit Fremden Haut an Haut, aber die Stimmung war friedlich und heiter. Gemeinsam sangen sie Lieder, fotografierten sich mit ihren Handys. Lena und Tim genossen die Stimmung, Angst empfanden sie nicht. "Da waren überall Polizisten und Ordner", erinnert sich Lena. "Keine Sekunde lang habe ich geglaubt, dass wir in Gefahr sind."
Die 22-Jährige sitzt in ihrem Kinderzimmer im Haus ihrer Eltern in Essen-Rüttenscheid. An der schrägen Holzdecke über dem Bett hängt ein Ganzkörper-Porträt von Robbie Williams, für den sie als Teenager schwärmte. Eine Girlande aus herzförmigen Glühbirnen umrahmt einen Spiegel, auf dem Schreibtisch daneben türmen sich Papierstapel und Zeitschriften. An einer Magnetwand heften Fotos, die Lena als Baby, Kleinkind und mit Schulfreundinnen zeigen. Alles ist so, wie Lena es zurückließ, als sie hier auszog. Nun ist sie wieder zurückgekehrt. Auch das ist Teil ihrer selbstauferlegten Therapie. Die Studentin hat Mechanismen entwickelt, mit denen sie ihre traumatisierenden Erlebnisse im Griff zu haben glaubt. Eine Art Überlebenskonzept.
Lena zog vor drei Jahren in eine WG. Sie wollte endlich auf eigenen Füßen stehen, sich der teilweise klammernden Liebe ihrer Eltern entziehen. Seit dem 24. Juli 2010, dem Tag der Katastrophe, wohnt Lena wieder hier. Sie will nicht mehr alleine sein, sie kann nicht mehr alleine sein. Jetzt klammert sie, hängt wie ein unselbständiges Kind an ihren Eltern.
Nur unter Tränen kann die 22-Jährige das Erlebte schildern. Es ist ein Film, den es in zig verschiedenen Varianten gibt, der sie hochschrecken lässt - meist aus dem Nichts, meist in der Dunkelheit.
Von allen Seiten trampeln Menschen auf sie ein
In ihrer Erinnerung bahnt sich Lena immer wieder den Weg bis ans andere Ende des Tunnels. Sie spürt die fremden nackten Arme und Beine an ihren, die feuchten Klamotten, den abgestandenen Atem. Sie fühlt die Ellbogen und Gürtelschnallen Fremder, wie sie sich in ihren Körper bohren. Sie sieht die Schweißperlen, wie sie jungen Männern aus den Haaren in den Nacken laufen, die glänzenden Gesichter und das verschmierte Make-up anderer Mädchen. In deren Augen spiegelt sich Lenas Panik.
Tim hält noch eine Weile ihre Hand, obwohl längst Fremde zwischen ihnen stehen. Dann verliert sie ihn, sieht ihn nicht mehr, hört ihn ihren Namen rufen. Heute wacht sie manchmal auf von seinem Rufen. "So verzweifelt hatte ich ihn vorher nie schreien hören." Lena starrt ins Leere, verkneift sich die Tränen. Nicht weinen, auch das ist Teil ihrer selbstauferlegten Therapie.
Tim verschwindet im erdrückenden Gewühl der Menschenmasse. Lena spürt ihre Beine nicht mehr, in Zeitlupe sackt sie nach unten. Sie sieht erst nur bunte Stofffetzen, dann nur noch Beine und Schuhe. Ihr tut alles weh, von allen Seiten trampeln die Leute auf sie ein, sie verliert das Bewusstsein.
Als Lena zu sich kommt, spürt sie etwas Weiches unter sich. Es atmet schwer, es ist ein Mensch. Lena liegt auf einem Stapel Menschen am Rande des Tunnels, ihr rechter Arm blutet. Die Wunde reibt am rauen Putz der Betonwand. Aber Lena spürt keinen Schmerz mehr, sie fühlt sich leer und hilflos. Stumm wartet sie auf Rettung. "Ich konnte weder rufen noch weinen. Ich hatte das Gefühl, dass mich selbst das Blinzeln anstrengt", sagt Lena, hastig trinkt sie von ihrer Cola. Den aufsteigenden Kloß im Hals wegtrinken oder wegschlucken, wenn sie über die Love Parade spricht. Das funktioniert ganz gut und ist auch Teil ihrer selbstauferlegten Therapie.
Lena sieht zum ersten Mal im Leben eine Leiche
Aus der Ferne hört sie die Rufe von Ravern, die verletzt sind oder ihre Freunde suchen. Dazwischen die beruhigenden Worte von Helfern, das durchdringende Martinshorn und das flackernde Licht des Blaulichts. Ein Fremder hievt sie schließlich von dem Haufen Menschen. Er selbst hat mehrere Fußabdrücke auf seinem weißen T-Shirt. Er ist groß und kräftig. Er schüttet ihr Wasser ins Gesicht, hält ihren Kopf, damit sie trinken kann, lehnt sie sanft gegen den Koffer eines Rettungssanitäters. Eine Frau hüllt sie in eine Decke.
Lena weiß bis heute nicht, wie lange sie da saß. Sie kann nur den Moment abrufen, in dem ihr Körper wieder selbstbestimmt funktioniert, wie die Kraft zurückkommt und sie aufstehen lässt. Irgendjemand notiert ihren Namen und ihre Adresse.
Als sie die Decke zurückgeben will, muss sie kurz warten. Vor ihr liegt eine Leiche, abgedeckt mit einer gold-silbernen Rettungsfolie. Rettungssanitäter und Ärzte laufen hin und her, die Folie verrutscht für einen kurzen Moment. Lena blickt in das Gesicht einer Frau. Mehr kann sie dazu nicht sagen, mehr will sie nicht dazu sagen. Diesen Moment ausblenden, auch das gehört zu ihrer Selbsttherapie.
Ihr Oberteil ist zerrissen, sie knotet es zusammen, ihre Haare hängen lose auf die Schultern, orientierungslos tappt sie aus dem Tunnel, vorbei an Schwerverletzten, die auf Tragen gehoben und ins Krankenhaus gebracht werden. Ihr Handy, das sie in die Innentasche ihrer Hose gestopft hatte, vibriert. Tim ist dran. Er weint. Sie fragt einen Mann, wo sie überhaupt ist. Tim holt sie dort ab. Erst jetzt merkt Lena, dass sie keine Schuhe mehr trägt, sie sie im Gedränge verloren hat.
Die letzte Nacht in der WG
Lenas Vater kommt aus Essen, um die beiden Studenten abzuholen. Sie übernachten in Lenas Elternhaus, in ihrem Jugendbett unterm Dach. Kein Auge macht sie zu in jener Nacht, sie sucht Robbie Williams' Blick auf dem Poster. Es beruhigt sie, weil er dort schon hing, als ihr Leben noch so überschaubar, so wohlgeordnet war.
Wochenlang verschanzt sich Lena zu Hause, hängt ihren Eltern regelrecht am Rockzipfel, weint stundenlang vor sich hin, verbringt die Nächte vor dem laufenden Fernsehapparat.
Eine einzige Nacht verbringt Lena in ihrer WG. "Es war die Hölle", sagt sie. Ihr Vater muss sie frühmorgens abholen. Danach kündigt Lena das Zimmer, ihr Studium bricht sie ab, geht einfach nicht mehr an die Uni. Im Herbst will sie von vorne anfangen. Die Zukunft planen, ihr Leben wieder in die Hand nehmen.
Die Beziehung mit Tim ist in die Brüche gegangen. Er habe kein Verständnis dafür, wie sie mit dem Erlebten umgehe, sagt Lena. Sie hat im Moment keinen Kontakt mehr zu ihm. Auch anderen Freunden geht sie aus dem Weg, vielmehr sucht sie in ihrem alten Leben Anschluss. Sie hat Mädchen angerufen, mit denen sie in der Grundschule war, die sie zuletzt nur noch vom Sehen kannte. Zwei davon sind nun neben ihren Eltern die Einzigen, mit denen sie etwas unternimmt.
Mit ihnen geht sie mal ein Eis essen oder ins Café, mal spazieren, mal auf den Spielplatz wie früher. Dann schaukeln sie und quatschen über alles Mögliche. Nur nicht über die Love Parade.
Ihre Eltern verzweifeln. Sie haben, so sagen sie, alles probiert. Sie haben Lena aufgefangen, getröstet, in den Arm genommen, versucht, ihre Wünsche zu erfüllen. Nach Weihnachten aber sollte es endlich wieder vorwärts gehen. "Das Studium, ihre Zukunft - wie geht es jetzt weiter? Sie kann doch nicht jeden Tag zu Hause sitzen wie ein krankes Kind", sagt die Mutter.
Als sich nichts änderte, alarmierten die Eltern den Hausarzt. Sie luden Tim und Kommilitonen ein. Sie sollten Lena aus ihrem Vakuum ins echte Leben holen. Es half nichts. Lena will sich nicht reinreden lassen. Es alleine schaffen, auch das hat sie sich verordnet.
"Ich schaffe das. Ich werde wieder an die Uni gehen, irgendwann ausziehen und ein selbständiges Leben führen. Ich brauche nur noch etwas Zeit", sagt Lena. Professionelle Hilfe lehnt sie bislang strikt ab.
Die Gesichter der Katastrophe: SPIEGEL ONLINE porträtiert Menschen, die bei der Love Parade waren und den Reportern in den Tagen nach dem Unglück ihre Geschichten erzählten. Begegnungen ein Jahr danach: Wie geht es ihnen heute? Was hat sich seither verändert?